Buchkritik: Hauke Haiens Tod (Robert Habeck)

13. Oktober 2022
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Unser geschรคtzter Autor U. B. Kant hat einige Bรผcher von Robert Habeck zusammengeklaut, um sich ein eigenes Bild von dessen schriftstellerischen Kรผnsten zu verschaffen. Ausgangspunkt dieses Vorhabens war die Frage, weshalb sich die etablierten Medien โ€“ immerhin offene Unterstรผtzer des schรถngeistigen Wirtschaftsministers โ€“ mit Rezensionen zu dessem ล’uvres bisher zurรผckgehalten haben. Nun, Kant stieรŸ schnell auf die Antwortโ€ฆ

โ€žHauke Haiens Todโ€œ ist der Erstlingsroman von Robert Habeck und Andrea Paluch, der 2001 im S. Fischer Verlag erschien. Dieser Rezension liegt die Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 2003 zugrunde. Figuren, Handlung und Titel lehnen sich bewusst an Theodor Storms โ€žDer Schimmelreiterโ€œ von 1888 an. Wรคhrend die Originalhandlung Mitte des 18. Jahrhunderts spielt, siedeln Habeck und Paluch ihre Adaption am Ende des 20. Jahrhunderts an.

Handlung (Vorsicht, Spoiler!)

Schleswig-Holstein Mitte der 1980er-Jahren: Bรผrgermeister Hauke Haien regiert mit harter Hand. Sรคmtliche Steuergelder investiert das unbeliebte Gemeindeoberhaupt in den Deichbau, derweil er immer grรถรŸere Lรคndereien sein Eigentum nennen darf. Der neue Deich entspricht Hauke Haiens Vorstellungen eines modernen Kรผstenschutzes gegenรผber den alten Deichen, durchgesetzt gegen zรคhe Widerstรคnde im Gemeinderat. Beim Deichbau verhindert Hauke Haien, dass die Bauarbeiter aus fragwรผrdiger Tradition heraus einen Hund lebend vergraben, und nimmt das gerettete Tier bei sich auf.

Missgunst pflastert Hauke Haiens Weg an die Spitze der lokalen Hierarchie. Sein Intimfeind ist der intrigante, aber nahbarere Landwirt Ole Peters, den Hauke noch aus seinen Tagen als Knecht beim alten Tede Volkerts kennt. Seinen Aufstieg zum Bรผrgermeister und GroรŸgrundbesitzer verdankt der Sohn eines ledigen Dorfschulmeisters seiner Heirat mit Elke Haien, geborene Volkerts. Nachdem der alte Tede Volkerts zu Lebzeiten jede Heirat zwischen Elke und Hauke hatte unterbinden wollen, gaben sich Hauke und Elke nach dem Tod des alten Volkerts das Ja-Wort und Elke รผbereignete ihrem Mann das geerbte Land. Nach langer Kinderlosigkeit, die schon zu รผblen Gerรผchten fรผhrte, gebรคrt Elke schlieรŸlich die geistig leicht behinderte Wienke.

Protagonist der Handlung ist aber nicht Hauke Haien selbst, sondern dessen Knecht, Iven Johns. Der engagiert sich in der Freiwilligen Feuerwehr. Bei einem Brandeinsatz kommt Iven Johns fast ums Leben. Sein Kamerad, der tapfere NiรŸ, rettet sich und Iven Johns aus der Flammenhรถlle. Freunde fรผrs Leben werden die beiden gleichwohl nicht.

Wie sich noch herausstellen wird, hat Iven Johns bei der Damenwelt einen Stein im Brett, nur nicht bei Hauke Haiens hรผbschen Hausmรคdchen, Ann Grethe. Carsten, ein pickliger Nachwuchsknecht auf Gut Haien, rรคt Iven Johns, vom Dache des Silos aus Ann Grethe beim abendlichen Entkleiden vor offenen Vorhรคngen zuzusehen. Nachdem der pickelige Carsten zu Ole Petersโ€˜ Hof wechselt, schleicht sich der liebestolle Iven Johns nachts unbemerkt in Ann Grethes Schlafzimmer, legt sich neben die trรคumende Maid und umfasst schlieรŸlich deren Kopf. Als Ann Grethe erschrocken aufwacht, unterdrรผckt Iven Johns mit einem aufgezwungenen Kuss jeden Hilfeschrei, bis Ann Grethe ihm in die Lippe beiรŸt. Iven Johns flieht in die Kneipe โ€žZum dicken Fritzโ€œ, wo ihn der Spott der rauen Mรคnnergesellschaft ob seiner blutenden Lippe trifft. Frust und Scham im Alkohol ertrรคnkend, torkelt Iven Johns neben Carsten รผber den Deich, erbricht sich und sieht auf der nahegelegenen Jevershallig einen unheimlichen Schimmel.

Spรคter, wรคhrend einer Jahrhundertsturmflut, schlรคgt Hauke Haiens Stunde als Krisenmanager. Hauke Haiens Damm hรคlt, die ganze Sturmnacht hindurch und Jahrzehnte darรผber hinaus. Doch Hauke Haien selbst wird diesen Triumph nicht mehr miterleben. Frauen und Kinder sind bereits evakuiert, da entschlieรŸt sich Elke Haien, mit dem Gelรคndewagen raus auf den Deich zu ihrem Mann zu fahren. Sie bittet Iven Johns um Starthilfe, der Elke eindringlich vor den Gefahren des nicht mehr ganz funktionstรผchtigen Mustangs warnt. Elke Haien scheint seine Warnungen nur insofern ernst zu nehmen, als dass sie Iven ihre kleine Tochter รผbergibt, verbunden mit der Bitte, Wienke und sich in Sicherheit zu bringen. Elke fรคhrt raus auf den Deich und kehrt nie wieder zurรผck.

