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Erkenne dich selbst

6. Februar 2022
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Erkenne dich selbst โ€“ vielzitierte Inschrift am Tempel des Apollon in Delphi, Leitgedanke des Sonnenwolfs, Mahnung an der Pforte vieler Freimaurertempel โ€“ und auch in Ernst Jรผngers Waldgang: nicht โ€œVolk stehe auf!โ€, sondern โ€œErkenne dich selbst!โ€. Die Freimaurer wurden von den Nationalsozialisten verboten, der jรผngersche Waldgรคnger steht sprachbildlich fรผr den vom Leviathan ungebrochenen Einzelnen und der Sonnenwolf wandert frei im Rudel wรคhrend die Propagandamaschinerie โ€œWir bleiben zuhause!โ€ schreit.

Erkenne dich selbst โ€“ vielleicht die grรถรŸte Konstante im Geiste aller Individualisten. Warum? Warum streben wir nach individueller Selbsterkenntnis statt nach kollektiver Ablenkung? Weil Selbsterkenntnis die Antworten auf zwei essentielle Fragen des Lebens liefert:

1.) Wie ist dauerhaft glรผckliches Leben mรถglich, wie muss ich mich verhalten?

2.) Wie funktioniert die Welt, was sind die Prinzipien des Universums?

Beide Fragen sind untrennbar miteinander verbunden. Da wir Teil des Universums sind, kรถnnen wir nur dauerhaft glรผcklich leben, wenn wir im Einklang statt im Konflikt mit ihm leben. Und glรผcklich und zufrieden leben, das wollen wir alle. Deswegen stellt sich jeder Mensch โ€“ im Regelfall unbewusst โ€“ stรคndig diese beiden Fragen, fast immer รผbertragen auf sein konkretes Alltagsleben: Was muss ich machen, damit ich glรผcklich bin und wie funktioniert das, was ich machen muss?

Beispiel: โ€œWรคre ich nicht glรผcklicher, wenn ich weniger arbeiten mรผsste? Bestimmt! Ich muss mehr Zeit fรผr mich und meine Interessen haben, um glรผcklicher zu werden; und um mehr Zeit fรผr mich zu bekommen, muss ich finanziell unabhรคngig werden, damit ich nicht mehr arbeiten gehen muss. Wie funktioniert es also, finanziell unabhรคngig zu werden?โ€

Hier haben wir die gleichen beiden Fragen, angewandt bzw. รผbertragen auf unsere Lebenswirklichkeit. Wir fragen uns zuerst, wie wir unser Glรผck mehren (und unser Leid mindern) kรถnnen und fragen uns dann, wie wir das in unserem kleinen Mikrokosmos innerhalb des Universums erreichen kรถnnen.

Jede Religion, jede Philosophie, jedes spirituelle System beschรคftigt sich mit diesen beiden Fragen โ€“ und jeder Mensch ebenfalls. Und doch bezeichnet sich nur ein Bruchteil der Menschen als religiรถs, philosophisch oder spirituell. Woher kommt diese offenkundige Diskrepanz?

Daher, dass alle Religionen, alle Philosophien und alle spirituellen Systeme sich innerhalb ihrer jeweiligen Verpackung, innerhalb ihres spezifischen Gewandes, mit diesen beiden essentiellen Fragen beschรคftigen โ€“ und eben diese Verpackungen viele Menschen abschrecken. Das รคndert jedoch absolut nichts daran, dass sich jeder Mensch sein ganzes Leben lang mit diesen beiden Fragen beschรคftigt.

Das Spiel des Lebens ist das Streben nach Glรผck in einer Welt knapper Gรผter (siehe Odin, Nietzsche und der Pfad zur linken Hand), stets streben wir nach Glรผck und stets wird unser Leben von der Knappheit bestimmter Ressourcen tangiert. Daher sind beide Fragen essentieller Teil des Lebens; immer wollen wir irgendetwas und immer fragen wir uns, wie wir bekommen kรถnnen, was wir wollen. Und genauso ist das Selbst untrennbar mit dem Leben โ€“ und somit mit beiden Fragen โ€“ verbunden. Denn wer lebt? Das Selbst lebt โ€“ und wer lebt, stellt sich beide Fragen.

