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Analyse: Was beim „Fall Krah“ alles mitschwingt

24. Mai 2024

1.) Vorfeld gegen Partei

Die AfD hat ihr „politisches Vorfeld“ und die unabhängigen Medien in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt. Bis zum Wahlkampf von Krah hat die AfD und ihre Parteipolitiker die ihnen wohlgesonnenen Medien nicht konsequent bespielt. Abseits von vereinzelten Podcasts oder Interviews, wie beispielsweise durch Björn Höcke oder Alice Weidel, hat kaum politischer Austausch zwischen alternativer Partei und unabhängigen Medien stattgefunden. Mit Krahs Wahlkampf, der aufgrund seiner bereits schwelenden Skandale, wohl auch als „Flucht nach vorne“ eingestuft werden kann, änderte sich das. Der Spitzenkandidat der AfD besuchte nahezu jeden relevanten „Influencer“, was grundsätzlich begrüßenswert ist, aber nicht überbewertet werden darf. Die Zuschauer dieser Formate wählen ohnehin AfD.

Gerade das Vorfeld war darüber aber zufrieden: Wer seit Jahren gute Medienarbeit macht und die gleichen persönlichen Opfer bringt, wie ein AfD-Politiker, damit aber meistens deutlich schlechter verdient, erwartet wenigstens, dass die Partei, die von seinen Steuern lebt, ihn wahrnimmt oder irgendwie unterstützt, zumindest aber mit ihm, anstatt den Mainstream-Medien spricht. Unterschätzen sollte man das politische Vorfeld aus Sicht der AfD nicht: Summa Summarum kommen die alternativen Medien auf weit über eine Million Zuschauer. Das ist eine nicht zu vernachlässigende Hausmacht, über die die AfD verfügt. Insofern hat die Absetzung Krahs einen Keil zwischen Partei(führung) und Vorfeld getrieben, dessen Schaden aber erst mittelfristig abzusehen ist. Denn bislang ist die Alternative für das rechtskonservative Spektrum alternativlos.

2.) Alte Rechte gegen Neue Rechte

Die Begriffe „Alte Rechte“ und „Neue Rechte“ sind eigentlich nicht gut gewählt, da jeder etwas anderes darunter versteht. Die Spaltlinie verläuft beim Thema Nationalsozialismus: Soll der Themenkomplex innerhalb einer deutschen Rechtspartei eine Rolle spielen? Auf der Seite Krahs stehen diejenigen, die sagen, dass man das Thema Vergangenheitsbewältigung der Geschichte nicht ausklammern kann, weil daraus der Schuldkult und die Selbstverleugnung der Deutschen in der Gegenwart resultiert. Sicherlich müsse man sich nicht auf den NS fokussieren, aber ein gesundes Verhältnis zur Geschichte und den eigenen Vorfahren sei essentiell. Auf der Gegenseite stehen die Vertreter einer „modernen Rechtspartei“, die den NS vollkommen ausklammern (wollen). Eine Rechtspartei, die insbesondere mit ihren europäischen Schwesterparteien zusammenarbeiten will, soll Lösungen für moderne Probleme anbieten; allein die Auseinandersetzung mit dem NS gleiche einem Minenfeld und man könne damit keinen Blumentopf gewinnen.

3.) Nationale Rechte oder Europäische Rechte

An diesen Konflikt flanscht sich ein weiterer an, der durch die drastische Reaktion Marine LePens weiter befeuert wird. Brauchen wir eine europäische Rechte, um gegen die modernen Linken anzukommen? Brauchen wir Europa, um gemeinsam gegen Untergang und Sozialismus zu kämpfen? Oder sollten wir lieber weiterhin nationale Politik machen, unabhängig von „europäischen Lösungen“? Die Anhänger Krahs sehen ganz klar das nationale Primat, die EU muss ohnehin abgeschafft werden, und Franzosen sind, naja, eben Franzosen. Die Gegner Krahs denken, dass eine europäische Rechte sehr wertvoll sein kann und man das europäische System für sich nutzen muss. Gleichzeitig birgt diese Debatte eine gewisse Paradoxie, da Marine LePen gerade aus nationaler Sicht heraus den Ausschluss der AfD aus der ID-Fraktion vorangetrieben hat. Sie für ihren Teil ist zumindest bereit, die AfD für das Präsidentenamt zu opfern.