Iven Johns versucht vergeblich, noch die Nutztiere der Haiens zu retten und einen geheimen Tresor mithilfe eines Revolverschusses zu รถffnen, der Iven Johns aber um Haaresbreite selbst das Leben kostet. Lediglich fรผr den Hund der Haiens ist neben Iven Johns und Wienke noch Platz im rettenden Kanu, mit dem die drei sich in einer Jahrhundertsturmflut stundenlang รผber Wasser halten kรถnnen, ehe ein dรคnisches Fernsehteam sie aufliest. Tage spรคter spรผlt die Flut die Leichen von Elke und Hauke Haien an. Alle gehen selbstverstรคndlich vom zusรคtzlichen Tod der kleinen Wienke aus. Aber weit gefehlt, denn Iven Johns bringt die frisch gebackene Weise in ein Hamburger Heim und gibt sie dort unter dem Decknahmen โ€žElisabeth Schmidtโ€œ aus.

Fรผnfzehn Jahre spรคter. Iven Johns arbeitet als Tรผrsteher in einem Bordell auf der Reeperbahn. Er lebt in bescheidenen Verhรคltnissen mit einer Frau namens Iris zusammen, bekommt beim Gedanken an Ann Grethe aber immer noch morgendliche Erektionen. Da steht eines Tages eine junge, geistig etwas schlichte Frau vor seiner Tรผr, die sich Elisabeth Schmidt nennt, aber um ihre wahre Herkunft weiรŸ. Sie lebt noch immer betreut in einem Hamburger Heim, verdient aber gutes Geld dank ihres bemerkenswerten Talents als Kaligraphin. Hin und wieder sagt Wienke eine scheinbar wirre Zahlenfolge in Form eines Kindergedichts auf.

Da Wienke sich in ihrer Ahnenforschung nicht aufhalten lรคsst, folgt Iven ihr in das nordfriesische Nest. Beide steigen im โ€žDicken Fritzโ€œ ab, welches der inzwischen fettleibige und trunksรผchtige NiรŸ betreibt. Rasch spricht sich im ganzen Dorf herum, dass die tot geglaubte Tochter Hauke Haiens wieder aufgetaucht ist.

Seit Hauke Haien nicht mehr alle Steuergelder in den Deichbau pumpt, hat sich der Dorfkern verschรถnert. Neuer GroรŸgrundbesitzer scheint nun Ole Peters zu sein, zumindest gibt er sich als solcher aus. Nach der Sturmflut wรคhlten die รœberlebenden Ole Peters zum neuen Bรผrgermeister. Im Irrglauben an Wienke Haiens Tod erbte der Fiskus Hauke Haiens Grundstรผcke, die Ole Peters zu Schleuderpreisen aufkaufte. Doch es lรคuft nicht mehr rund fรผr Ole Peters. Die Schafzucht treibt ihn in den Ruin. Seine Frau, die einstmals flippige Vollina, betrรผgt Ole Peters mit einem niederlรคndischen Fundamental-Evangelikalen, dem charismatischen Jantje. Zwar kann Ole den Nebenbuhler schwer verprรผgeln und aus dem Dorf jagen, aber nicht verhindern, dass sich seine frustrierte Ehefrau erhรคngt.

Iven hat seine Erinnerungen an die Sturmnacht weitgehend verdrรคngt. Als Gedankenstรผtze dient ihm ein verleumderisches Buch, welches der neue Schulmeister, ein gewisser Johann Pappe, kurz nach der Sturmflutnacht verfasste. Lรผge an Lรผge reiht Schulmeister Pappe in diesem Buch, aber es hat sich gut verkauft und die Deutungshoheit รผber die Sturmflutnacht gewonnen.

Wienke fรคngt spontan eine Affรคre mit dem etwas unbedarften Postboten Sten an. Sie steigt in Stens Postwagen und bittet ihn um augenblicklichen Sex. Unterdessen verrรคt NiรŸ ein paar pikante Details aus der Sturmflutnacht. Anders als von Schulmeister Pappe dargestellt, habe Hauke Haien den Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr in der Sturmflutnacht befohlen, den neuen Deich zu sprengen, um den alten zu entlasten. NiรŸ sei fรผr die Sprengung verantwortlich gewesen, doch habe er einen Schluck aus seinem Flachmann zu viel genommen. Im Flachmann habe sich giftiges Methanol befunden, das NiรŸ beinahe das Augenlicht geraubt und ihn in der Sturmflutnacht bewusstlos gemacht habe. So habe er den Sprengbefehl am neuen Deich nicht ausfรผhren kรถnnen, auf den sich Hauke Haien verlassen habe, als er zum alten Deich aufbrach und mit dessen Bruch in den Sturmfluten ertrank.

Iven Johns fรผrchtet um das Leben von Wienke Haien, da sie Erbin jener Grundstรผcke ist, die sich Ole Peters nach der Sturmflutnacht unter den Nagel riss. Aber weit gefehlt. Die Gefahr, so stellt sich heraus, geht nicht von Ole Peters aus. Die Motive fรผr die wahren Schurken finden Iven Johns und Sten im Tresor, den Iven in jener Sturmflutnacht nicht รถffnen konnte, den auch Ole Peters รผber all die Jahre nie geรถffnet, aber praktischerweise aufbewahrt hat, damit Iven Johns jetzt eine Idee hat: Die scheinbar wirre Zahlenfolge, welche Wienke manchmal vor sich hin sabbelt, รถffnet den Tresor. Die Zahlenfolge und das scheinbar harmlose Kindergedicht kennt Wienke nรคmlich von der alten Trina Jans, woran sich nun auch Sten erinnert. Schon als Kind hatte Sten mit Wienke gespielt und Trina Jans dabei beobachtet, wie sie Wienke auf die Existenz des Tresors aufmerksam machte und sie den Zahlenreim lehrte. Hauke Haiens Vertrauen in eine schwatzhafte Frau, die ihre รผberschรผssige Freizeit stets stockbesoffen auf รถffentlichen Parkbรคnken verbrachte, kommt den Ermittlern jetzt sehr zu Pass. Sie รถffnen den Tresor und finden Adoptionspapiere, die verraten, dass Hauke Haien der leibliche Sohn des alten Tede Volkerts war. Und Elke dementsprechend zumindest Haukes Halbschwester. Die Inzucht zwischen den Geschwistern ist der Grund fรผr Wienkes geistige Behinderung.