Wer wissen will, was ihn glรผcklich macht, der muss sich selbst verstehen. Das ist Selbsterkenntnis. Und wer wissen will, wie das, was ihn glรผcklich macht, funktioniert, der muss die Welt verstehen. Und wer die Welt verstehen will, der muss zuallererst seine Wahrnehmung der Welt verstehen โ€“ denn es ist ausschlieรŸlich seine Wahrnehmung, mit der er die Welt und ihre Funktionsweise untersuchen kann. Und seine eigene Wahrnehmung zu verstehen, das ist Selbsterkenntnis. Deswegen ist die Antwort auf beide groรŸen Fragen des Lebens immer die gleiche: Erkenne dich selbst!

Erkenne, was dich glรผcklich macht und erkenne, wie du es erreichen kannst โ€“ und wie du es erreichen kannst, das hรคngt vom Wechselspiel zwischen dir und der Welt ab. Das Wechselspiel zwischen dir und der Welt zu verstehen, das bedeutet zu verstehen, wie du die Welt und die Welt dich beeinflusst. Damit du das verstehen kannst, musst du verstehen, wie deine Wahrnehmung und dein Geist funktionieren โ€“ denn deine Wahrnehmung und dein Geist sind die Filter, durch die du deine Erfahrung machst.

Mit Erfahrung meine ich die Summe aller รคuรŸeren und inneren Wahrnehmungen. ร„uรŸere Wahrnehmungen sind solche, die du mittels deiner fรผnf Sinne in bzw. von der Welt machst: Du siehst, hรถrst, schmeckst, fรผhlst und riechst die AuรŸenwelt. Innere Wahrnehmungen hingegen sind deine Gedanken, Gefรผhle, Impulse, Erinnerungen etc. โ€“ also geistige Aktivitรคten.

Beides zusammen โ€“ AuรŸenwelt und Innenwelt โ€“ tritt in deinem Bewusstsein auf. Du bist dir sowohl physischer Objekte wie auch psychischer Objekte bewusst: Du nimmst mit deinen fรผnf Sinnen die AuรŸenwelt nicht nur wahr, sondern du weisst auch, dass du sie wahrnimmst โ€“ und du nimmst deine Gedanken und Gefรผhle nicht nur wahr, sondern du weisst auch, dass du sie denkst und fรผhlst. Du bist dir deiner Erfahrung bewusst.

Und deine Erfahrung, die รคndert sich fortlaufend. Deine Erfahrung als Kleinkind war anders als die als Teenager. Deine Erfahrung heute ist anders als deine gestrige. Und morgen und in zehn Jahren wird deine Erfahrung wieder eine andere sein. Deine Erfahrung kommt und geht โ€“ aber du bleibst. Immer bist es du, der deine Erfahrung macht: Du nimmst deine Wahrnehmung von der AuรŸenwelt wahr und du nimmst deine Wahrnehmung deiner Innenwelt wahr.

Diese Wahrnehmungen รคndern sich kontinuierlich: Als Kleinkind war dein Geist noch nicht so entwickelt wie heute, entsprechend hattest du ganz andere Gedanken und Gefรผhle als heute. Und wenn du alt und grau bist, wird sich dein Geist wieder verรคndert haben und du wirst wieder anders denken und fรผhlen. Genauso auch dein Kรถrper: Der war als Kind anders als heute und wird in 20 Jahren wieder anders sein.

Die Welt, deine Erfahrung, dein Kรถrper, alles รคndert sich fortlaufend. Und doch bist es immer du, der deine Welt, deine Erfahrung und deinen Kรถrper wahrnimmt. Prรคziser: Alles was du von der Welt, von deinem Kรถrper und von deinem Geist wissen kannst, ist deine Erfahrung โ€“ die Summe all deiner Wahrnehmungen. Deine Erfahrung รคndert sich kontinuierlich โ€“ aber du bleibst.

Wenn das stimmt โ€“ und ich appelliere an dich, das grรผndlichst zu รผberprรผfen โ€“ wer ist dann mit dem Appell โ€œErkenne dich selbst!โ€ gemeint? Wer oder was ist das Selbst, das wir erkennen sollen? Wenn deine Erfahrung sich fortlaufend รคndert, aber du immer du bist, wer bist du dann?

