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China forciert die Zeitenwende

13. September 2023
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Auf dem diesjรคhrigen Treffen der deutschen Diplomaten mit der Spitze des Auswรคrtigen Amtes scheint Annalena Baerbock dazugelernt zu haben. Noch im April hatte sie in Peking eine Abfuhr erhalten, als sie ihren Amtskollegen รผber die wertegeleitete feministische AuรŸenpolitik ins Bild setzen wollte. โ€žWir benรถtigen keine Lehrmeister, schon gar nicht aus dem Westenโ€œ, lautete die rรผde Antwort. Auf der Berliner Konferenz Anfang September schlug Baerbock nun fast demรผtige Tรถne an. Deutschland, so die Ministerin, wolle immer als โ€žfairer Teamplayer“ auftreten; der von ihr formulierte Fรผhrungsanspruch solle niemanden vor den Kopf stoรŸen.

Der โ€žSรผddeutschen Zeitung“ zufolge kรผndigte Baerbock an, stรคrker mit den Lรคndern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens zusammenzuarbeiten. Dabei mรผsse man offen sein fรผr die Anliegen der Partner und selbstkritisch die eigene Vergangenheit einschlieรŸlich der Kolonialgeschichte reflektieren. Und, nicht zuletzt, mรผsse man sehen, โ€žwas andere anbieten โ€“ China vor allem“.

Dieser scheinbare Gesinnungswandel kommt nicht von ungefรคhr: Mali, Burkina Faso, Guinea, Tschad, im August Niger und Gabun โ€“ die Putschserie der Militรคrs im franzรถsischsprachigen Teil Afrikas hat Amerikanern und EU-Europรคern das Scheitern ihrer Politik und ihren schwindenden EinfluรŸ eindringlich vor Augen gefรผhrt. Baerbocks Ehrengast auf dem Berliner Treffen, die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala, klรคrte ihre Gastgeber รผber die Versรคumnisse des Westens auf. In Afrika, belehrte die Generaldirektorin der WTO, der Welthandelskonferenz, die deutsche AuรŸenministerin und ihr Diplomaten-Korps, sรคhen die Menschen Verbesserungen durch neue Infrastruktur mit Hilfe aus China. Von manchem Kollegen hรถre sie, wenn man mit China kooperiere, โ€žbekommen wir einen neuen Flughafen“, aus Europa dagegen gebe es โ€žBelehrungen“ (โ€žSรผddeutsche Zeitung“, 5. September).

Ob diese Lektion in Demut verstanden wird, bleibt abzuwarten. Luxemburgs AuรŸenminister Jean Asselborn jedenfalls scheint sie begriffen zu haben. Am Rande des jรผngsten EU-Treffens in Toledo mahnte er, es sei nun wichtig, eine Zusammenarbeit zu etablieren, in der die afrikanischen Staaten โ€žnicht nur das Gefรผhl haben, daรŸ wir etwas wollen, sondern daรŸ wir auch etwas geben kรถnnen“. Europa habe Afrika beispielsweise versprochen, die Beziehungen nicht nur auf Basis europรคischer Interessen zur Migration zu gestalten. โ€žNehmt die Leute zurรผck!“ dรผrfe nicht die alleinige Botschaft sein.

In Westafrika jedoch, im neokolonialen โ€žFrancafrique“, geht es nicht um Migrationskontrolle, sondern nicht zuletzt um die Ausbeutung von Bodenschรคtzen. So schreibt Andreas Eckert, Professor fรผr die Geschichte Afrikas an der Berliner Humboldt-Universitรคt, am 8. August in der „SZ“:

โ€žUnmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs begann Frankreich in seinen Kolonien nach Uran zu suchen. Die Bilanz ist niederschmetternd. Niger erhielt nur etwa zwรถlf Prozent vom Wert des gefรถrderten Urans, das zugleich zeitweise ein Drittel zur Stromerzeugung Frankreichs beigetragen hat und somit den Mythos der ยดenergieunabhรคngigenห‹ Stromerzeugung durch Atomkraft in einem neuen Licht erscheinen lรครŸt.“

Nicht nur Frankreich, das Land der Menschenrechte, zeichnet sich durch Ignoranz und Doppelmoral aus. Der Westen insgesamt predigt stets hehre Werte, mit denen er alle Welt beglรผcken will, hรคlt sich aber nicht daran, sondern ist selbstredend auf seinen materiellen und machtpolitischen Vorteil bedacht. Schon vor Jahrzehnten hat die Reporter-Legende Peter Scholl-Latour diese Heuchelei moniert und besonders den โ€žStimmzettel-Fetischismus“ verurteilt, der die bloรŸe Wahlteilnahme als Ausweis demokratischer Verhรคltnisse wertet.

All das ist Wasser auf die Mรผhlen Pekings, das lรคngst dabei ist, eine globale Zeitenwende einzuleiten und die USA als Fรผhrungsmacht abzulรถsen. In Deutschland muรŸten Medien und Politiker den nรคchsten China-Schock zur Kenntnis nehmen. Auf der Internationalen Automobilausstellung in Mรผnchen (โ€žIAA Mobility“), die als Europas bedeutendste Automesse gilt, standen erstmals seit vier Jahrzehnten nicht die deutschen Hersteller mit ihren Verbrennern im Rampenlicht, sondern chinesische Firmen mit ihren neuesten Elektrofahrzeugen.

