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Filmkritik: Bach – Ein Weihnachtswunder (2024)

2. Januar 2025
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Ich verehre Johann Sebastian Bach. Seine Musik hat mich wie die keines Zweiten in den 25 Jahren meines Lebens beeinflusst, ich hรถre und spiele sie (fast) tรคglich, und sogar den ersten Netzartikel hier bei der KRAUTZONE habe ich vor etwas mehr als vier Jahren dem Leben des groรŸen Komponisten gewidmet. Umso mehr habe ich mich auf den Film gefreut, den die ARD in diesem Jahr รผber Bach produziert hatte โ€“ oder genauer gesagt: รผber die Entstehung eines seiner bedeutendsten Werke, das aus sechs einzelnen Kantaten zusammengesetzte Weihnachtsoratorium. Das erste Mal zum Erklingen gebracht wurde es in sechs Gottesdiensten zwischen dem 1. Weihnachtsfeiertag 1734 (das Werk feiert also in diesem Jahre das 290. Jubilรคum seiner Urauffรผhrung) und dem 6. Januar des Folgejahres.

Heutzutage hat sich die Auffรผhrung des WO (wie es unter Musikern รผblicherweise abgekรผrzt wird) von den von Bach angedachten Weihnachtstagen auf die Adventszeit verlegt โ€“ eine, wie ich finde, unschรถne Tradition, da sie Teil der Verwischung und Vermischung von Advents- und Weihnachtszeit ist, รผber die ich mich bereits vor zwei Jahren beschwert habe. Dabei werden in den Konzerten meistens die Kantaten 1 bis 3 oder 4 bis 6 gespielt; eher selten findet eine Gesamtauffรผhrung des Werkes statt, die ca. drei Stunden in Anspruch nehmen wรผrde.

Aber nun zum Film: Ich setzte mich also gleichzeitig mit Vorfreude, aber auch Skepsis, an den Laptop, รถffnete die ARD-Mediathek und schaute mir das 90-minรผtige Machwerk an, nur um am Ende feststellen zu mรผssen: Die Skepsis war vollkommen berechtigt, hatte er doch fast genau die Schwรคchen, die ich bereits erwartet hatte. Zur Handlung: Wenige Tage vor Weihnachten 1734 mรถchte Bach sein Weihnachtsoratorium vollenden, dessen Auffรผhrung den Bach und seiner Musik feindlich gesinnten Leipziger Rat รผberzeugen soll, dass seine โ€žopernhaftenโ€œ (d. h. zu dramatischen, vom Gotteswort ablenkenden) Werke es wert sind, in den Leipziger Kirchen aufgefรผhrt zu werden.

Wรคhrend der Patriarch am Komponieren ist, kommt zum Weihnachtsfest der gesamte Bach-Clan zusammen, darunter der Lieblingssohn des Meisters, Wilhelm Friedemann, und der mit dem Vater zerstrittene Carl Philipp Emanuel, der lediglich auf Bitten seiner Stiefmutter, Bachs zweiter Ehefrau Anna Magdalena (mit der Emanuel ebenfalls kein gutes Verhรคltnis hat), in Leipzig eintrifft. Als wรคre dieser Familienzwist nicht genug, kommen einige weitere grรถรŸere wie kleinere Probleme zusammen: Tochter Elisabeth kann nur mit Mรผhe einen Weihnachtsbaum fรผr daheim finden, die finanziellen Sorgen der Familie werden beleuchtet, Anna Magdalena ist erneut schwanger, nachdem sie bereits sieben Kinder verloren hatte, und als filmischer Hรถhepunkt verschwindet der geistig zurรผckgebliebene Sohn Gottfried nach einem Streit spurlos in der Kรคlte.

Natรผrlich lรถsen sich alle Konflikte am Ende zum Guten hin auf: Der Weihnachtsbaum steht, den Bachs wird im Spรคtsommer 1735 ein gesunder Sohn geboren (Johann Christian Bach, der selbst ein berรผhmter Komponist werden sollte), Gottfried wird heil wieder nach Hause gebracht, nachdem sich Vater und Sohn Emanuel vertragen und ihn gemeinsam gefunden hatten, und schlieรŸlich wird, nachdem der Ratsherr Stieglitz, der Antagonist des Filmes, รผberzeugt wurde, das WO aufgefรผhrt: Regelrecht kathartisch ertรถnt der Eingangschor โ€žJauchzet, frohlocket!โ€œ An sich wรคre das alles grenzwertig ertrรคglicher Kitsch โ€“ wenn wir es nicht mit einer ARD-Produktion zu tun hรคtten.