Ole Peters hat zwischenzeitlich sein Herz auf dem rechten Fleck entdeckt und unterstรผtzt Hauke und Sten in ihren Ermittlungen. Ann Grethe erfรคhrt keine moralische Lรคuterung. Sie hat sich ganz dem Christentum verschrieben und ist die radikalste unter den Evangelikalen geworden. Diese fundamentalen Christen erkennen Wienke, erwachsen aus Geschwisterliebe, jedes Recht auf Leben ab. Hinter der groรŸen Verschwรถrung gegen das Kind der Blutschande steckt vor allem Schulmeister Pappe. Bei Ebbe lockt er Wienke ins Wattenmeer, damit sie dort ertrinkt, sobald die Flut einsetzt. Iven Johns, Sten und Ole Peters retten Wienke in letzter Sekunde aus dem Wattenmeer. Pappe will die drei aufhalten, doch kann Sten den hinterhรคltigen Schulmeister ertrรคnken. Den drei Helden gelingt es, Pappes Tod als Selbstmord zu tarnen, da Pappe ein melancholisches Gedicht verfasste, zu dem ihn ein angeschwemmter und dem Tode geweihter Wal an Nordfrieslands Kรผste inspiriert hatte. Das genรผgt der Kriminalpolizei als Beleg fรผr einen Selbstmord. Wie gut, dass schon der Kollege Dorfpolizist sturzbetrunken am Wegesrand geschlafen hatte, wรคhrend sich das Dreigestirn mit Pappe seinen Showdown lieferte und anschlieรŸend Pappes Leiche vom Strand abtransportierte.

Iven erkennt auf der letzten Seite des Buches des Rรคtsels Lรถsung: Carsten war derjenige, der nach NiรŸโ€˜ Ohnmacht das Kommando an sich riss und befahl, den neuen Deich entgegen Hauke Haiens Befehl nicht zu sprengen, damit der alte Deich brach, wรคhrend sich Hauke Haien dort befand. Zur Belohnung war Carsten Ann Grethe, die ihr Paarungsverhalten wohl vom Leben und Sterben Hauke Haiens abhรคngig machte, versprochen worden.

Noch auf derselben Seite kehrt Iven Johns nach Hamburg zurรผck und beschenkt seine Iris mit einem StrauรŸ Blumen.

Stil:

โ€žEs ist Fanficiton.โ€œ

โ€žFanfiction?โ€œ

โ€žJa, Fanfiction. Wenn jemand nicht schreiben kann und keine eigenen Ideen hat.โ€œ

โ€žKeine eigenen Ideen?โ€œ

โ€žJa. Obwohl das kreative Potential beim ersten Buch noch frisch und unverbraucht ist.โ€œ

โ€žUnverbraucht?โ€œ

โ€žJa, aber der Fanfiction-Autor hat trotzdem keine Ideen. Selbst beim ersten Buch nicht. Und deshalb schreibt er nur weiter, was ein anderer vor schon geschrieben hat.โ€œ

โ€žEin anderer?โ€œ

โ€žJa. Ein anderer, der auch schreibt.โ€œ

โ€žDer auch schreibt?โ€œ

โ€žJa, nur besser. Viel besser. Das schreibt der Fanfiction-Autor dann weiter.โ€œ

โ€žWas meinst du?โ€œ

โ€žEr benutzt Titel, Namen und Handlungen des Originals. Und spinnt das weiter. Nur dรผmmer.โ€œ

โ€žDรผmmer?โ€œ

โ€žJa, weil der Fanfiction-Autor im Vergleich zum Autor nichts draufhat.โ€œ

โ€žNichts darauf?โ€œ

โ€žJa, ein Abklatsch.โ€œ

โ€žEin Abklatsch?โ€œ

Ein Dialog im Stile zweier Habeck-Figuren aus dessen Erstlingsroman. Ja, es sind Habeck-Figuren, auch wenn die Haukes, Elkes, Oles und Ivens in diesem Roman wie die Originale des alten Meisters von 1888 heiรŸen. Doch teilen sie mit den Originalen lediglich die Namen, alles andere bleibt Nachahmung am Rande zur Raubkopie. Und Dialoge im Stile von:

โ€žIrgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht.โ€œ

โ€žWas meinst du?โ€œ

machen einen erheblichen Teil des Buches aus, nicht selten ergรคnzt um Zusammenfassungen des auktorialen Erzรคhlers, der nach dem Sprecheinsatz einer Figur dazwischenfunkt, um das gerade Gesagte noch einmal zu erklรคren.

Es sei denn, die inzwischen nicht mehr ganz so kleine Wienke kommt hinzu. Dann klingen die Dialoge nรคmlich so:

โ€žHabeck denkt, dass deine Eltern Geschwister waren.โ€œ

โ€žWienkes Vater heiรŸt Theodor Storm.โ€œ

โ€žHabeck hรคlt sich fรผr genauso begabt wie Storm.โ€œ

โ€žWienke spricht bei Habeck genauso wie bei Storm.โ€œ

โ€žJa, weil Habeck sich nicht ausdenken oder beobachten kann, wie sich geistig leicht behinderte Menschen in ihrer Pubertรคt weiterentwickeln. Deshalb sprichst du mit 19 noch genauso wie mit vier.โ€œ

โ€žWienke kann nicht rechnen.โ€œ

โ€žAber Elke und Hauke bei Storm sehr gut. Deshalb denkt Habeck sofort an Inzucht zwischen Geschwistern.โ€œ

โ€žWienke hat keine Geschwister.โ€œ

โ€žAber Habeck kann sich das mit dem guten Rechnen bei Elke und Hauke nicht anders erklรคren. Obwohl er selbst eine Frau geheiratet hat, die genauso schlecht schreibt wie er. Und Frau Paluch ist trotzdem nicht gleich Habecks Schwester.โ€œ

