Ich hätte nicht gedacht, so schnell aus der Presse davon zu hören, was meine Knast-Bekanntschaften inzwischen so treiben. Den beiden längeren Wegbegleitern, die schon wieder frei sind – ein Serien-Supermarktdieb und ein Drogendealer – war schließlich wenig zuzutrauen, das eine knackige Überschrift abgeben würde. Tatsächlich sind es nun aber meine Deradikalisierer, die mit immer verrückteren Aktionen von sich reden machen: das sogenannte „Violence Prevention Network“ (VPN).
Die staatlich finanzierte NGO hat einen Online-Kurs zum Thema „Rechtsextremismus im Gaming“ rausgebracht, in dem man sich Vorträge von „Experten“ anhören soll, um anschließend ein Quiz zu absolvieren, das man so lange wiederholen soll, bis man alles „richtig“ hat. Der Christchurch-Anschlag, den man aufgrund des Helmkamera-Streams des Täters im videospielbezogenen Rechtsextremismus verortet, wird in einem Abwasch mit der rechten Videospielschmiede Kvltgames behandelt, über die ich schon mal hier schrieb.
Im Block „Sexismus und Gaming“ ist eine Frau Kracher von der linksradikalen Amadeu Antonio Stiftung wortführend und erklärt sogleich, dass Sexismus Benachteiligung auf der Grundlage patriarchaler Strukturen sei und demnach Männer nicht betreffen könne, was im Quiz später abgefragt wird. Kritik an der Diversifizierung von Videospielen – als Beispiel wird der Gegenwind bezüglich schwarzer, schwuler, behinderter Transfrauen als Soldaten im Zweiter-Weltkriegs-Shooter „Battlefield V“ genannt – diene dem Bewahren eines Raumes der „Ermächtigungsfantasien heterosexueller weißer Männer“ und sei demnach rechtsextrem. Genauso dient der Unmut über Shurjokas Ernennung zur Gamerin des Jahres 2023 als Beispiel für Frauenhass.
An anderer Stelle wird ausformuliert, wo Rechtsextremismus in den Augen des VPN beginnt:
„Antifeminismus ist auch zentral für die rechtsextreme Ideologie, da zu ihr eine klar ausformulierte Geschlechterordnung gehört. (…) Es gibt nur Frau und Mann, die diametral gegenüberstehende Fähigkeiten und spezifische Berufungen besitzen. (…) Heterosexuelle Beziehungen sind die Norm und dienen der Zeugung von Kindern.“
Es gibt also geschlechtliche und sexuelle Beliebigkeit, die Überwindung von Rollenbildern, die Entkopplung des Geschlechtsverkehrs von der Fortpflanzung und das Aufgehen von Geschlecht als starrer, biologisch definierter Größe in der „Vielfalt“ des sozialen Geschlechts, und es gibt Rechtsextremismus. Viel deutlicher könnte man nicht ausformulieren, dass die Beliebigmachung des Menschen das zentrale Dogma des modernen Liberalismus ist.
Grund genug, mal meine eigenen Erfahrungen mit dem Laden zu schildern. Wenige Wochen nach meiner Ankunft in der JVA Brandenburg an der Havel, in der ich den Großteil meiner Haftstrafe für unflätige Aussagen über den Islam, meine jüdisch angehauchten Avatare, ein historisches Goebbels-Foto in einem YouTube-Video sowie das Einspielen der politisch inkorrekten Songparodie „What the Black Says“ von Rucka Rucka Ali (wofür es mit sechs Monaten die größte Einzelstrafe gab) verbüßte, rief man mich zu einem Sozialarbeitergespräch. Dort erkundigte man sich nach meiner Bereitschaft, an einem Deradikalisierungsprogramm teilzunehmen. Da man mir deutlich bessere Chancen auf vorzeitige Entlassung in Aussicht stellte, wenn ich parierte – was mein Anwalt ähnlich sah –, und zu Hause Frau und Kleinkind auf mich warteten, sagte ich zu.
Der Beginn der Maßnahme ließ aber viele Monate auf sich warten. Als die Staatsanwaltschaft im Dezember von sich aus die Prüfung einer vorzeitigen Entlassung nach Halbstrafe anleierte, empfahl das Gefängnis in seiner Stellungnahme, „den Kontakt zum VPN in die Bewährungsbedingungen aufzunehmen“. Die Bewährung zum frühestmöglichen Zeitpunkt befürwortete man, weil „der festgestellte Bearbeitungsbedarf [meiner verfestigten rechtsextremen Einstellungen] in der verbleibenden Haftzeit ohnehin nicht verwirklicht“ werden könne. Gar kein dummer Ansatz: guten Willen herstellen, indem man mich rauslässt, und gleichzeitig den Zeitraum, in dem man auf mich einwirken kann, auf Jahre strecken.
