In Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug, einem der Hauptwerke der postmodernen amerikanischen Literatur, gerรคt fรผr den Protagonisten Billy Pilgrim die Zeit aus den Fugen. Er besucht nach dem Zufallsprinzip verschiedene Abschnitte seines Lebens, wรคhrend seine Gefangennahme und die Zeit als Kriegsgefangener in einem stillgelegten Dresdner Schlachthof, in dem er die Bombardierung der Stadt erlebt, den Bezugsrahmen der Geschichte bilden. Von zentraler Bedeutung ist darรผber hinaus seine Entfรผhrung durch Auรerirdische vom Planeten Tralfamadore. Er wird von ihnen zusammen mit einem weiblichen Exemplar der Gattung Homo sapiens in einem Zoo ausgestellt. Die Bewohner des Planeten Tralfamadore haben jeden Augenblick ihres Lebens bereits vorausgesehen, sodass sie sich nicht der Illusion hingeben, etwas an ihrem Schicksal รคndern zu kรถnnen. Diesen Fatalismus macht sich im Laufe der Geschichte auch Billy Pilgrim zu eigen. Zu den Dingen, die Billy glaubt, nicht รคndern zu kรถnnen, gehรถren โVergangenheit, Gegenwart und Zukunftโ. Ein Tralfamadorianer erklรคrt, er habe 31 bewohnte Planeten besucht und die Berichte รผber weitere hundert studiert, doch nur auf der Erde werde von freiem Willen geredet.
Einen anderen Aspekt desselben Grundproblems beleuchtet Dostojewski in den Brรผdern Karamasow. genauer: in seiner Legende Der Groรinquisitor. Iwan Karamasow, ein atheistischer Materialist, erzรคhlt seinem frommen Bruder Aljoscha eine Geschichte, in der Jesus just in dem Moment auf die Erde zurรผckkehrt, als in Spanien die Scheiterhaufen der Inquisition brennen โ ad maiorem Dei gloriam. Alles Volk erkennt ihn, aber der Groรinquisitor lรคsst ihn dennoch verhaften und in den Kerker werfen. In einem langen Monolog setzt dieser Jesu die Grรผnde auseinander, derentwegen jener als schlimmster aller Hรคretiker verbrannt werden mรผsse. Die Anklage des Groรinquisitors lautet, Jesus habe den Menschen abverlangt, ihm aus freien Stรผcken nachzufolgen. Das aber sei mehr, als man von gewรถhnlichen Menschen erwarten kรถnne, denn sie seien als Sklaven geboren und verstรผnden nur zu gehorchen. Deshalb habe die Kirche der leidenden Kreatur dieses Joch der Freiheit wieder abgenommen, und die Menschen seien unendlich dankbar dafรผr. Sie hรคtten gejubelt รผber den Umstand, endlich wieder gefรผhrt zu werden wie eine Viehherde. In einem Kommentar zum Groรinquisitor, den Dostojewski seinem Verleger Ljubimow schickt, erklรคrt er รผber die zeitgenรถssischen Sozialisten in Russland, anstelle von Freiheit und Aufklรคrung bรถten sie Fesseln und Sklaverei โ mithilfe von Brot.

Nun wรคre der Libertarismus ohne die Aufklรคrung kaum in die Welt gekommen, und diese beruht maรgeblich auf der Hoffnung, der Mensch mรถge lernen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen (Kant). Determinismus, der eine fatalistische Einstellung nach sich ziehen kann, gilt vielen Menschen als Schreckgespenst. Ist der freie Wille eine Illusion, kรถnnten wir niemanden mehr fรผr seine Verbrechen bestrafen, so der Einwand. Aber verfรคngt dieses Argument tatsรคchlich? Ich glaube nicht. Ein bisschen Pragmatismus kann bei der Beantwortung dieser Frage freilich nicht schaden. Gefรคngnisse sind primรคr dazu da, diejenigen, die sich nicht darin befinden, vor denjenigen zu schรผtzen, die sich darin befinden. Zudem steht fest: Das Ergebnis hรถherer Strafen fรผr schwere Verbrechen sind weniger schwere Verbrechen. Das lรคsst sich empirisch nachprรผfen โ und sei es nur, weil diejenigen, die schwere Verbrechen begangen haben, lรคnger sitzen und so nicht die Mรถglichkeit haben, weitere Verbrechen zu begehen.
Der Mensch ist ein Produkt aus Erbe und Umwelt. Fรผr beides kann er nichts. Was er ist und tut, ist und tut er aufgrund seiner Gene und seiner Sozialisation. Behandeln kann man ihn dennoch, als habe er einen freien Willen, zumal es sich allemal so anfรผhlt, als habe man einen freien Willen. Wir sehen die Welt ja auch nicht so, wie das Licht auf unserer Netzhaut trifft, sondern so, wie unser Gehirn diese Informationen aufbereitet, sonst mรผssten wir auf dem Kopf gehen. รhnlich mag es sich mit dem freien Willen verhalten, aber das ist vollkommen belanglos und hat keinerlei Implikationen fรผr das echte Leben. Oliver Wendell Holmes, von 1902 bis 1932 Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, brachte es auf den Punkt, als er sagte:
โWenn ich eine philosophische Unterhaltung mit einem Mann zu fรผhren hรคtte, den ich in Kรผrze durch den Galgen (oder elektrischen Stuhl) hinrichten lieรe, mรผsste ich ihm sagen: โIch zweifle nicht daran, dass Ihre Tat fรผr Sie unvermeidlich war, doch um sie fรผr andere vermeidbar zu machen, beabsichtigen wir, Sie fรผr das Allgemeinwohl zu opfern. Wenn Sie mรถchten, kรถnnen Sie sich als Soldat betrachten, der fรผr sein Land stirbt.โโ