Ansonsten fรผgt Habeck zwischen derartigen Dialogen noch allerlei Beschreibungen von Nichtigkeiten ein: Wer wann mit EC-Karte statt bar zahlt, in die Dรผnen pinkelt, beim Pinkeln von einer Mรถwe beobachtet wird, Damenunterwรคsche und Socken kauft, an der Tankstelle ein alkoholfreies Bier bestellt, an der Tankstelle zwei Halbe zieht, als Erster aus dem Auto steigt, die Wagentรผr hinter sich zuschlรคgt, als Zweiter hinter dem Ersten hergeht, nachdem der Zweite auch aus dem Auto gestiegen ist โ€ฆ

Die Anzeichen fรผr Habecks spรคtere Degeneration vom stilistisch gerade noch schwachen MittelmaรŸ (โ€žHauke Haiens Todโ€œ) รผber sehr niedriges Niveau (โ€žSommergigโ€œ) bis hin zum Totalausfall (โ€žZwei Wege in den Sommerโ€œ) sind im Erstlingswerk bereits angelegt. Stilblรผten finden sich bereits hier (โ€žIm รถligen Morgenlicht schwamm das Meerโ€œ, S. 10), treten im Vergleich zu Habecks spรคteren Werken aber noch selten auf.

Auch andere Merkmale von Habecks spรคteren Machwerken weist bereits โ€žHauke Haiens Todโ€œ auf: Mรคnnliche Spanner, die im Schutz der Dunkelheit in das Schlafzimmer ihrer Angebeteten schauen, weil dies offensichtlich die einzige Form der Verfรผhrung ist, die Habeck sich ausdenken und zu beschreiben vermag. Vollsuff nach noch vertretbaren Mengen Alkoholkonsums. Junge Frauen, die plรถtzlich das Verlangen nach Sex mit fremden Mรคnnern ohne Status verspรผren. Sex ausdrรผcklich nur mit Kondom, verbunden mit pubertรคrem Humor, der aus der Feder eines Erwachsenen sogar infantil wirkt (โ€žEr fand das Kondom in einer Tรผte โ€šNimm 2โ€˜โ€œ, S. 138).

Und wie in spรคteren Machwerken teilt Habeck bereits im Erstlingswerk seine Geschichte nicht chronologisch mit, sondern bedient sich zahlreichen Zeitsprรผngen, um Spannung aufzubauen. Diese Zeitsprรผnge finden nicht lediglich zwischen Kapiteln, sondern innerhalb der Kapitel von Absatz zu Absatz statt. Da Habecks Wortschatz keine sprachlichen Variationen erlaubt, sind diese Zeitsprรผnge nicht immer auf Anhieb erkennbar und unterbrechen den Lesefluss, statt ihn mit Spannung aufzuladen.

Immerhin verdeutlich Habeck mehr als hundert Jahre nach dem Tod des Meisters postum dessen stilistische Klasse. Nur zum Vergleich die jeweils ersten Absรคtze.

Bei Theodor Storm โ€ฆ

โ€žWas ich zu berichten beabsichtige, ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im Hause meiner UrgroรŸmutter, der alten Frau Senator Feddersen, kundgeworden, wรคhren ich, an ihrem Lehnstuhl sitzend, mich mit dem Lesen eines in blaue Pappe eingebunden Zeitschriftenheftes beschรคftigte; ich vermag mich nicht mehr zu entsinne, ob von den โ€žLeipzigerโ€œ oder von โ€žPappes Hamburger Lesefrรผchtenโ€œ. Noch fรผhl ich es gleich einem Schauer, wie dabei die linde Hand der รผber Achtzigjรคhrigen mitunter liebkosend รผber das Haupthaar ihres Urenkels hinglitt. Sie selbst und jene Zeit sind lรคngst begraben; vergebens auch habe ich seither dem jenen Blรคttern nachgeforscht, und ich kann daher umso weniger weder die Wahrheit der Tatsachen verbรผrgen, als, wenn jemand sie bestreiten wollte, dafรผr aufstehen; nur so viel kann ich versichern, dass ich sie seit jener Zeit, obgleich sie durch keinen รคuรŸeren Anlass in mir aufs Neue belebt wurden, niemals aus dem Gedรคchtnis verloren haben.โ€œ

โ€ฆ und bei Habeck:

โ€žSeit drei Tagen saรŸ der Hamster neben dem Laufrad. Er hockte in den Sรคgespรคnen und blinzelte nicht einmal, als sie ihn aus dem Kรคfig nahm. Sein Kรถrper schmiegte sich warm in ihre Hand. Sie fรผhlte seinen Herzschlag durch das dรผnne Fell. Die nasse Nase stupste gegen ihre Lippen, als sie ihn kรผsste. Dann schloss sie ihre Finger um seinen Hals und drรผckte zu. Die Barthaare begannen zu zittern. Sie hielt den Kรถrper fest, so dass er nicht zappeln konnte. Sein Genick brach mit dem Klack eines Pfennigabsatzes auf Fliesen.โ€œ

Merken Sie sich die Nebensรคtze, werter Leser, in Habecks Buch werden nicht mehr viele folgen.



Trotzdem wรคre dieser Erstlingsroman annehmbar, wenn Habeck ihn offen als gewรถhnlichen deutschen Regionalkrimi anpriese und sich an dessen MaรŸstรคben messen lieรŸe. BloรŸ versteigt Habeck sich in den GrรถรŸenwahn, mit seinem Erstlingswerk dort anzufangen, wo der alte Meister aufhรถrte. Und was Habeck weiterdenkt, endet lediglich in den Klischees eines gewรถhnlichen deutschen Regionalkrimis: Ein altes Verbrechen vor langer Zeit wird wieder aufgerollt, ein GroรŸstรคdter kehrt in das provinzielle Nest seiner Kindheit und Jugend zurรผck, ein dรผsteres Familiengeheimnis wird gelรผftet, Lebenslรผgen kommen auf den Tisch, ein scheinbar harmloser Kinderreim entpuppt sich als Codierung fรผr einen Tresor, zum Schluss ein Wettlauf gegen die Zeit mit einer SchieรŸerei. Fรผr einen gewรถhnlichen deutschen Regionalkrimi vรถllig in Ordnung.