Doch bevor ich zu den Kritikpunkten komme, mรถchte ich ein paar Sachen lobend hervorheben: Da wรคre zum einen die Musik โ€“ also die historische von Bach wohlgemerkt. Das dafรผr verantwortliche Ensemble Continuum unter der Leitung von Elina Albach spielte fรผr den Film lebendige, ja fast berauschende Musik aus dem WO ein, von der ich am liebsten mehr gehรถrt hรคtte โ€“ gern auf Kosten der รผberkitschigen Klavierbearbeitungen Bachโ€™scher Arien, wie man sie am Anfang des Filmes ertragen muss. Ich mรถchte fast sagen, dass Albachs Ensemble die Musik zu perfekt spielt, angesichts der historischen Umstรคnde โ€“ so stand Bach leider nicht der Thomanerchor zur Verfรผgung, dessen Qualitรคt heutzutage weltweit geschรคtzt wird.

Die Kostรผme im Film sind ebenfalls รผberzeugend, hinzu kommen die Drehorte, die einen in eine schรถnere Welt zurรผckversetzen. Und dann die Schauspieler: Insbesondere Thorsten Merten als Stadtrat Stieglitz รผberzeugt mich sehr, auch Verena Altenberger gibt der Frau โ€žBachinโ€œ viel Tiefe. Ja, gerade die Darstellung von Trauer und Schmerz einer Mutter, die in 13 Ehejahren zehn Kinder geboren hatte, sieben (!) von ihnen wieder hatte begraben mรผssen und letzten Endes trotzdem nicht aufgab, ist so plastisch, dass ich ergriffen war โ€“ einer der besten Aspekte des ganzen Films.

Dass Anna Magdalena weitaus mehr verkรถrpert als nur die treue Hausfrau, mag einem auf den ersten Blick vielleicht feministisch-modern erscheinen โ€“ es ist bestimmt auch so gemeint โ€“, trifft aber dennoch die historische Realitรคt: Wir befinden uns immerhin in den 1730ern, nicht in den 1950ern. Bei Devid Stresow in der Titelrolle bin ich mir nicht sicher: Er hat zweifelsohne keinen schlechten Job gemacht, dennoch reicht seine Darstellung nicht an diesen einzigartig herrisch-schnoddrigen und gleichzeitig demรผtig-bescheidenen Charakter heran, den Ulrich Thein dem Thomaskantor in den Bach-Filmen der DEFA von 1985 verleihen konnte.

Was also lief falsch beim neuen Bach-Film? Mit meinem KRAUTZONE-Kollegen Lambda kam ich in einem Video fรผr das Format Konsequent Frei รผber die US-amerikanische Erfolgsserie „Game of Thrones“ zu dem Schluss, dass wir dort lediglich moderne Menschen in einem mittelalterlichen Setting sehen, jedoch keine mittelalterlichen Menschen โ€“ das heiรŸt, wir haben dort moderne Amerikaner mit modernen Denkweisen in Kostรผmen betrachten dรผrfen, jedoch keine Menschen mit mittelalterlichem Weltbild.

Ein รคhnliches Resรผmee hat auch der Schattenmacher in einem Videoessay รผber den Film „Gladiator“ gezogen, dessen Hauptfigur im Grunde genommen ein US-amerikanischer Familienvater ist. Und genau dasselbe lรคsst sich im neuen Bach-Film beobachten: So beschwert sich die Tochter Elisabeth in feministischer Manier, warum denn sie als Mรคdchen im Chor nicht mitsingen dรผrfe, wo sie doch eine schรถnere Stimme habe als die meisten Thomanerjungen. Mal davon abgesehen, ob ein 8-jรคhriges, im frรผhen 18. Jahrhundert geborenes und konservativ-lutherisch erzogenes Mรคdchen sich solche Gedanken gemacht hรคtte oder nicht โ€“ diese platt-belehrende Art und Weise, mit der mir die Filmemacher ihre Ideologie verkaufen mรถchten, macht mich bitterlich lachen.

Man verpasst im zeitgenรถssischen Film eben keine Gelegenheit, und sei sie so billig, den Zeitgeist in den Kopf des Zuschauers einzuhรคmmern. Dazu kommt der Konflikt zwischen Sohn Emanuel und Vater Bach, der ebenfalls fรผr die feministische Sache ausgenutzt wird โ€“ schlieรŸlich, so sagt der Sohn, mรผsse auch der Vater mal fรผr die Kinder (und nicht nur fรผr die Musik) da sein und die Erziehung nicht allein seiner Frau รผberlassen. Das moderne, linksliberale Familienbild im 18. Jahrhundert? Dieser ahistorische Umstand schien auch dem Musikwissenschaftler Jan Brachmann, der den Film fรผr die „FAZ“ rezensierte, aufgefallen zu sein.

