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Anne Spiegel stolpert über die menschelnde Fassade

13. April 2022

Schade. Gerade jetzt, wo es so richtig lustig wurde, nahm das Trauerspiel dann doch ein Ende. Spiegel ist weg, Nachfolge noch nicht geklärt, das Wichtigste aber schon: Die neue Familienministerin muss vor allem wieder eine Frau sein, so Nouripour. Die erste Implosion eines Ampelministers hätte trotzdem spektakulärer kaum sein können, wie lange sie sich noch an den Posten klammerte, während die eigene Parteispitze sie schon weg haben wollte, und alleine die Slogans: „Bitte noch gendern: Campingplatzbetreiber_Innen. Ansonsten Freigabe“, „wir brauchen jetzt ein gutes Wording, das Blamegame könnte sofort beginnen“ (von ihrem Presseteam) und „jetzt muss ich das noch irgendwie abbinden“ in der finalen Entschuldigung; das ist doch mal eine reichhaltige Ausbeute im Meme-Department.

Wahrscheinlich war es tatsächlich ihr mangelndes schauspielerisches Können und der ungeschickte Ausrutscher in die Ehrlichkeit in ihrer Entschuldigungsrede am Sonntag, die ihre Karriere dann endgültig „abgebunden“ haben. Sie hat also das Kasperletheater verkackt, mit dem man in solchen Situationen das infantile Wahlvieh auf der Ebene einer persönlichen Beziehung ansprechen will, ähnlich wie kaputte, opportunistische Frauen es mit kaputten, einsamen Männern via Onlyfans zu tun pflegen. Dass diese menschelnde Masche in der Regel recht erfolgversprechend ist, ist eigentlich schon eine schwarze Pille: Die Leute wollen diese Illusion der liebevoll-empathischen Dumbledore-Figuren an der Spitze der Gesellschaft; sie bestehen auf dieser Darbietung zu ihrer Beruhigung und Katharsis, und erst wenn diese Illusion zerschellt und die kalte Berechnung dahinter nicht länger zu leugnen ist, werden sie sauer. Das wusste auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer: Am Morgen der Flut im Ahrtal orderte sie in einer Chatgruppe von ihren Mitarbeitern ein paar Sätze des Mitgefühls“.

Das beste mir bekannte Beispiel für so ein blitzschnelles Fallen der Empathiefassade ist wahrscheinlich den meisten Leuten nicht einmal ein Begriff; auf YouTube findet man es nur noch in Form eines Ausschnitts von der Reaktion des digitalen Chronisten darauf:

Als Robert Habeck nach dem Amoklauf in Hanau eine emotionsschwangere Rede anlässlich der politisch höhergestellten Ethnie vieler Opfer hielt, fragte er, nachdem er diese mit den Worten „so viel von meiner Seite“ abgebunden hatte, in die Runde der ZDF-, Phoenix-, ntv- und „Welt“-Journalisten: „Alle glücklich damit? Alle Kameras liefen?“ Was für ein Urvertrauen er in die Wahrung der Interessen seiner Partei seitens der Medienlandschaft einschließlich Springer-Presse setzen muss, dass er sich blind darauf verließ, diese potenziell karrierebeendende Eiseskälte, in die er nach Minuten der Krokodilstränen wie mit dem Umlegen eines Lichtschalters hinüberwechseln konnte, würde schon keiner senden. Er sollte recht behalten. „Plot Armor“ würde man so etwas glaube ich im Kontext einer Fernsehserie nennen.

Für Anne Spiegel war ihre „Plot Armor“ nun wohl endgültig aufgebraucht. Es ist aber nicht so, als hätte man es bei ihren Verbündeten in den Redaktionsstuben nicht mit Schadensbegrenzung versucht: Bei den Öffentlich-Rechtlichen war das Problem schon beim Bekanntwerden ihrer Gender-SMS zur Freigabe der Flut-Entwarnung ihrer Behörde ausgemacht: Der SWR befragte einen Politologen, der das Bekanntwerden der internen Kommunikation problematisierte, welches ihn insbesondere bei den doch sonst so professionell geführten rheinland-pfälzischen Grünen verblüffte. Das Durchstechen solcher Informationen könne Systemfeinden nutzen, so paraphrasierte der SWR, er fühle sich von alledem an House of Cards erinnert. Die von Merkel für illegitim erklärte und später rückgängig gemachte Wahl von Kemmerich zu Thüringens Ministerpräsident mithilfe von AfD-Stimmen kam für ihn übrigens einem Erdbeben gleich.

Bei „Watson“ versucht man es sogar jetzt, nach Spiegels Rücktritt, noch mit der Sexismuskarte: Der Fall zeige, dass die Spitzenpolitik immer noch „weit weg von Gleichberechtigung“ sei, ihr einmonatiger Frankreich-Urlaub zehn Tage nach der Flut sei in Anbetracht ihrer Rolle als Mutter entschuldbar. Na, dann hoffen wir mal, dass die nächste Frau, die sie uns da hinsetzen, es mehr so mit Katzen oder Wellensittichen hat und mehr mit dem Abbinden als mit dem Entbinden. Nicht, dass noch irgendetwas Wichtiges passiert, wenn die Kleinen ins Disneyland wollen.

Shlomo Finkelstein

Shlomo Finkelstein wollte immer schon irgendwas mit Hass machen. Seit 2015 erstellt er als "Die vulgäre Analyse" Videos, und seit 2019 zusammen mit Idiotenwatch den Podcast "Honigwabe".

Belltower News schreibt über ihn: "Da er vorgibt, sein Hass sei rational begründet, sind besonders junge Menschen der Gefahr ausgesetzt, die Thesen für bare Münze zu nehmen und sich so zu radikalisieren."


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