4.) Kluges Taktieren oder ehrliches Antworten

Unabhängig von der Frage, ob SS-Offiziere oder SS-Mitglieder schuldig waren oder nicht – hätte Krah anders antworten müssen? Auch hier scheiden sich die Geister: Die Verteidiger Krahs sagen, dass er intelligent, differenziert und ehrlich auf eine Frage geantwortet habe, die Kritiker sprechen von „politischem Autismus“, so eine Frage überhaupt zu beantworten. Die einen sagen, dass man eine Frage immer offen und ehrlich beantworten muss, auch um glaubwürdig zu sein, und nicht über die Distanzierungsstöckchen des Mainstreams zu springen. Die anderen meinen, dass man als Spitzenpolitiker in der Lage sein muss, auch seine Meinung zu verbergen, Fragen auszuweichen und zu taktieren. Weiterführend auch: Warum hat Krah eigentlich einer italienischen Zeitung ein Interview gegeben und sich dann auch noch zur SS geäußert? Dass er die eigene Geschichte und eigenen Vorfahren verteidigt, war vielleicht im 6,5 Stunden-Gespräch mit Tilo Jung nachvollziehbar und auch thematisch passend gewesen, aber warum vor italienischem Publikum, die ihn nicht wählen können?

5.) Sogwirkung oder Annäherung

Das alles berührt auch die Frage nach der langfristigen Strategie der AfD. Glaubt man, dass die AfD mit einem rechten Kurs, einheitlichem und professionellem Auftreten deutlich mehr Prozente erreichen kann, als es bisher gelungen ist, und dadurch auch die Altparteien, allen voran die CDU, vor sich hertreiben kann? Die Erfahrungen sprechen dafür: Als die AfD Anfang des Jahres vor Kraft kaum laufen konnte, unterstützten nicht nur mehr und mehr Wähler die AfD, auch die CDU gab sich zumindest rhetorisch deutlich rechter als noch zuvor, weil ihr die Felle wegschwammen. Kritiker entgegnen: Selbst wenn die AfD bei halbwegs realistischen 30 Prozent angekommen ist, kann sie keinerlei politische Macht entfalten. Das Parteienkartell blockt auch eine AfD ab, die bei knapp unter 50 Prozent steht. Im Klartext: Die AfD braucht mittelfristig einen Koalitionspartner, um ihre Politik umzusetzen – und muss sich demnach auch mit der CDU gut stellen und anknüpfungsfähig bleiben.

6.) Stammwähler oder Wechselwähler?

Verstanden hat das Björn Höcke, der beim WELT-Duell mit Mario Voigt so Handzahm auftrat, dass er sich sogar vom Konzept der „Remigration“ distanzierte – gleichzeitig in der Sache aber hart argumentierte. Höcke ist der Letzte, der Gefahr läuft, ins wachsweiche liberalkonservative Bürgertum zu rutschen; begriffen hat er allerdings, dass er in Thüringen die Mitte-Wähler erreichen muss, die von der CDU und der FDP – teilweise von SPD und LINKE! – zur AfD wechseln könnten. Das hat auch die Bundesparteiführung verstanden. Nicht verstanden hat es Maximilian Krah, der mit seinem Auftreten und auch seiner Russland- und China-Ausrichtung die liberalkonservative, potenzielle Wählerschaft maximal verschreckt hat. Krah bedient auf der anderen Seite die AfD-Stammwähler. Das hat er auch bislang gut gemacht, und durch seine rhetorischen und intellektuellen Fähigkeiten sind ihm sicherlich auch einige Wechselwähler zugeflogen. Doch die Mehrheit denkt anders über jemanden, der als „Mad Max“ auftritt oder die Ehre der SS-Offiziere verteidigt.

Die AfD hat als einzige relevante Partei rechts der Mitte das gleiche Problem, das alle europäischen Rechtsparteien haben: Gelingt der Spagat, um rechte Stammwähler und liberalkonservative Wechselwähler gleichzeitig zu binden? Die Chancen stehen schlecht: In Frankreich hat sich mit Eric Zemmours „Reconquete“ eine rechtere Partei gegründet, als LePen in die Mitte gerutscht ist. Da Zemmour im 2. Wahlgang aber LePen unterstützen wird, ist nur ein kleiner Wermutstropfen für „Rassemblement National“. In Dänemark hingegen scheiterte die „Danske Folkeparti“ krachend bei der Annäherung an die Mitte: Die Sozialdemokraten übernahmen die stramme Law-and-Order-Politik und drängte die Rechtspartei ins Abseits. In Italien ist – trotz der Abneigung der Deutschen gegen Meloni – das Urteil noch nicht gänzlich gefällt. Meloni musste bereits einige poltische Kompromisse eingehen und steht in den Umfragen trotzdem noch weit vorne.

Gibt es ein abschließendes Fazit? Nicht wirklich. Viele vertreten den Ansatz, dass Krah niemals als Spitzenkandidat hätte aufgestellt werden dürfen. Das klingt auf den ersten Blick als intelligente Lösung und hätte der AfD einiges an Ärger erspart. Ob damit aber die eben genannten Bruchlinien beseitigt worden wären? Zweifelhaft.

Autor

Redaktion

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