Der vordergrรผndige Streitpunkt zwischen Vater und Sohn ist jedoch die mangelnde Anerkennung des alten Bachs: Er respektiert es nicht, dass Emanuel nur auf Hochzeiten und anderen weltlichen Anlรคssen Musik mache und damit sein Talent verschleudere, anstatt richtige (also geistliche) Musik zu machen โ€“ wie etwa Sohn Friedemann, der eine Stelle als Organist in Dresden hat, die allerdings, anders als im Film dargestellt, nicht sonderlich gut bezahlt wurde. Wirklich schlรผssig finde ich diesen Streitpunkt nicht, so haben sowohl Vater als auch Sohn jede Menge geistliche wie weltliche Musik geschaffen.

Viel interessanter hรคtte ich einen Generationskonflikt anderer Art gefunden, der sich an der Art und Weise entzรผndet, wie man Musik schreibt: Der Vater mit seiner schwรผlstigen, kontrapunktischen Musiktradition auf der einen Seite, auf der anderen Seite der Sohn mit einer leichten, melodiebetonten Musikรคsthetik. Das wรคre auch hinsichtlich des Streites zwischen Bach und dem Rat interessant geworden! Am Ende jedenfalls versรถhnen sich die beiden in einer fast demรผtigenden Entschuldigungsszene, in der der Vater den Sohn quasi anbetteln muss.

Auch die anderen Reibereien in der Familie hรคtten mehr Beachtung und Tiefe verdient. So ist z. B. das schwierige Verhรคltnis Emanuels zu seiner Stiefmutter belegt, jedoch werden die Hintergrรผnde leider kaum beleuchtet โ€“ sei es die Trauer รผber Bachs erste Ehefrau Maria Barbara, die Mutter von Emanuel und Friedemann, oder, dass der Vater seine Aufmerksamkeit einer neuen Frau mit neuen Kindern widmete.

Mein eigentlicher Kritikpunkt betrifft aber den Hauptkonflikt des Filmes zwischen Bach und dem fiktiven Leipziger Ratsherren Stieglitz, der im Film Bachs reale Gegner in einer Person verkรถrpern soll. Zusammen mit einem nicht nรคher genannten, kleingeistigen Pfarrer wirft Stieglitz dem Thomaskantor Eitelkeit vor, stehe doch das gepredigte Wort รผber der Musik. Bach beharrt aber darauf, dass sein Oratorium die Herzen der Menschen fรผr den Glauben รถffnen kรถnne. Gleichzeitig dient das Werk als Bewerbung fรผr eine Stelle als โ€žHof-Compositeurโ€œ am Dresdner Hof; und wie es der Zufall so will, kommt der Hofkapellmeister Johann Adolph Hasse aus dem Elbflorenz zu Besuch, um sich das WO anzuhรถren. Als der Rat von der Starrkรถpfigkeit seines Thomaskantors genug hat und die Auffรผhrung des Werkes verbietet, steht auch Bachs gesamtes Vorhaben vor dem Aus.

Nachdem ein Versuch von Emanuel und Anna Magdalena gescheitert ist, den Ratsherren umzustimmen, wird Stieglitz nur kurz vor knapp vom Gegenteil รผberzeugt โ€“ und ist beim Eingangschor des ersten Teils mit den anderen Zuhรถrern zu Trรคnen gerรผhrt. Ein Happy End also, nur nach Dresden ist Bach nie gegangen โ€“ zwar erhielt er den Titel des โ€žHof-Compositeursโ€œ, blieb jedoch in Leipzig.

Den Streit zwischen Rat und Bach gab es wirklich: Vertraglich war der Thomaskantor daran gebunden, keine โ€žopernhafteโ€œ Musik in den Leipziger Kirchen aufzufรผhren โ€“ das bekam er vor allem nach der Auffรผhrung der Matthรคuspassion zu spรผren, fรผr die er nie entlohnt wurde. Doch lag der eigentliche Grund fรผr den Konflikt nicht etwa in der Kleingeistigkeit der Leipziger Stadtherren โ€“ das wรคre eine viel zu einfache Erklรคrung โ€“, sondern in der Zeit selbst. In den 20er- und 30er-Jahren des 18. Jahrhunderts begann sich eine neue Art von Musik zu entwickeln: Der โ€žEmpfindsame Stilโ€œ war auf dem Vormarsch. Das heiรŸt konkret: Hinfort mit dem alten, kontrapunktischen, schwรผlstigen Gedudel der vergangenen Jahrzehnte, her mit einer kantablen (also singbaren), melodiebetonten, entwirrten Musik.

