Summmmm, summmm, summm. Ohne Mรผckengitter hilft auch die beste Edel-Fliegenklatsche nichts mehr. Steigen die Temperaturen, kommen auch die Fliegen ins Haus. Die kleinen, nervigen, agilen wie auch die fetten, ekelhaften mit Eiersack im Schlepptau. Fliegen sind nicht sehr appetitlich, und nachdem ich vor einigen Jahren einmal beinahe mein kรถstliches Chili con Carne con Fliegeneier verspeist hรคtte, schรผttelt es mich besonders.
Dennoch gibt es in meinem Heim gefรผhlt mehr Fliegen als auf dem grรถรten Bauernhof. Was folgenden Grund hat: Unmittelbar vor der Hauswand stehen die Mรผlltonnen des Mehrparteienhauses. Darunter auch die โBiotonneโ. Da ich in einer anderen Region groร geworden bin, war mir die Biotonne bis vor wenigen Jahren fremd. Nicht nur blaue Tonne, gelber Sack und Restmรผll โ jetzt auch noch Biomรผll als vierte Wahlmรถglichkeit. Dass die Welt รผber Deutschlands Mรผlltrennung lacht, sei nur am Rande bemerkt.
Grund fรผr die neue Trennmรถglichkeit ist mitnichten das erwachende Umweltbewusstsein der Behรถrden, sondern ein eintrรคgliches Geschรคft: Der Bioabfall wird entweder vergoren oder vergast โ wodurch wiederum Energie durch Biogas- oder Heizanlagen entsteht. Meine Heimatstadt Trier schreibt dazu:
โDie Bioabfรคlle werden in einer Biogasanlage verwertet und dabei energetisch, in Form von Strom und Wรคrme, genutzt. Anschlieรend werden die Gรคrreste stofflich verwertet, indem sie als Dรผngemittel in der Landwirtschaft ausgebracht werden. Das ist teurer als die von vielen Kommunen noch praktizierte schlichte Kompostierung, stellt aber die รถkologisch hochwertigere Variante dar und wird auch vom Gesetzesgeber dringend angeraten.โ
Klingt gut, oder? Da ich meines Wissens aber bisher weder den Ertrag meines Mรผlls noch Dรผngesรคcke vor meiner Haustรผr entdeckt habe, die das Abfallunternehmen mir vorbeibringt, oder ich gar steuerliche Erleichterung aufgrund meines รber-Plansolls an Bioabfรคllen gutgeschrieben bekommen habe, bringt mir mein Biomรผll also gar nichts. Streng genommen werden wir also sogar bei unserem Abfall enteignet. In einem vollkommen undurchsichtigen System aus รถffentlicher Mรผllabfuhr und privaten (?) Stationen, die den Biomรผll weiterverarbeiten, wird mutmaรlich das ganz groรe Geld gemacht. Alle meine Bemรผhungen, herauszufinden, was konkret mit meinem Biomรผll passiert, laufen ins Leere. 2012 โ also vor fast zehn Jahren โ gab es eine Dokumentation รผber das groรe, unbekannte Geschรคft mit Recycling und Biomรผll:
โAuch der Restmรผll von Frau Langlotz hat es in sich: Er beschert den Entsorgern enorme Gewinne. Denn in den zahlreichen Mรผllverbrennungsanlagen im Norden wird immer mehr Restmรผll verbrannt, und die Industrie verdient gut an dem Brennmaterial. Schรผรler besucht die Mรผllverwertungsanlage Rugenberger Damm in Hamburg, die 2010 eine Umsatzrendite von 42 Prozent verbuchen konnte. Er fragt, warum immer mehr Abfall verbrannt und warum sogar aus dem Ausland Restmรผll importiert wird.โ
Die Biotonne kostet natรผrlich. Etwa 24 Euro im Jahr โdarfโ der Bรผrger fรผr die โLeistungโ seiner Kommune bezahlen. Im klassisch โrotenโ Bundesland Rheinland-Pfalz ist man aber ausgesprochen liberal. In der offiziellen Stellungnahme des Landes heiรt es: โBei nachgewiesener Mรถglichkeit der Eigenverwertung durch Kompostierung auf dem eigenen Grundstรผck kann der Bรผrger von der Anschlusspflicht an die Biotonne befreit werden.โ
Wie soll so etwas aussehen? Kommt ein Mitarbeiter der Abfallbehรถrde zum Ortstermin und รผberprรผft die Grรถรe und Funktionalitรคt des eigenen Komposts mit einer Thermometer-Messpistole? Oder reicht die Zusicherung des Bรผrgers, dass sein Zehn-Quadratmeter-Garten samt Mikro-Kompost wirklich alle Bioabfรคlle โwegtilgenโ kann? Mehr Regeln, mehr Gรคngelung, weniger Freiheiten, weniger Eigenverantwortung.