Man hatte allerdings die Rechnung ohne die Wirtin gemacht. Die saß als Richterin im Landgericht Potsdam und entschied kurzerhand, dass in meinem Fall überhaupt keine vorzeitige Entlassung infrage komme. Inzwischen hatte ich mehr als die Hälfte der Strafe bereits abgesessen. Mit ihrer Resozialisierungsstrategie in Scherben blieb also nichts mehr übrig, als die Deradikalisierung im Gefängnis zu beginnen, in den Worten der Richterin: „Es muss jetzt durch weiteren Strafvollzug und Kontakt zum VPN versucht werden, den Verurteilten nachhaltig zu beeindrucken.“

Zunächst stellte der Vollzugsabteilungsleiter mir meinen Vollzugsplan vor. Da ich jetzt, ohne die Aussicht auf vorzeitige Entlassung vor der Nase, keinen wirklichen Anreiz mehr hatte, ihm nach dem Mund zu reden, konnte ich ihn dabei in die Zwickmühle manövrieren, definieren zu müssen, was eigentlich das Ziel der Deradikalisierung sei, ohne Orwell’sch zu klingen.
„Dass man Einstellungen hinterfragt, die eine erneute Straffälligkeit wahrscheinlicher machen könnten.“
„Politische Einstellungen?“
„Nein, nein. Es geht da nicht darum, Sie irgendwie politisch umzukrempeln, also, so gehirnwäschemäßig. Da wird man in Gesprächen ausloten, wie wahrscheinlich eine erneute Straffälligkeit ist, und versuchen, gegenzusteuern.“
„An was wird man das festmachen und wo wird man gegensteuern?“
„Da sind die Leute von VPN die Fachmänner, was genau deren Kriterien sind, weiß ich nicht.“
Die Geschäftsgeheimnisse der Deradikalisierungs-NGO, der die Justiz trotzdem genug vertraut, sie aus einer Machtposition auf Insassen einwirken zu lassen, waren die letzte Verteidigungslinie. Wenige Wochen später holte man mich also von der Arbeit, um mich mit VPN bekannt zu machen.
Ein Mittvierziger mit stahlblauen Augen und stechendem Blick, dem ein „dir auf den Grund gehen wollen“ innewohnte, saß mir gemeinsam mit einer jüngeren Frau gegenüber: einer betont entspannten Kumpeline, deren Auftreten von Kaugummikauen perfekt abgerundet worden wäre. Nach kurzer Irritation über meinen fehlenden Hooligan-Hintergrund – eigentlich wollten sie mich in eine Anti-Gewalt-Gruppe stecken – begann ein gegenseitiges Abtasten. Sie ließen mich alle meine Delikte schildern, während ich danach stocherte, was genau sie eigentlich als ihre Aufgabe sahen, sprich: Was wollten sie bekämpfen?
Jede konkrete Nachfrage (etwa, ob Remigration darunterfällt) weichten sie reflexhaft auf: Es komme immer darauf an, was daraus jetzt folge – wenn man jemandes Haus anzünden wolle oder der Meinung sei, dass „alle raus“ müssten, sei das etwa Extremismus. Ich erwiderte, Ersteres sei eine ernsthafte Straftat und Letzteres nur eine drastische politische Forderung, wie sie umgekehrt, also „alle rein“, jahrelang Mainstream war. Dass die Justiz und in sie eingebundene NGOs wie die ihre mit einer solchen Extremismus-Definition ein Ungleichgewicht erschaffen. Sie bekundeten, dass man ja auch eine gefährliche Stimmung befeuern könne, ohne selbst direkt Gewalt zu predigen.
Dass ich das nur für einen Vorwand für Repressionen gegen politische Gegner halte, bekräftigte ich mit dem Beispiel Böhmermanns, der im Sommer 2024 eine Sendung mit „Warum nicht ein paar Nazis keulen“ abmoderierte, nachdem er die vorangegangene halbe Stunde eine Äquivalenz zwischen solchen und AfD- sowie FPÖ-Politikern hergestellt hatte – und nicht belangt wurde. Um zu untermauern, dass dies einer ernsthaften Nähe zu politischer Gewalt in der Redaktion entsprang, führte ich Gagschreiber El Hotzo an, der nach dem Attentat auf Trump in Pennsylvania bekundete, die Ermordung eines seiner Anhänger dabei „absolut fantastisch“ zu finden.