Viele von Bachs Zeitgenossen folgten diesem neuen Stil, und auch seine Sรถhne komponierten solche Art von Musik. In Leipzig hรคtte man den neuen Stil auch gern gehรถrt (Emanuel Bachs Musik wรคre da sicher gut angekommen!), doch Johann Sebastian Bach war da anders: Obwohl sich auch in seinem Werk Elemente eines empfindsamen Stiles finden lassen, war er doch der kontrapunktischen, vielstimmigen, undurchdringlichen Tradition verhaftet โ€“ sehr zum ร„rger vieler seiner Leipziger Mitbรผrger.

So schrieb 1737 einer der berรผhmtesten Kritiker Bachs, der Komponist Johann Adolph Scheibe, respektvoll, aber deutlich:

โ€žDieser groรŸe Mann wรผrde die Bewunderung ganzer Nationen sein, wenn er mehr Annehmlichkeit hรคtte und wenn er nicht seinen Stรผcken durch ein schwรผlstiges und verworrenes Wesen das Natรผrliche entzรถge und ihre Schรถnheit durch allzu groรŸe Kunst verdunkelte. Weil er nach seinen Fingern urteilt, so sind seine Stรผcke รผberaus schwer zu spielen; denn er verlangt die Sรคnger und Instrumentalisten sollen durch ihre Kehle und Instrumente eben das machen, was er auf dem Klavier spielen kann. Dieses aber ist unmรถglich. [โ€ฆ] man bewundert [โ€ฆ] die beschwerliche Arbeit und eine ausnehmende Mรผhe, die doch vergebens angewandt ist, weil sie wider die Vernunft streitet.โ€œ

Darum ging es nรคmlich: โ€žKlarheitโ€œ โ€“ und die findet man bei Bachโ€™scher Musik, zumindest beim ersten Mal hรถren, hรคufig vergebens. Und was meinte Scheibe eigentlich damit, dass Bachs โ€žArbeit […] wider die Vernunftโ€œ streite? Nun, nicht aufklรคrerisch genug war sie, bzw. sogar antiaufklรคrerisch! Denn der empfindsame Stil stand auch ganz im Sinne der Aufklรคrung: Die singbaren, klaren Melodien sollten die Vernunft des Menschen ansprechen, wรคhrend das Alte fรผr das Unaufgeklรคrte, Irrationale stand. Gleichzeitig gab es auch in den theologischen Vorstellungen des Luthertums Neuerungen: Der Pietismus hielt langsam Einzug, der einer zu emotionalen Kirchenmusik nicht wohlgesonnen war, da diese vom Wort ablenke und zu fleischlich, zu luxuriรถs, zu weltlich sei โ€“ รคhnlich wie beim Calvinismus oder bei vielen reformierten Strรถmungen in den USA, wo in so mancher Kirche die (weltliche) Musik nach wie vor als teuflische Versuchung gilt.

Johann Sebastian muss all diesen Entwicklungen sehr kritisch, wenn nicht gar ablehnend gegenรผbergestanden haben. So wissen wir aus Eintragungen, die er in die theologischen Bรผcher seiner Privatbibliothek machte, dass er ein zutiefst glรคubiger, lutherisch-orthodox (โ€žorthodoxโ€œ heiรŸt in diesem Kontext: der konservativen, lutherischen Theologie des 16. und 17. Jahrhunderts folgend) erzogener Christ war โ€“ und diese Vorstellung des Christentums brachte er mithilfe seiner Musik zum Ausdruck. Bach hat es selbst einmal niedergeschrieben:

โ€žEndlich soll auch die Endursache aller Musik […] seyn nichts anderes als nur Gottes Ehre und Recreation des Gemรผths; wo dies nicht in Acht genommen ist, das ist keine recht eigentliche Musik.โ€œ

Eines der wenigen wรถrtlichen Zitate รผbrigens, die von ihm รผberliefert sind. So hat der Film-Bach schon recht, wenn er gegenรผber seinen Gegnern sagt, dass seine Musik Gott zur Ehr und dem Worte zur Verkรผndigung geschrieben wird โ€“ aber eben nicht aus einer progressiven Haltung heraus. Dass man den Helden eines ARD-Filmes nicht als tiefreligiรถsen Antiaufklรคrer zeichnen kann, liegt auf der Hand (auch wenn ich es ja so machen wรผrde…), dennoch hรคtte man den Charakter Bachs (und den seiner Gegner) nicht so abflachen mรผssen, wie man es letzten Endes getan hat.