Nur, muss man Theodor Storm postum auf dieses 08/15-Nivaue herunterziehen? Wobei Habeck sich nicht lediglich als Erbe Theodor Storms wรคhnt. Auch Bertolt Brecht und Joachim Ringelnatz will Habeck fรผr sich vereinnahmen, indem er noch vor dem ersten Kapitel ausdrรผcklich betont, er habe das vorliegende Buch im Brecht-Haus in Svenborg fertig gestellt. Folgendes Zitat von Joachim Ringelnatz hรคlt Habeck fรผr geeignet, die Quintessenz des โ€žSchimmelreitersโ€œ vorab wiederzugeben:

โ€žWir, in unsrem Alter, wollen wissen,

Dass der Weg nun wieder rรผckwรคrts fรผhrt.-

Glรผcklich, wer den freien Drang noch spรผrt,

Das Getrunkene รผber Bord zu pissen.โ€œ

Die Grรผnde fรผr diese dreiste Selbstermรคchtigung, mit der Habeck sich unverdient mit aufs Siegerfoto drรคngt, sich leistungslos neben Theodor Storm ganz oben aufs Treppchen stellen will, finden wir in einem Internet-Artikel der Zeitung โ€žDie Weltโ€œ vom 12.05.2017. Von der Redaktion zum โ€žHoffnungstrรคgerโ€œ und zum โ€žGestalt gewordenen Versprechen der Grรผnen auf bessere Zeitenโ€œ stilisiert, stellt Habeck โ€žDie zehn Bรผcher, die mich prรคgtenโ€œ vor und zรคhlt u.a. Theodor Storms โ€žDer Schimmelreiterโ€œ auf. Wรถrtlich schreibt Habeck:

โ€žโ€˜Der Schimmelreiterโ€˜ ist so etwas wie die kanonische Geschichte der schleswig-holsteinischen Westkรผche. Jeder kennt sie. Nach dem Deichgrafen Hauke Haien werden StraรŸen, Kรถge, Schulen benannt. Und in der Tat hat Storm mit dem Deichgrafen, der die Natur und die Engstirnigkeit seiner Zeit herausfordert, einen norddeutschen Faust geschaffen, januskรถpfig zwischen Hybris und Aufklรคrung. Aber die charakterliche Zweideutigkeit ist nicht das einzige Rรคtsel in der schlanken Novelle. Hauke Haiens Tochter Wienke wird schwachsinnig geboren. Warum? Und als in jener Sturmflutnacht der Deich zu brechen droht und Hauke raus auf den Deich reitet, folgen ihm seine Frau und seine Tochter โ€“ wรคhrend das Dorf schon evakuiert ist. Schon dass der Deichgraf rausreitet, ist unlogisch. Aber was wollten Tochter und Mutter da drauรŸen? Sicher war Hauke ein besserer Schwimmer als sie. Nein, es muss einen anderen Grund gebegeben haben. Den deckten wir in unserem ersten Buch auf. โ€šHauke Haiens Todโ€˜ entstand mit dem โ€žSchimmelreiterโ€œ als Paten.โ€œ

Sรคtze, die einer nรคhere Auseinandersetzung lohnen. In komprimierter Form enthalten sie jene habeckspezifische Mischung aus eitlem Selbstaufplustern bei gleichzeitigem Irrglauben an die vermeintliche Brillanz seiner selbst, die nicht trotz, sondern wegen fehlenden Fachwissens zu einem รผbersteigerten Sendungsbewusstsein bar jeden Talents fรผhrt. Und einem sehr bedenklichen Amtsverstรคndnis. Das angestrengt verzerrte Gesicht, den Weltenschmerz des Weltendeuters vorgaukelnd, darf bei Habeck selbstredend nicht fehlen, auch รผber dem oben zitierten Text aus dem Hause Springer nicht.

โ€žโ€˜Der Schimmelreiterโ€˜ ist so etwas wie die kanonische Geschichte der schleswig-holsteinischen Westkรผche. Jeder kennt sie.โ€œ

Hรถchste Zeit, sie aus dem grรผnen Kanon zu streichen. Alle kennen sie, die Geschichte eines alten weiรŸen Mannes รผber einen weiรŸen Mann, der stรคndig Mansplaining betreibt, seiner Frau das Grundeigentum abluchst und damit die eigenen Karriereoptionen verbaut. Schlimm.

โ€žNach dem Deichgrafen Hauke Haien werden StraรŸen, Kรถge, Schulen benannt.โ€œ

Welche Partei sich wohl fรผr wohl fรผr die Umbenennung all dessen zugunsten von George Flyod, Conchita Wurst und Greta Thunberg einsetzen wird?

โ€žUnd in der Tat hat Storm mit dem Deichgrafen, der die Natur und die Engstirnigkeit seiner Zeit herausfordert, einen norddeutschen Faust geschaffen, januskรถpfig zwischen Hybris und Aufklรคrung.โ€œ

Oh, wie intellektuell das klingt: โ€žHybrisโ€œ, โ€žAufklรคrungโ€œ und sogar โ€žnorddeutscher Faustโ€œ. Ein Satz, der das geistige Fassungsvermรถgen einer Habeck anschmachtenden Redaktion ausfรผllt. Ach, wie tiefsinnig unser Robert doch ist, so richtig januskรถpfig und so. Und dazu dieses weltschmerzverzerrte Gesicht mit dem putzigen Wuschelhaar, hach โ€ฆ

Dabei hinkt Habecks Gleichsetzung von Heinrich Faust mit Hauke Haien an allen Ecken und Enden. Einerseits Professor Faust, der Universalgelehrte des ausgehenden Mittelalters. Anderseits Hauke Haien, gerade kein Universalgelehrter, sondern ein branchenspezifischer Fachmann der anbrechenden Moderne im 18. Jahrhundert, in der die bรผrgerliche Leistungsgesellschaft schrittweise heranrรผckt, die Feudalgesellschaft mit ihren vererblichen ร„mtern aber noch nicht abgedankt hat. Ein Formalakademiker mit Hochschullehrstuhl hier, ein Autodiktat vom Dorfe dort.

