In den Tagen nach der Zeugnisausgabe sind die Anzeichen einer tiefgreifenden Deformation unseres Bildungswesens auch für den Verfasser praktisch greifbar. Wovon Schlomo Finkelstein in seiner Reflexion über die Vaterschaft noch entfernt ist, was Boris Morgenstern und Florian von der Krautzone über den allgemeinen Niedergang in einem YouTube-Gespräch berichten,…
…das erfährt der Verfasser dieser Zeilen in seiner ganzen systemischen Tragweite am eigenen Leibe. Dabei offenbart sich die gesamte Hybris eines Apparates, der den Menschen zum Material degradiert – und dies bereits im zartesten Alter von gerade mal sechs Jahren.
Der Marsch durch die Institutionen zeigt sich nirgends deutlicher als in der Betrachtung des pädagogischen Handwerks zeitgenössischer Lehrkörper. Eine exemplarische Bestandsaufnahme: Deutschlands Grundschulklassen sind vielerorts geprägt von jener Unruhe, die symptomatisch für ein System geworden ist, das Autorität durch Beliebigkeit ersetzt hat. Diese Unruhe findet einzig dann ein Ende, wenn Lehrkräfte mit natürlicher Autorität das Feld betreten – jene seltenen Vertreter des klassischen pädagogischen Handwerks, aus deren Unterricht keinerlei Klagen überliefert werden.
Es sei angemerkt: Bei einem beträchtlichen Teil des zeitgenössischen Lehrpersonals ist die Unruhe Programm. Hier liegt das Problem: Wo Autorität nicht vorhanden ist, wo pädagogische Führung durch emotionale Überforderung ersetzt wird, da entsteht jenes Chaos, das dann den Elternvertretungen als Kollektivschuld der Schülerschaft übermittelt wird. In digitalen Kommunikationsgruppen werden solidarisch die Kerzen angezündet, die Toleranz geübt – freilich nur in der Form, dass das Wort des Lehrkörpers zur baren Münze erklärt und harte Sanktionen gegen die vermeintlichen Übeltäter gefordert werden.
Was folgt, ist exemplarisch für ein System, das Konformität über Individualität stellt. Kinder, die einen eigenen Kopf besitzen und etwa sportliche Aktivitäten wie Kampfsport ausüben, die Charakterbildung und Selbstbehauptung fördern, werden systematisch zum Problem erklärt. „So etwas hat nichts in der Schule verloren“, lautet die zeitgenössische pädagogische Weisheit. Körperliche Ertüchtigung mit Wettbewerbscharakter sei „problematisch“, solche Ansichten könne man „außerhalb der Schule pflegen“.
Leistungsbereitschaft wird als Ellenbogenmentalität denunziert, körperliche Wehrhaftigkeit als systemfeindlich markiert. Die Domestizierung beginnt im Kindergartenalter. Nach entsprechendem Widerspruch junger Schüler und reaktivem Verhalten, das durch bestimmte Klassendynamiken provoziert wird, stehen sie endgültig im Fokus pädagogischer Maßregelung. Eltern werden aus wichtigen Terminen heraus kontaktiert – die Situation sei „nicht mehr handhabbar“.
Informierte Eltern kennen das Schulgesetz und sind sich bewusst, dass bestimmte Verfahrensschritte hätten eingehalten werden müssen. Das ist in der pädagogischen Praxis offenkundig nicht mehr der Fall. Was folgt, sind Gespräche, in denen ungetrübter Optimismus herrscht, man könne etwaiges Fehlverhalten pädagogisch adressieren. Bis Ordnungsmaßnahmen folgen, könnten Kinder allerdings aus „Sicherheitsgründen“ nicht mehr an bestimmten Schulveranstaltungen teilnehmen. Form und Augenmaß? Fehlanzeige.
Nach Hinweis auf das einschlägige Gesetz – man hatte die Betroffenen nicht ordnungsgemäß angehört, auch sonst die üblichen Verfahrenswege nicht beschritten – wird plötzlich von solchen Maßnahmen abgewichen. Bis zum nächsten Anlauf. Wieder: Form nicht gewahrt, rechtliche Standards vernachlässigt. Solche Maßnahmen mögen vordergründig keine große Bedeutung haben, hintergründig jedoch können sie als Grundlage für weitergehende Schritte dienen.
Der systematische Höhepunkt ist das zeitgenössische Grundschulzeugnis. Moderne Zeugnisse lesen sich wie Mängellisten der Nonkonformität. Zwar wird jedes Verhalten zunächst neutral erwähnt, aber nur, um es im Kern danach zu problematisieren. Es finden sich bemerkenswerte Formulierungen wie: „Zeigt Initiative bei der Themenwahl, hält sich jedoch nicht immer an die vorgegebenen Arbeitsschritte“ – eine kreative Wortschöpfung, die eigenständiges Denken zur Unart erklärt.
Man könnte weitere Beispiele dieser semantischen Besonderheiten anführen: „Bringt eigene Ideen ein, benötigt aber Unterstützung beim strukturierten Vorgehen“ oder „Arbeitet motiviert, lässt sich jedoch von interessanten Details ablenken“. Letztendlich dokumentieren solche Zeugnisse nur eines: die fehlende Gleichschaltung von Grundschülern. Die Kinder entsprechen gewissen bürokratischen Idealvorstellungen nicht. Anstatt ihre Individualität als Ausgangspunkt zu nehmen, wird sie als Abweichung von der Norm bewertet.
Doch gerade, wenn man meint, den Gipfel der Absurdität erreicht zu haben, erweist sich dieser als bloßer Vorhügel: „Mitschüler*innen“ in Grundschulzeugnissen. Verwaltungsakte werden systematisch mit Gendersternchen „bereichert“. Gegen die Bewertungen in Schulzeugnissen lässt sich rechtlich nur schwer vorgehen – bei Grundschulzeugnissen macht das auch wenig Sinn. Gegen das Gendersternchen in amtlichen Dokumenten jedoch durchaus. Denn es handelt sich um Verwaltungsakte. Insofern eine kleine Anregung für betroffene Eltern:
1.) Man befasse sich mit den Empfehlungen des Rates der deutschen Rechtschreibung, die dieses Sterngefilde eindeutig ablehnen.
2.) Man studiere die Auffassungen der Landesregierungen zu diesem Thema.
3.) Man konsultiere die entsprechenden Verwaltungsverordnungen.
4.) Man fordere eine korrigierte Fassung in korrektem Amtsdeutsch.
Das Ziel sollte systematischer Widerstand gegen mindestens diesen sprachlichen Unfug sein. Denn auch wenn man manch fragwürdige pädagogische Praktiken noch erdulden muss, auch wenn sie die fehlende Gleichschaltung der Kinder monieren – die Sprache muss man nicht aufgeben.
In der dunklen Zeit, da die Institutionen ihre Neutralität preisgeben und zu Agenten ideologischer Umerziehung werden, bleibt dem besorgten Bürger nur der Widerstand im Kleinen. Widerstand gegen Sprachmanipulation ist dabei ein konkreter Ansatzpunkt – rechtlich fundiert und praktisch umsetzbar. Formulieret den Anfängen einen Widerspruch!

