Die Schweden haben gewรคhlt: Nachdem in etwa 90 Prozent der Bezirke ausgezรคhlt wurde, liegen die Sozialdemokraten um Ministerprรคsidentin Magdalena Andersson bei 30,5 Prozent und konnten damit leicht zulegen. Auf Platz 2 folgen die rechtskonservativen Schwedendemokraten mit 20,6 Prozent vor den bรผrgerlichen โModeraternaโ mit 19,1 Prozent. Auf den abgeschlagenen Plรคtzen findet man die Zentrumspartei um Annie Lรถf (6,7 Prozent) und die Sozialisten um die Iranerin Nooshi Dadgostar mit 6,6 Prozent. Nur 5,7 Prozent der Schweden stimmten fรผr Christdemokraten, die es aufgrund der starken โModeraternaโ traditionell schwer haben. Auch die Grรผnen haben trotz ihres Exportschlagers Greta Thunberg einen schweren Stand. Sie erreichten lediglich 5,0 Prozent der Stimmen.
Rein rechnerisch bleibt es damit spannend: Die Parteien rechts der Mitte stehen (Stand: Montag) bei 176 Parlamentssitzen, die Mitte-Links-Parteien bei 173 Sitzen. Das endgรผltige Ergebnis wird erst fรผr Mittwochmorgen erwartet.
Das Wahlergebnis der Reichstagswahl 2022. Bildvorlagen: รkesson: Landstingshuset: CC BY SA 2.0; Andersson: Fanni Uusitalo / Prime Minister’s Office Finland: CC BY SA 2.0; Lรถf: Centerpartiet (official): CC BY SA 2.0; Kristersson: Frankie Fouganthin CC BY SA 4.0
Wahlgewinner sind die Schwedendemokraten, die โ รคhnlich wie die AfD โ mit starkem medialen Gegenwind zu kรคmpfen hatten. Bereits im Vorfeld hatte nicht nur die schwedische Presse vor einem Sieg der โRassistenโ gewarnt. Auch hierzulande erschienen in den letzten Tagen hunderte Berichte รผber den โRechtsruckโ (Zitat โTagessschauโ) und die โMacht der Rechtsextremistenโ (โFocusโ) um den Ausgang der Wahl im Vorfeld bereits einzuordnen.
Die Ausgangslage
Die Sozialdemokraten stellten seit acht Jahren den Ministerprรคsidenten; saรen aber immer unsicherer im Sattel. Im vergangenen Jahr mussten die Sozialdemokraten um Magdalena Andersson in Form einer Minderheitsregierung die Geschicke des Landes lenken, nachdem der vorherige Premierminister Stefan Lรถfven seinen Rรผcktritt bekanntgegeben hatte. Unter Andersson waren die schwรคchelnden Demokraten wieder aus dem Umfragetief gekommen und erreichten im April dieses Jahres ihr zwischenzeitliches Umfragehoch von starken 32 Prozent. Aber auch die Schwedendemokraten legten in den vergangenen Monaten zu und standen in den letzten Umfragen vor der Wahl bei 20 Prozent
Politikwechsel der Sozialdemokraten
Grund fรผr die starken Umfragewerten der Sozialdemokraten sind aber nicht nur die erste Frau an Schwedens Spitze: Andersson ist auch eine Symbolfigur fรผr den Politikwechsel im hohen Norden. Jahrelange offene Einwanderung ins schwedische Sozialsystem samt stetig steigender Kriminalitรคt, Clan-Kรคmpfen und Vergewaltigungen haben auch bei den sonst so linksliberalen Bullerbรผ-Schweden ihre Spuren hinterlassen. Von der berรผhmten schwedischen โWillkommenskulturโ ist nicht mehr viel รผbriggeblieben. Und รคhnlich wie die dรคnischen Sozialdemokraten unter Ministerprรคsidentin Mette Frederiksens hat ihr schwedischer Gegenpart sich seit einigen Monaten eine โLaw-an-Order-Politikโ auf die Fahnen geschrieben, was vielen Schweden gefรคllt. So kรถnnen die unzufriedenen Skandinavier ihre Stimme Andersson geben, anstatt das unbequeme Kreuz hinter den verhassten Schwedendemokraten zu machen. Dass dieser Politik-Wechsel ziemlich heuchlerisch ist, interessiert die Wรคhler der Sozialdemokraten freilich wenig und aus rein machtpolitischer Sicht der Regierungspartei ist er ohnehin alternativlos gewesen: Ein Festhalten am liberalen Multi-Kulti-Kurs hรคtte Andersson den Wahlsieg gekostet und die Schwedendemokraten wรคren noch stรคrker aus der Wahl hervorgegangen.
Traditionelle Politik in Schweden
Schweden ist traditionell stark sozialdemokratisch geprรคgt. In den 80er und 90er Jahren waren Wahlergebnisse von รผber 40 Prozent fรผr die Sozialdemokraten keine Seltenheit. Doch รคhnlich wie in den meisten anderen europรคischen Lรคndern brรถckelte die Dominanz der โRotenโ โ wenn auch langsamer als in viele zentraleuropรคischen Lรคndern. Ein jahrelanger Ausbau des Staates hatte die Wirtschaft sukzessive beschรคdigt und in vielen Staaten musste die Notbremse gezogen, um etwa die erdrรผckende Steuerlast zu reduzieren. Eine Schlรผsselposition fรผr die Wende hatte die weltbekannte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, die 1976 ein politisches โMรคrchenโ in der Tageszeitung โExpressโ verรถffentlichte, nachdem sie merkte, dass sie 102 Prozent Steuern zahlte. Zwar folgte in den 80er und 90er Jahren eine langsame Liberalisierung โ dennoch beherbergt Schwedens Parteienlandschaft keine bedeutende wirtschaftsliberale Kraft. ย Die Zentrumspartei, die im weitesten Sinne als liberal beschrieben werden kann, erreichte 2018 erstmals รผber 8 Prozent, die klassisch-liberalen โLiberalernaโ kรคmpfen seit Jahren an der 5-Prozent-Hรผrde. Die โSรคge am Steuerbaumโ werden nach der Wahl also weder das Links- noch ein mรถgliches Rechtsbรผndnis anlegen.