Studiert Professor Faust noch Philosophie, Juristerei und Medizin und zu seinem Leidwesen auch Theologie, auf einen รผbergeordneten Erkenntnisgewinn hoffend, der ihm zeitlebens versagt bleiben wird, spezialisiert sich der kleine Hauke Haien von vornherein auf die Mathematik und deren praktische Anwendung im Deichbau. Die niederlรคndische Sprache erlernt Hauke als Mittel zum Zweck, damit er die niederlรคndische Ausgabe des Euklids in der Bรผchertruhe seines Vaters lesen kann. Eine darรผberhinausgehende Bildung mรถchte Hauke Haien aus dieser Fremdsprachenkenntnis nicht ziehen, obwohl sie seinen geistigen Horizont im Ergebnis zweifelsfrei erweitert.

Schon als Knabe erkennt Hauke Haien seine Lebensaufgabe: Die Deiche seiner Gemeinde sicher zu gestalten, was er nur als Deichgraf vollenden kann. โ€žUnsere Deiche taugen nichtsโ€œ, weiรŸ schon der kleine Hauke und handelt ein Leben lang danach, wenn auch ohne politisches Geschick. Die Nacht der groรŸen Sturmflut wird ihm Recht geben. Zwar erkennt er seinen Fehler, den alten Deich nicht ausgebessert zu haben, und bezahlt dieses Versรคumnis mit dem Leben, aber selbst auf diese bittere Weise behรคlt Hauke Haien Recht. Im รœbrigen wรคre der alte Deich vermutlich auch ohne Schwachstellen gebrochen, da er, wie alle seine Vorgรคnger, eine Fehlkonstruktion ist und alle Fehlkonstruktionen bei solch groรŸen Sturmfluten gebrochen waren, wovor Hauke stets gewarnt hatte. Hier irrt keiner, solange er strebt.

Und wenn es in der deutschen Literaturgeschichte eine Figur gibt, welche die Natur nicht herausfordern will, ihr gegenรผber nicht in Hybris verfรคllt, dann heiรŸt sie Hauke Haien. Er weiรŸ um die zerstรถrerische Kraft des Meeres und will ihm nichts abtrotzen wie Faust am Ende des zweiten Teils der Tragรถdie. Haukes Deichbauplรคne sind auf intelligente Defensive im lebenslangen Angesicht einer รœbermacht angelegt. Das bereits errungene Land will Hauke Haien vor den groรŸen Sturmfluten schรผtzen. Faust dagegen schwadroniert von Landgewinnen gegen das Meer, um Wohnraum fรผr viele Millionen zu schaffen, derweil er den bereits angesiedelten Alten, Philemon und Baucis, erst den Wohnraum und dann das Leben nimmt. Hauke Haien rechnet mit Sturmfluten, die alle dreiรŸig bis fรผnfzig Jahre die Kรผsten heimsuchen. Faust rechnet in ร„onen. Hybris bei Faust, Pragmatismus bei Hauke Haien.

Und ganz nebenbei: Hauke Haien sucht sich eine intellektuell ebenbรผrtige Frau, findet Elkes Rechenkรผnste und ihren klugen Verstand besonders attraktiv, heiratet als Mann eine in der dรถrflichen Hierarchie hรถhergestellte Frau. Nichts dergleichen in Fausts Beuteschema. Gretchen ist dem verjรผngten Professor weder in intellektueller noch in wirtschaftlicher Hinsicht gleichrangig. Hauke Haien taugt nicht als Sympathietrรคger, aber als treuer Ehemann und fรผrsorgender Vater. Beides lรคsst sich รผber Fausts Verhalten gegenรผber dem schwangeren Gretchen beim besten Willen nicht behaupten.

Und wer bitte soll Hauke Haiens Mephistopheles sein? Etwa Ole Peters?

โ€žAber die charakterliche Zweideutigkeit ist nicht das einzige Rรคtsel in der schlanken Novelle.โ€œ

Schlanke Novelle, soso. In diesem vergifteten Lob รผbersieht Habeck anscheinend, dass sein โ€žHauke Haiens Todโ€œ zwar ermรผdender, von der Wortanzahl aber allenfalls unmerklich lรคnger als Theodor Storms โ€žSchimmelreiterโ€œ ist. Nur kann Theodor Storm bei vergleichbarer Wortanzahl einen gefรผhlt hundertsechsundneunzigmal grรถรŸeren Wortschatz abdecken und begnรผgt sich trotzdem mit der Gattungsbezeichnung einer Novelle. Habeck kategorisiert seinen Abklatsch gleich als Roman.

Und bei ungefรคhr gleicher Wortanzahl beschreibt Storm einen nordfriesischen Mikrokosmos voller Schรถnheit, manchmal rau, manchmal schaurig, aber schรถn: Die Kraniche im Nebel bei Sonnenaufgang, die Atmosphรคre einer Sturmnacht auf dem Hauke-Haien-Deich und im Wirtshaus, in dem der Schulmeister seine Gruselgeschichte zum Besten gibt. Das winterliche BoรŸeln der Bauern, der Tanzabend und die Balz der Knechte um die Mรคgde – einfach schรถn.