Das war der einzige Moment, in dem die Maske politischer Neutralität und professioneller Distanz zu weltanschaulichen Themen rutschte, und zwar bei Kumpeline. „El Hotzo hat alles verloren, seinen Job, alles!“, stieß sie entrüstet aus. Einen Job, den er als Rechter sowieso gar nicht erst bekommen hätte, und wenn ich nach der Erschießung eines Grünen-Fans „ich finde es absolut fantastisch, wenn Ökobolschewisten sterben“ schreibe, sitze ich im Knast, so meine Erwiderung. Inzwischen wurde El Hotzo freigesprochen. „Das glaube ich nicht, über die Grünen kann man so einiges sagen“, fuhr der Mann mit mehr Contenance fort und wechselte das Thema.
Sie ließen mich mein Weltbild ausbreiten, was ich mit Vergnügen tat: Moderner Liberalismus als Abschaffung organisch gewachsener, unveränderlicher Identitäten, wie etwa rassischer, geschlechtlicher, familiärer. Der Mensch als tribales Wesen, dem es natürlicherweise naheliegt, sich darüber zu definieren, und das deshalb psychologisch missbraucht werden muss, um davon abgebracht zu werden. Erbschuld als Hauptwerkzeug dieser Umpolung, das nur bei Einheimischen greift, was bedeutet: Einwanderer bleiben tribal und können Deutsche schon in Unterzahl dominieren, wie man es im Mikrokosmos Schule beobachtet.
„Also, mit der Schuld, da meinst du die Nazizeit?“
„Ja.“ (Wie von ihnen eingangs vorgeschlagen duzten wir uns.)
„Das finde ich interessant, weil, es gab jetzt eine Umfrage, dass jeder sechste Jugendliche noch nie vom Holocaust gehört hat.“
„Und das sind Torben und Malte, deren Geschichtsunkenntnis wir da messen?“
„Du meinst, dass das keine Deutschen sind?“
„Ja.“
„Nein, nein, dafür haben die korrigiert. Diese Statistiker haben Instrumente dafür, da geht es schon um deutsche Kinder.“
„Instrumente, mit denen die türkische Kinder mit deutschem Pass rausnehmen? Die machen da ’ne ethnische Auslese?“
„Du meinst, weil die das nicht in der Familiengeschichte haben, ist denen das nicht so präsent?“
„Nicht nur in der Familiengeschichte, es ist generell nicht ihre Geschichte, sondern die türkische. In ihren Augen.“
Zu meinem Liberalismus-Begriff wollte ich abschließend wissen: „Ist das für euch Extremismus, den ihr bekämpfen wollt?“ Es kam eine Aal-Antwort. „Das… kann ich jetzt so nicht sagen. Es kommt immer darauf an, wozu es führt, und… du sitzt ja im Gefängnis.“ Die Justiz lagert die Definition extremistischer Ansichten, die hier „bearbeitet“ werden sollen, also an VPN aus. VPN wiederum definiert Extremismus als „Ansichten, die zu schlechten Dingen führen“. Und schlechte Dinge sind etwa, dass die Justiz dich kidnappt. Beide schieben sich also die Definitionsgewalt hin und her, um den gruseligen Charakter des Ganzen nicht ausbuchstabieren zu müssen. Meine Schilderung des Gesprächs entspringt einem unmittelbar danach angefertigten Gedächtnisprotokoll.
Gegenseitig in die Schuhe geschoben wurde sich übrigens auch, warum man kein zweites Gespräch mit mir führen wollte: Die JVA wähle am Ende aus, es gebe nur begrenzte Kapazitäten, so VPN zum Abschied. In einem JVA-Bericht stand dann:
„In der Behandlungsmaßnahme VPN wurde festgestellt, dass bei Ihnen keine Veränderungsbereitschaft gesehen wurde und ein weiterer Verlauf der Maßnahme daher als nicht zielführend angesehen wird.“

Der Vollzugsabteilungsleiter bot mir später an, noch mal ein gutes Wort für mich bei VPN einzulegen, damit sie doch wieder mit mir reden. Aale, Aale wo man hinguckt.


Ich wünschte, es gäbe Aufnahmen von diesen Gesprächen.
Bestes Deutschland aller Zeiten
Die wollten nicht mehr mit ihm reden, weil er sie am Ende überzeugt hätte.