Jeder Tag besteht aus Wach- und Schlafphase. Die Schlafphase wiederum besteht aus Traum- und Tiefschlafphase. In der Wachphase machen wir Erfahrung: Wie agieren in und mit der AuรŸenwelt und haben Gedanken und Gefรผhle. In der Traumschlafphase machen wir auch Erfahrung: Unser Geist rรคumt sich mittels Trรคumen selbst auf โ€“ wir machen Traumerfahrungen, wir nehmen unsere Trรคume wahr (und kรถnnen uns manchmal auch detailliert an sie erinnern).

Aber in der Tiefschlafphase, machen wir da Erfahrung? Nein, und eben deshalb ist es diese Schlafphase, die fรผr unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden am wichtigsten ist. Wir kรถnnen Albtrรคume haben, aber wir kรถnnen keinen unangenehmen Tiefschlaf haben. Tiefschlaf ist pure Erholung.

Wenn das stimmt โ€“ und ich appelliere erneut an dich, das grรผndlichst zu รผberprรผfen โ€“ durchleben wir jeden Tag eine Phase ohne Erfahrung. Und was sind wir ohne Erfahrung, ohne Wahrnehmung? Leeres Bewusstsein. Bewusstsein ohne Inhalt. Der Wahrnehmer deiner Erfahrung, der temporรคr nichts wahrnimmt. Eine Lokalisierung von Bewusstsein
, in der wรคhrend der Tiefschlafphase keine Erfahrung auftritt. Erkenne dich selbst ist ein Appell auf mindestens zwei Ebenen: Wer bin ich in meiner Wachphase und wer bin ich wirklich?

In unser Wachphase haben wir eine Persรถnlichkeit โ€“ vom lateinischen Persona, was fรผr Maske, Rolle und Charakter steht. Wie sich dieser Charakter im Spiel des Lebens verhรคlt, das hรคngt vor allem von seinen Glaubenssรคtzen und seinem tiefenpsychologischen Selbst ab. Mit dem Begriff Selbst bezeichnete Carl Gustav Jung die Gesamtheit der menschlichen Psyche, inklusive des Egos und der Archetypen. Sich auf dieser Ebene besser zu verstehen โ€“ psychologische Selbsterkenntnis โ€“ kann sich sehr positiv auf unsere Lebensqualitรคt auswirken. Doch gleichzeitig: Was ist unsere Psyche?

Die Aktivitรคt, das Programm, unseres Geistes โ€“ ein Sammelsurium von Gedanken, Gefรผhlen, Erinnerungen, Impulsen und Intuitionen. Und in was tritt unsere Psyche auf? In unserem Bewusstsein. Alles, was wir von unserer Psyche wissen kรถnnen, ist Wahrnehmung โ€“ womit wir wieder bei dem Selbst, bei dem Ich, bei dem Du angekommen sind, das immer konstant bleibt.

Unsere Persรถnlichkeit รคndert sich im Laufe der Jahre. Wir spielen als Kind andere Rollen als mit 15 oder mit 30 oder mit 90 Jahren. Wir tragen im Laufe unseres Lebens unterschiedliche Masken, doch wir bleiben immer der gleiche Schauspieler. Das ist die letzte Ebene der Selbsterkenntnis: Ich bin der Wahrnehmer meiner Erfahrung, aber ich bin nicht meine Erfahrung; ich bleibe immer ich, auch im Tiefschlaf, in Abwesenheit aller Erfahrung. Dieses immer konstante Selbst oder Ich, diese Lokalisierung von Bewusstsein ohne jede Maske, das ist unsere Essenz โ€“ und es ist diese Essenz, auf die Selbsterkenntnis letztendlich abzielt.

Denn sobald ich verstanden und verinnerlicht habe, dass ich immer ich bleibe, ganz gleich welche Erfahrung ich mache oder nicht mache, wovor soll ich dann noch Angst haben? Und was soll mich dann von immer mehr Erkenntnis, Wachstum und Glรผck abhalten?

Derjenige, der sein essentielles Selbst erkannt hat, verliert im Laufe der Zeit all seine ร„ngste und entledigt sich dadurch auch der Tyrannei seines Egos. Das bedeutet nicht, dass er kein Ego mehr hat, er lรคsst sich jedoch nicht mehr von ihm kontrollieren. Stattdessen lebt er aufrichtig gemรครŸ seiner wahren รœberzeugungen und bringt in die Welt, was er in der Welt sehen will.

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