Am 26. September fรผhrte die „Sรผddeutsche Zeitung“ ein Interview mit der Juristin und Slawistin Angelika Nuรberger, in dem es auch um die Grรผndungsgeschichte der Ukraine ging. Auf die Frage, wer letztlich entscheide, welche historische Version richtig sei, erwiderte Nuรberger:
โNiemand. Oft geht es auch gar nicht um historische Fakten, sondern um ihre Interpretation. Die Ukraine ist dafรผr ein gutes Beispiel. Im 17. Jahrhundert haben ukrainische Kosaken einen Pakt mit Ruรland geschlossen, um militรคrischen Schutz vor Polen-Litauen zu erhalten. Die einen sagen nun, das sei ein Bรผndnis gleichberechtigter Waffenbrรผder gewesen. Die anderen halten es fรผr eine vorweggenommene Einverleibung. Diese Interpretationen stehen nebeneinander, und es gibt fรผr beide gute Argumente.“
Daraufhin hakte die „SZ“ nach: โKeine Seite hat recht?“ Und Nuรberger prรคzisierte:
โEs gibt niemanden, der das Recht hรคtte, endgรผltig zu bestimmen, welches Narrativ richtig oder falsch ist. Zumindest nicht in einer offenen Zivilgesellschaft.“
Die Redaktion der „SZ“ ficht das nicht an. โEs geht um die Legitimation“ heiรt zwar die รberschrift des Interviews. Doch in der Unterzeile wird Nuรbergers Aussage ins glatte Gegenteil verkehrt: โDie Ukraine โ kein eigener Staat? Immer wieder verzerren Regierungen die Geschichte. / Juristin Angelika Nuรberger erklรคrt, wie man mit solchen Lรผgen umgeht“. Hier soll ganz offensichtlich Prรคsident Putins Behauptung, die Ukraine sei รผber Jahrhunderte kein Staat und Russen und Ukrainer seien historisch ein einziges Volk gewesen, als Verdrehung der Tatsachen hingestellt werden.
Unstrittig ist indes, daร sich das Zarenreich unter Katharina der Groรen im ersten russisch-tรผrkischen Krieg 1774 mit der Eroberung der Krim erstmals den Zugang zu einem โwarmen Meer“ sicherte โ ein schon von Peter I. angestrebtes Ziel. Von einer staatlichen Existenz Kiews war ebenfalls noch keine Rede, als Katharina unter dem Namen โNeuruรland“ (Noworossija) die Gebiete im Osten und Sรผden der heutigen Ukraine โ also jene Lรคndereien, die Putin 2022 annektierte โ ihrem Reich eingliedern und durch Kolonisten besiedeln lieร. 1802 wurde Noworossija eine Provinz des Zarenreichs und blieb bis 1917 integraler Bestandteil Ruรlands.
Unzweifelhaft steht jedoch fest, daร Putins รberfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ein vรถlkerrechtswidriger Angriffskrieg war. Nach wie vor fordert er auf beiden Seiten Tausende von Toten und wird die Ukraine รผber kurz oder lang in einen einzigen Schutthaufen verwandeln. Daร die Rufe nach Frieden tรคglich lauter werden, ist daher verstรคndlich. Doch wie soll er bewerkstelligt werden? Und was soll er beinhalten? Ein Minimalziel ist die Wiederherstellung und Achtung der nationalen Souverรคnitรคt der Ukraine, wรคhrend ihre territoriale Integritรคt Gegenstand von Verhandlungen werden dรผrfte, denn die Krim und das einstige Noworossija sind primรคr von Russen besiedelt.