Im Rhein-Pfalz-Kreis hat man aber noch andere, schwerwiegende Probleme. Dort sorgt man sich nicht nur um die tatsรคchliche oder angebliche Kompostierfรคhigkeit โseinesโ Bรผrgers, sondern auch um strukturelle Hindernisse innerhalb des neuen Biomรผll-Systems. So schreibt der โEigenbetrieb Abfallwirtschaftโ (โBetriebโ, schon klarโฆ) unter dem Punkt โBiotonne bei frostigen Temperaturenโ:
โFeuchte Abfรคlle neigen dazu, sich bei Frost im Behรคlter auszudehnen, sich darin zu verkeilen oder an den Wandungen festzufrieren, so dass eine vollstรคndige Entleerung nicht mehr mรถglich ist. Um dieses Problem zu vermeiden, empfehlen wir, die Bioabfรคlle in Zeitungspapier einzuwickeln und den Boden der Biotonne mit zerknรผlltem Zeitungspapier auszulegen. Hilfreich ist auch das Einbringen von kleinen โKnautschzonenโ aus grobem Strukturmaterial, z.B. durch Untermischen von Heckenschnitt oder zerknรผlltem Zeitungspapier. Je lockerer die Biotonne befรผllt ist, desto grรถรer ist der Leerungserfolg. Fest sitzende Abfรคlle sollten vor der Abfuhr z.B. mittels Spaten von den Behรคlterwandungen gelรถst werden, damit sie herausfallen kรถnnen. Weitere Tipps fรผr die Biotonne finden Sie in unserem Biotonnen-Faltblatt (pdf).โ
So idiotisch das Ganze klingt: Es wird genรผgend Deutsche geben, die mit Zeitungspapier und Heckenschnitt eine โKnautschzoneโ in ihrer Biotonne einrichten.
Da wir aber aktuell Mai haben, gibt es keine Probleme mit festgefrorenem Biomรผll. Dafรผr aber mit den zahlreichen Fliegen und dem teils wahnwitzigen Gestank in der Umgebung der Biotonne. Mittlerweile haben sich in der Nรคhe zahlreiche Vรถgel angesiedelt, die Jagd auf die zahlreicheren Maden in der Biotonne machen. Seit Wochen wรคge ich ab, ob es nicht sogar klรผger wรคre, die Tonne einfach offen zu lassen und die Amseln ihre Arbeit verrichten zu lassen. Bislang kann man รผber den Regulierungseffekt nur spekulieren. Sollte ich mich tรคuschen, wรคre der Preis hoch: Der Wohnblock wรผrde von Fliegen heimgesucht wie ein Kleinbauer des 19. Jahrhunderts vom Kartoffelkรคfer.
Da man als Steuerzahler ja bekanntlich nichts zu tun hat, werden einem aber zumindest vom SWR noch weitere hilfreiche Tipps an die Hand gegeben:
โIst die Tonne doch von Maden befallen, raten die Experten von โBerlin Recyclingโ zunรคchst zu einer erweiterten Grundreinigung. Zur Spรผlmittel-Essig-Wasser-Mischung kommt jetzt noch etwas Salz dazu, dann wird die Tonne grรผndlich geschrubbt. Um einem erneuten Madenbefall vorzubeugen, empfehlen die Experten, eine Mottenkugel in einem Damenstrumpf in die Tonne zu hรคngen.โ
Wenn der staatsaffine Leser nach all diesem schwachsinnigen Regulierungswahn noch immer skeptisch schaut und sich fragt: Aber wie soll man das Problem wirklich lรถsen? Erstens: Mรผlltrennung sollte nicht vom Verbraucher รผbernommen werden, dafรผr gibt es Maschinen. Nicht nur ist es entwรผrdigend und unรคsthetisch, vom Staat vorgeschrieben zu bekommen, wie man mit seinem Abfall umzugehen hat โ es ist auch ineffizient. Und wer weiร, wie viele Ehen an der Mรผlltrennungsdebatte zerbrochen sind?
Eine private Lรถsung wรคre wie so hรคufig die beste: Ich verkaufe meinen Abfall an professionelle Dienstleister, die in hรคufigeren Abstรคnden die Mรผlltonnen leeren. Fรผr gemischten und โteurenโ Abfall zahle ich drauf, fรผr nutzbaren und โgutenโ Abfall wird mir etwas auf mein Abfallkonto gutgeschrieben. So kann der Verbraucher selbst entscheiden, wie wichtig ihm die Vortrennung ist โ und alle Beteiligten profitieren. Auรer natรผrlich den รผberbezahlten und nahezu unkรผndbaren Angestellten der kommunalen Abfallverwaltung.
Was passiert, wenn man etwas Sperrmรผll wegfahren will โ also die โDienstleistungenโ des Mรผllsystems in Anspruch nehmen will โ, erfรคhrst du dann in der nรคchsten Kolumne.