Die Auffรผhrung des WO stand auรŸerdem nie zur Debatte, da Bach zwischen 1730 und 1734 eine recht einfache Zeit hatte: mit einem ihm wohlgesonnenen Rektor der Thomasschule und einem Bรผrgermeister, der zu seinen Fรผrsprechern zรคhlte. Den Streit um das WO hat man also fรผr den Film erfunden.

Die letztlich entscheidende Rolle zur Beilegung des Streites zwischen Bach und Ratsherr Stieglitz spielt der geistig behinderte Sohn Gottfried: Der fรคngt nรคmlich an, in Anwesenheit des Ratsherrn den Choral โ€žIch stehโ€˜ an deiner Krippen hierโ€œ zu singen, woraufhin die ganze Familie mit einstimmt โ€“ und den gerรผhrten Stieglitz dadurch รผberzeugt, die Auffรผhrung des WO doch zu erlauben. Die Figur des Gottfried ist eines der grรถรŸten Elemente unseres Zeitgeistes im Film: โ€žSchaut her, wie inklusiv wir doch sind!โ€œ โ€“ das ist die politisch korrekte Botschaft. Natรผrlich war der historische Gottfried untrennbarer Teil seiner Familie, so lebte er nach dem Tod der Eltern bei seiner Schwester Elisabeth. Doch dass er eine solch groรŸe Rolle in Bachs Wirken und Werken gespielt haben soll, ist ein Produkt moderner Inklusionsromantik. Den peinlichen Hรถhepunkt findet Gottfried dann ganz am Ende des Films, als er wรคhrend des Gottesdienstes (!) zur Musik von Papa Bach durch das Kirchenschiff tรคnzelt. Rรผhrselig in unserer Zeit, vรถllig undenkbar im 18. Jahrhundert. โ€žMusste das jetzt sein?โ€œ, fragte ich mich in dem Moment mit verdrehten Augen.

So hatte man also die Chance, eine wirklich interessante und konfliktreiche Geschichte zu erzรคhlen โ€“ und hat sie ordentlich versemmelt, um den flachen Ansprรผchen unseres Zeitgeistes Tribut zu zollen. Sehr, sehr schade! Ich mรถchte an der Stelle noch einmal die DEFA-Filme รผber Bach aus dem Jahre 1985 zum Vergleich heranziehen: Als eine der aufwendigsten Produktionen der DDR waren auch diese Filme von damals zeitgenรถssischer Ideologie durchdrungen โ€“ so kรคmpft der teilweise sehr proletarisch anmutende Querulant Bach ganz in marxistisch-leninistischer Manier gegen den reaktionรคren Weimarer Fรผrsten oder die versnobte Leipziger Bourgeoisie โ€“, und doch gibt man dem Zeitempfinden des 18. Jahrhunderts mehr Raum als in der Filmproduktion von heute.

Immerhin hatte die DDR das Glรผck, dass Johann Sebastian in seinem Habitus vermutlich wirklich eher โ€žBauerntrampelโ€œ als Bildungsbรผrger war โ€“ auch wenn natรผrlich mit hรถfischen Gepflogenheiten vertraut โ€“ und daher dem Proletarier nรคherstand als dem Geisteswissenschaftler, wohl sehr zum Unmut heutiger Linksintellektueller. Bei den Figuren der DEFA-Filme jedenfalls hat man nie dauerhaft den Eindruck, modernen Menschen zuzuschauen โ€“ und das trotz schlechterer Kostรผme, verfallender Bausubstanz im Hintergrund oder unhistorischer Auffรผhrungspraxis โ€“, wรคhrend ich mich in den neuen Film trotz guter Musik und Kostรผme nie vรถllig fallen lassen kann. Bezeichnend ist es, dass historische Figurenzeichnung und Weltanschauungsempfinden in einer DDR-Produktion doch freier gewesen zu sein scheinen, als es in einem Film des โ€žbesten Deutschlands aller Zeitenโ€œ der Fall ist.

2 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Wer so respektlos vom โ€žkontrapunktischen, schwรผlstigen Gedudelโ€œ schreibt und damit die Komponierweise des groรŸen Bach meint โ€” der benimmt sich einfach unangemessen und disqualifiziert sich selbst.
    Und: Was immer du zu sagen hast, sag es kรผrzer, Friderico!

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