Wer sind eigentlich die Schwedendemokraten?
1988 wurden in Schweden die โSchwedendemokratenโ gegrรผndet. Damals noch deutlich nationalistischer, wurden die Ansichten den Partei Mitte der 90er-Jahre gemรครigter. Mittlerweile gelten die Schwedendemokraten als eine der gemรครigteren europรคischen Rechtsparteien. Von den Mainstream-Medien als โrechtspopulistischโ bezeichnet, kรถnnte man die Partei objektiv am ehesten dem nationalkonservativen Spektrum zuordnen. Typische Parteipositionen sind die Befรผrwortung traditioneller Werte und einer restriktiven Einwanderungspolitik. Von einer klaren Haltung zur Remigration von nicht-assimilierten Gruppen hat sich die Partei mittlerweile verabschiedet und will mit sozial-รถkonomischen Anreizen dafรผr sorgen, dass die tausenden unwillkommenen Einwanderer wieder in ihre Heimat zurรผckkehren. Gesellschaftlich vertreten die Schwedendemokraten typisch konservative Werte, wie die Fรถrderung eines traditionellen Familienbildes und schwedischer Kultur. รkonomisch gelten die Schwedendemokraten als zentristisch mit einer Neigung zum Sozialen. Das ausgeprรคgte Sozialsystem Schwedens wรผrde unter den Schwedendemokraten vermutlich weiterhin bestehen โ wenn auch der Zugang fรผr Auslรคnder deutlich erschwert wรผrde. Im Wahlprogramm schreibt man: โDie Schwedendemokraten wollen das erfolgreiche schwedische Modell bewahren, bei dem sich Gewerkschaften und Arbeitgeber gemeinsam auf die Arbeitsmarktbedingungen einigen.โ

Bereits in der Vergangenheit konnten die Schwedendemokraten starke Wahlergebnisse einfahren. Vergleichbar sind sie in dieser Hinsicht mit der FPร und dem โFront Nationalโ, die bereits seit Jahrzehnten eine politische Grรถรe in ihrem Heimatland darstellen und sich รผber die Jahre nach und nach Richtung politische Mitte bewegten. Im Gegensatz zu den mitunter schwankenden Leistungen anderer europรคischer Rechtsparteien, gibt es fรผr die Schwedendemokraten momentan aber nur eine Richtung: Nach vorne. 2010 erstmals mit 5,7 Prozent in den Reichstag gewรคhlt, erreichten sie 2014 bereits 12,9 Prozent. 2018, bei der letzten Wahl wurden sie mit 17,5 Prozent drittstรคrkste Kraft. Zwischen den Wahlen standen die Schwedendemokraten zeitweise bei deutlich รผber 20 Prozent und wurden als stรคrkste Kraft in Schweden gehandelt.
Regierungsbildung
Die folgenden Wochen werden mitunter noch wichtiger als die Wahl selbst: Im Gegensatz zur rigideren Ausgrenzungspolitik der CDU gegenรผber der AfD hatten im skandinavischen Staat die bรผrgerlichen โModeraternaโ bereits mit den Schwedendemokraten zusammengearbeitet. Die kommenden Tage und Wochen werden zeigen, ob sich ein neues mitte-rechts-Bรผndnis ย – dieses Mal mit den Schwedendemokraten โ bilden wird. In der Vergangenheit wurde die Partei um den charismatischen Jimmie รkeson ausgeschlossen โ was schlieรlich auch zu einer linken Minderheitsregierung gefรผhrt hatte. ย Nach der vergangenen Reichstagswahl 2014 stand das Mitte-Links-Bรผndnis bei 40,7 Prozent, das Mitte-Rechts-Bรผndnis bei 40,3 Prozent. Die verbliebenen Prozent fielen beinahe vollstรคndig auf die Schwedendemokraten (17,5 Prozent).
Mit den starken 20,4 Prozent der Schwedendemokraten und dem Verlust der Bรผrgerlichen um Ulf Kristersson werden die Karten zwar nicht neu gemischt โ aber doch etwas anders verteilt: Es wird fรผr die โAllianz fรผr Schwedenโ, so der Name des dahinscheidenden Mitte-Rechts-Bรผndnis bestehend aus Moderaterna, den Liberalen, der Zentrumspartei und den Christdemokraten, immer schwerer, die Schwedendemokraten zu ignorieren.
Eine mรถgliche Kooperation zwischen den rechten Parteien wรคre nicht nur eine Zeitenwende in Schweden, sondern wรผrde ein enorme Signalwirkung nach Europa und auch Deutschland senden. Der Weg der Schwedendemokraten โ wie auch der AfD โ wird hinsichtlich dieser Frage auf einem schmalen Grad verlaufen: Wie weit wollen sich die Rechtsparteien an die Positionen der konservativ-bรผrgerlichen Parteien annรคhern, ohne das eigene Profil zu verlieren und enttรคuschte Wรคhler zurรผcklassen?