Thomas Ingenlath, ehemaliger Chefdesigner bei VW und Volvo, heute Leiter der schwedisch-chinesischen Firma โ€žPolestar“, erwiderte auf die Frage der „SZ“, was sein Blick auf China und die deutschen Hersteller sei:

โ€žBisher hat man das immer als ยดdie Gefahr aus dem Ostenห‹ gesehen. Endlich wird auch erkannt, was fรผr eine hervorragende Technologie, was fรผr tolle Innovationen und was fรผr eine Dynamik dort herrscht. Ja, da spielt auch die chinesische Regierung eine Rolle. Aber es ist an vielen Stellen trotzdem ein ganz natรผrlicher Wettbewerb, der auch oft von privat betriebenen Unternehmen kommt. Gerade BYD, was fรผr eine Story! Die haben einfach technologiemรครŸig ihre Hausaufgaben gemacht und sind da sehr gut aufgestellt.“

Im ersten Halbjahr stand in der Volksrepublik, dem wichtigsten Automarkt der Welt, erstmals kein einziges deutsches Modell in den Top Ten der meist verkauften E-Autos. Der Marktfรผhrer in China, seit den 80er Jahren VW, heiรŸt jetzt BYD (โ€žBuild Your Dreams“). Am 9. August rollte der fรผnfmillionste Stromer von BYD vom Produktionsband โ€“ ein โ€žDenza N7″, der als Meilenstein in der Entwicklung der chinesischen Automobilgeschichte gilt. Im letzten Jahr hatten chinesische Elektroautos bereits einen Weltmarktanteil von 63 Prozent. Spitzenreiter bei den Batterieherstellern ist das chinesische Unternehmen CATL (weltweiter Marktanteil 36,6 Prozent), an zweiter Stelle liegt BYD, das eben nicht nur Autos produziert. China hat sich 2022 mit mehr als der Hรคlfte aller weltweit installierten Industrieroboter auch auf diesem Gebiet zum grรถรŸten Markt entwickelt.

Den nรคchsten Technologie-Schock erlebt gerade Apple. Der Wert des US-Unternehmens ist in den letzten Tagen um 200 Milliarden Dollar geschrumpft. Schuld daran ist die chinesische Regierung, die nach Staatsbediensteten nun auch den Beschรคftigten von lokalen Regierungen und staatlichen Konzernen verboten hat, weiter iPhones von Apple zu nutzen. Diese MaรŸnahme gilt als Revanche, weil fรผr amerikanische Regierungsmitarbeiter chinesische Huawei-Gerรคte schon lรคnger tabu sind. Apple kรถnnte jetzt bis zu zehn Millionen iPhones weniger verkaufen.



Rechtzeitig vor der Prรคsentation des neuesten iPhones von Apple hat Huawei die Fachwelt verblรผfft: das Unternehmen stellte seinerseits sein neuestes Smartphone vor (โ€žMate 60″), das weltweit gefeiert wird, weil sich dessen Hauptchip auf der Hรถhe der Halbleitertechnik im Westen befindet, obwohl die USA entsprechende Lieferungen streng verboten haben. Chinas โ€žsozialistische Marktwirtschaft“, so lautet Pekings Antwort, ist und bleibt in allen entscheidenden Bereichen auf der Hรถhe der Zeit.

Im Februar 1957, acht Jahre nach Grรผndung der Volksrepublik, hatte der damalige Staats- und Parteichef Mao Zedong die grundlegende Neuordnung der Welt vorausgesagt:

โ€žDie gegenwรคrtige Lage, da die USA die Stimmenmehrheit in der UNO kontrollieren und in vielen Gebieten der Welt vorherrschen, ist nicht von Dauer. Der Tag wird kommen, da sich diese Lage รคndert. Chinas Lage als armes Land, das seiner Rechte in der internationalen Arena beraubt ist, wird sich ebenfalls รคndern. Ein armes Land wird reich werden, Rechtlosigkeit verwandelt sich in Vollbesitz der Rechte.“

Das Eintreten dieser Prophezeiung hat sich durch Maos Schuld um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verzรถgert โ€“ durch den von ihm initiierten desastrรถsen โ€žGroรŸen Sprung nach vorn“ (1958 bis 1961) sowie die ebenfalls von ihm zu verantwortende, nicht minder katastrophale โ€žKulturrevolution“ (1966 bis 1976). DaรŸ es den Chinesen nicht wie dem Westen unter Fรผhrung der USA um ideologische Systemkonfrontation geht, sondern um nรผchterne Geopolitik im nationalen Interesse, machte Mao Zedong bereits 1935 deutlich. In einem Gedicht รผber das Gebirgsmassiv des Kunlun an Chinas Westgrenze schrieb er:

โ€žDoch ich sag dir, Kunlun:/ Wozu diese Hรถhe,/ Wozu soviel Schnee!/

Das Schwert, an den Himmel gelehnt,/ Kรถnnt ich es ziehn,/ Wรผrdest von mir

In drei Stรผcke gehaun:/ Geb eines Europa,/ Schenk eins Amerika,/ Eines

Im Osten bleibt./ In der Welt groรŸer Friede:/ Auf dem Erdrund zu gleichen Teilen

Kรคlte und Glut.“

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