In Habecks Mikrokosmos erfรคhrt der Leser stattdessen mehr รผber die morgendliche Erektion von Iven Johns, wie Iven Johns sich den Nacken beim Sex an der Deckenlampe verbrennt, รผber das metallische Glรคnzen von Ann Grethes Schamhaaren im Sonnenstudio, รผber Stinas Fruchtblase, die Elke wรคhrend einer Geburt mit ihren Fingernรคgeln aufsticht, wie ein Arzt spรคter Stinas Dammriss nรคht, รผber Hauke Haien und wie er den Hoden eines Ebers mit einem Besenstiel reibt und sich anschlieรŸend des Ebers Sperma von den Hรคnden wischtโ€ฆ

Dabei tรคten charakterliche Zweideutigkeiten gerade den Stereotypen in Habecks Bรผchern zur Abwechslung sehr gut. Nicht jede Person, die unterschiedliche Eigenschaften in sich vereint, ist ein Rรคtsel. Und hat deshalb auch nicht gleich einen Januskopf. Denn bei Theodor Storm, wie es sich fรผr einen Spitzenliteraten auf der Hรถhe seines Schaffens gehรถrt, sind alle Figuren ein wenig mehrdeutig. Ole Peters mag ein neidisches GroรŸmaul, seine Frau Vollina zu dick, der alte Tede Volkerts zu dumm, die schrullige Trina Jans immer auf den kleinen Vorteil bedacht sein – aber Theodor Storm beschreibt sie nie herablassend. Er hat einen grundsรคtzlich gรผtigen Blick auf seine Figuren, dementsprechend erzรคhlt er mit Liebe zum Detail. Storm denunziert keine seiner Figuren, selbst die unsympathischen nicht.

In Habecks Mikrokosmos trifft der Leser nur auf dumme Dorfnasen. Eine Erzรคhlung, aus denen sich die Charakterisierung unaufdringlich, aber schlรผssig ergibt, scheut Habeck mehr als einen deutschen Nebensatz. Habeck fasst das Wesen und die Lebensgeschichte seiner Stereotypen in zwei Sรคtzen durch den auktorialen Erzรคhler zusammen, denunziert gerne und begnรผgt sich mit Klischees: Der fettleibige Wirt, der schlafende Dorfpolizist, der einfรคltiger Postbote, die verblรผhende Dorfschรถnheit, der bigotte Pfaffe, die frustrierte Hausfrau, รผberhaupt frustrierte Hausfrauen, die Postboten vom Briefkasten weg ins Bett zerren. Hunde namens โ€žRexโ€œโ€ฆ Und natรผrlich wรคhlen die Dorfbewohner zu 23 % die NPD.

โ€žHauke Haiens Tochter Wienke wird schwachsinnig geboren. Warum?โ€œ

Vielleicht, weil manche Menschen in der genetischen Lotterie weniger Glรผck haben als andere? Weil es zu Hauke Haiens dรคmonischem Image in einer immer noch aberglรคubischen Zeit passt, wenn die kleine Wienke geistig leicht zurรผckbleibt? Quasi eine Strafe Gottes aus Sicht seiner missgรผnstigen Zeitgenossen? Weil selbst im Leben eines sozialen Aufsteigers nicht alles makellos laufen kann und Theodor Storm diesen Aufstieg gerade deshalb besonders glaubwรผrdig erzรคhlt?

โ€žUnd als in jener Sturmflutnacht der Deich zu brechen droht und Hauke raus auf den Deich reitet, folgen ihm seine Frau und seine Tochter โ€“ wรคhrend das Dorf schon evakuiert ist. Schon dass der Deichgraf rausreitet, ist unlogisch.โ€œ

Zwei Sรคtze, die tief blicken lassen. Bei der Sturmflut, als die Deiche zu brechen drohen, reitet der Deichgraf zu den Deichen. Aus Sicht eines grรผnen Krisenmanager vor allem eins: Unlogisch. Aus grรผner Sicht wรคre es logisch gewesen, wรคhrend der Flut beim Edelitaliener herumzulungern, dabei den Begriff โ€žCampinplatzbetreiberโ€œ zu gendern und dann vier Wochen in den Urlaub nach Frankreich zu fahren.

Aber selbst wenn sich alle Dorfbewohner in Sicherheit gebracht hรคtten: Was passiert mit den Bauernkaten? Den Feldern? Mit der eingeholten Ernte in den Speichern? Mit den Nutztieren in den Stรคllen? Kรถnnte ein intakter Deich nicht noch gewaltige Sachschรคden verhindern und die wirtschaftlichen Existenzgrundlagen der รœberlebenden erhalten? Fรผr Habeck vรถllig unlogisch, als Deichgraf deswegen noch bei den Deichen zu bleiben.

โ€žAber was wollten Tochter und Mutter da drauรŸen? Sicher war Hauke ein besserer Schwimmer als sie.โ€œ

Ah, deswegen wird der Deichgraf angesichts brechender Deiche wรคhrend einer schweren Sturmnacht nicht am Deich gebraucht! รœberfluten einen die Wassermassen der vom Sturme aufgepeitschten Nordsee, kann man doch einfach schwimmen!

โ€žNein, es muss einen anderen Grund gebegeben haben. Den deckten wir in unserem ersten Buch auf. โ€šHauke Haiens Todโ€˜ bestands mit dem โ€žSchimmelreiterโ€œ als Paten.โ€œ

Was fรผr eine AnmaรŸung. Aber wer in aufopferungsvoller Krisenbekรคmpfung ein Rรคtsel sieht, muss den vermeintlich โ€žanderen Grundโ€œ im Rahmen seiner sprachlichen Mรถglichkeiten tatsรคchlich selbst ausloten. Und was Habeck glaubt, aufgedeckt zu haben, passt nicht zu den Vorgaben des alten Meisters, findet im Wortlaut des Originals keine Anhaltspunkte. Im Gegenteil: Habeck muss entscheidende Szenen des Originals unterschlagen oder sich zurechtlรผgen, damit seine Lรถsung eines Rรคtsels, das keines ist, passt.

Erstens: Wienkes รœberleben in der Sturmflutnacht. Zwar stirbt sie im Original, aber ohne ihre Rรผckkehr hรคtte der 08/15-Regionalrimi, den Habeck in den FuรŸstapfen Theodor Storms wรคhnt, keinen Aufhรคnger. Dennoch drรคngen sich Fragen auf: Warum hat Iven Johns sie in all den Jahren vergessen? Warum hat Iven Johns allgemein kaum Erinnerungen an eine so einschneidende Nacht, in der er รผber Stunden hinweg in Lebensgefahr schwebte? Wienke war vier Jahre alt und hatte ungefรคhre Erinnerungen an ihre Eltern und an das Heimatdorf. Warum hat sie gegenรผber der Leitung des Hamburger Waisenhauses nie wenigstens schemenhafte Andeutungen รผber ihre Herkunft gemacht? Warum hat das Waisenhaus keine Nachforschungen angestellt, als ein wildfremder Mann auftauchte und ein kleines Mรคdchen unter dem offensichtlichen Alias โ€žElisabeth Schmidtโ€œ kommentarlos abgab? Es waren immerhin die 1980er-Jahre in Westdeutschland. Und nebenbei: Gab es in den 1980er-Jahren auf westdeutschen Hรถfen noch Knechte?