Prรคsident Wolodimir Selenskyj zeigt sich gegenwรคrtig ebensowenig verhandlungsbereit wie Wladimir Putin. Wรคhrend Ruรlands Truppen langsam, aber stetig vorrรผcken, befinden sich die Ukrainer auรer in der Region Kursk in der Defensive. Doch Selenskyj zeigt sich optimistisch und hat in den USA am 27. September einen โSiegesplan“ vorgelegt, dessen Inhalt unbekannt ist. Nur der US-Prรคsident und Vizeprรคsidentin Kamala Harris scheinen eingeweiht zu sein. Als das Gesprรคch mit Selenskyj begann, erklรคrte Joe Biden:
โLassen Sie es mich klar sagen โ Ruรland wird im Krieg nicht siegen. Ruรland wird sich nicht durchsetzen. Die Ukraine wird sich durchsetzen, und wir werden ihr weiterhin bei jedem Schritt zur Seite stehen.“
Bereits vor der Ankunft Selenskyjs hatte das Weiรe Haus so deutlich wie noch nie erklรคrt:
โPrรคsident Biden ist entschlossen, der Ukraine die Unterstรผtzung zukommen zu lassen, die sie braucht, um zu gewinnen.“
Nicht nur Kurt Volker, ehemals US-Sondergesandter fรผr die Ukraine und Botschafter bei der Nato, zieht daraus den Schluร, Biden und Kamala Harris seien bereit, Kiew die seit langem gewรผnschten weitreichenden Langstreckenwaffen zu liefern, wollen dies jedoch nicht vor den US-Wahlen im November รถffentlich machen. Fรผr die Republikaner wรคre es eine โSteilvorlage auf dem Silbertablett“, denn schon jetzt werfe Donald Trump beiden vor, mit der Ukraine-Hilfe riskierten sie den dritten Weltkrieg. Trump selbst erklรคrte nach seinem kurzen Treffen mit dem ukrainischen Staatschef, Selenskyj sei der โgrรถรte Verkรคufer der Welt. Wir geben weiterhin Milliarden Dollar an einen Mann, der sich weigert, einen Deal zu machen.“ Fรผr Biden, so mutmaรt Volker, gehe es um dessen politisches Vermรคchtnis. Er sei nur noch vier Monate im Amt und wolle die Ukraine in die bestmรถgliche Position bringen. Daher komme er im Oktober nach Deutschland und werde am 12. des Monats auf dem US-Stรผtzpunkt Ramstein die Konferenz der Ukraine-Unterstรผtzer leiten.
Selenskyj erklรคrte, zu etwaigen Gebietsabtretungen sei Kiew nicht bereit. Kernelement seines โSiegesplans“ sei es vielmehr, daร die westlichen Verbรผndeten die Ukraine durch Waffenlieferungen in die Lage versetzen, Ruรland militรคrisch derart in Bedrรคngnis zu bringen, daร Prรคsident Putin endlich in Verhandlungen einwilligt. Offenbar gehรถren zu den Waffen auch die von den USA gelieferten Streubomben, die seit 2010 von 110 Staaten geรคchtet sind โ nicht aber von der Ukraine, Ruรland und dem mรคchtigsten Nato-Mitglied Amerika.
Putin wiederum kรผndigte an, Moskaus Nukleardoktrin der โangespannten internationalen Lage“ folgendermaรen anzupassen:
โEine Aggression gegen Ruรland durch einen Nicht-Kernwaffenstaat, aber mit Beteiligung oder Unterstรผtzung eines Kernwaffenstaates, soll als gemeinsamer Angriff auf die Russische Fรถderation betrachtet werden.โ
Der Einsatz von Atomwaffen sei demnach mรถglich, wenn die Existenz Ruรlands durch Angriffe auch mit konventionellen Waffen bedroht sei. Viele Beobachter werten diese Drohungen zwar offiziell als weiteren Versuch, den Westen davon abzuhalten, Kiew zu helfen, intern jedoch dรผrfte die Bereitschaft, den Ukrainern weitreichende Waffen zu liefern, nicht gerade groร sein โ besonders nicht in Deutschland (siehe die โTaurus“-Marschflugkรถrper).