Zweitens: Die angebliche Vaterschaft des alten Tede Volkerts. Habeck zieht sie an den Haaren oder sonst wo herbei, aus Theodor Storms โ€žschlanker Novelleโ€œ jedenfalls nicht. Tede Haien muss bei Habeck erst zum schwulen Zierfischzรผchter mutieren, um dem alten Volkerts auch die Vaterschaft an Hauke Haien unterzuschieben. Habeck unterstellt, der alte Tede Volkerts hรคtte seiner Tochter Elke mit Enterbung gedroht, wenn sie Hauke heiraten sollte. Bei Theodor Storm ist Tede Volkerts insgeheim um seine geistigen Unzulรคnglichkeiten im Bilde und daher heilfroh, wenn der gute Hauke ihm die Rechenarbeit abnimmt. Aktiv fรถrdert er zwar keine EheschlieรŸung zwischen Elke und Hauke, die beiden warten auch den Tod des Alten ab, aber er droht nicht mit Strafe. Und wenn Tede Volkerts tatsรคchlich mit einer Heirat zwischen seinen Kindern gerechnet hรคtte: Warum schenkte er Elke und Hauke dann nicht noch zu Lebzeiten, wenigstens unter sechs Augen, reinen Wein ein? Wo er doch schon die schriftlichen Nachweise fรผr die Adoption nicht vernichteteโ€ฆ

Drittens: Die Verschwรถrung der Dorfjungen gegen Hauke Haien in der Sturmflutnacht. Habeck gaukelt vor, Hauke Haien hรคtte den Dorfjungen die Sprengung des neuen – jawohl, des neuen! – Deichs befohlen. Die aber hรคtten den Befehl tรผckisch verweigert, damit der alte Deich bricht, wรคhrend sich Hauke dort aufhielt. Erst aber mussten die Jungen auf Carstens Befehl noch heimlich den Inhalt von NiรŸens Flachmann austauschen, damit der arme NiรŸ fast erblindet und die Sprengung nicht auslรถsen konnte. Was einem, mitten im Jahrhundertsturm an vorderster Front, halt so spontan in den Sinn kommt und dann auch ebenso spontan umsetzbar ist.

Diese Verschwรถrung basiert auf Annahmen, die mit Hauke Haiens Charakter, seiner Lebensgeschichte, ja der Geschichte von Storms โ€žSchimmelreiterโ€œ insgesamt unvereinbar sind. Zwar hรคlt Habeck sich fรผr einen ganz Schlauen, der bei Theodor Storm gelesen hat, dass der Erzรคhler der รคuรŸeren Rahmenhandlung sein Wissen aus โ€žPappes Hamburger Lesefrรผchtenโ€œ schรถpft, woraufhin Habeck am ReiรŸbrett Schulmeister Pappe entwickelt. Und Schulmeister Pappe ist in Habecks Roman bekanntlich ein groรŸer Lรผgner. Umgekehrt gibt es im Original hinsichtlich der guten โ€žHamburger Lesefrรผchtchenโ€œ keine Hinweise fรผr deren zweifelhaften Wahrheitsgehalt, zumal der Schulmeister aus der inneren Rahmenhandlung der โ€žHamburger Lesefrรผchtchenโ€œ selbst mehrmals zugibt, nur eine von mehreren Versionen zu erzรคhlen. Aber Habeck braucht einfach eine Strohpuppe, auf die er mit dem Finger bei allen Ungereimtheiten seiner eigenen Erzรคhlkunst zeigen kann. Oder er will die guten โ€žHamburger Lesefrรผchtenโ€œ von der guten Frau Senator Feddersen unbedingt mit zu sich in den Schmutz ziehen. Im รœbrigen wรคren da ja noch die guten โ€žLeipzigerโ€œ, aus denen der Erzรคhler der รคuรŸeren Rahmenhandlung sein Wissen ebenfalls geschรถpft haben kรถnnte.

Und die daraus gewonnene Grundstruktur des gesamten โ€žSchimmelreitersโ€œ steht, Variationen hin oder her, quer zu dem, was Habeck fรผr seine geniale Entdeckung hรคlt: Hauke Haien will den neuen Deich, seinen Deich, wรคhrend der Sturmflut also sprengen? Lรคcherlich! Der neue Deich entspricht Haukes Haiens Plรคnen, die er seit Kindheitstagen geschmiedet, auf deren Verwirklichung er ein Leben lang hingearbeitet hat. Stolz erklรคrt Hauke Haien seiner kleinen Tochter, sie mรผsse sich vor der rauen Nordsee nicht fรผrchten, dafรผr habe Papa eigens den neuen Deich bauen lassen, um die kleine Wienke und ihre Mama zu beschรผtzen. Und eben jenen Deich soll Hauke Haien, im Augenblick der groรŸen Bewรคhrungsprobe, nun doch von Knall auf Fall sprengen lassen, nur um den ollen Deich zu retten, รผber dem Hauke Haien schon als Kind wusste, dass er eine Fehlkonstruktion ist?

Bei Theodor Storm, dem stringenteren Psychologen, ist es aus den genannten Grรผnden Ole Peters, der die ร–ffnung des neuen Deiches anordnet, was Hauke Haien ausdrรผcklich unterbindet und zur WeiรŸglut treibt!

So wie Habeck jeden zur WeiรŸglut treibt, der Theodor Storms Werk respektiert.

Fazit:

UngenieรŸbarer Aldi-Nord-Abklatsch dessen, was Theodor Storm seiner Heimat schenkte.