0

Als klopfte bereits die AfD an

3. Dezember 2025
in 2 min lesen

Deutschlands Gazetten รผberschlagen sich seit Wochen mit propagandistischen Kanonaden gegen die AfD. Allein in der Wochenend-Ausgabe vom ersten Advent vermittelte die „Sรผddeutsche Zeitung“ ihren Lesern den Eindruck, die NSDAP stehe bereits in Gestalt der Rechtspopulisten vor der Tรผr. In sieben Artikeln in den Ressorts Politik, Feuilleton und Wirtschaft trommelte das linksliberale Medium zum Widerstand, um eine Wiederholung des historischen Unheils der DreiรŸiger Jahre zu verhindern. Wie konnte es damals so weit kommen? Was muรŸ daher heute geschehen?

Unter der Rubrik โ€žSprachlose Mitteโ€œ durfte zunรคchst Karl-Rudolf Korte, Politikwissenschaftler und bekannt als TV-Wahlexperte, die mangelnde Kommunikation der Demokraten beklagen:

โ€žSie ist รคngstlich, distanziert, risikoscheu, fatalistisch, krisenerschรถpft und vor allem sprachlos.โ€œ Es fehle der Begriff, der uns mitziehe, begeistere, emotionalisiere, um das zu beschreiben, was wir an Wohlstand, Wohlfahrt, Sicherheit und Freiheit in unserem Land unbedingt erhalten mรถchten. Korte: โ€žEine ansteckende Positivitรคt โ€“ als organisierter und sprachbasierter Optimismus โ€“ hassen alle autoritรคren Populisten. Denn Zerstรถrung als Geschรคftsmodell lebt vom angstbesetzten Gefรผhl des Immerschlimmerismus und der Jammer-Folklore. Insofern muรŸ man ein Vokabular entwickeln, das die politische Mitte begeistert.โ€œ Leider vergaรŸ Korte, das gegenwรคrtige Wirtschaftselend zu erwรคhnen, das nicht gerade zum Mutmachen einlรคdt.

Einen anderen Fehler der Linken und Liberalen entdeckte eine Leitartiklerin der „SZ“. โ€žWoke war gesternโ€œ, konstatierte sie. โ€žNach gut zehn Jahren, in denen versucht wurde, die im Grunde richtigen Ansรคtze und Grundhaltungen anderen aufzudrรผcken, sind die woke Bewegung und die linke Identitรคtspolitik gescheitert.โ€œ So ist es: Andere mit erhobenem Zeigefinger moralisch zu belehren, lรคuft ins Leere. Gendern, sexuelle Vielfalt und das Aufziehen von Regenbogenflaggen รผberzeugen schon lange niemanden mehr.

Die grรถรŸte Bestรผrzung lรถste jedoch der Verband der Familienunternehmer aus. Unter seiner Prรคsidentin Marie-Christine Ostermann riรŸ er die Brandmauer gegen die Rechtspopulisten ein und lud Anfang Oktober einen AfD-Vertreter zum Parlamentarischen Abend. Ostermann: โ€žMan muรŸ die Auseinandersetzung mit der AfD jenseits von schlichten Kategorisierungen in ยดgutยด und ห‹bรถse ยด fรผhren.โ€œ Als das herauskam, war der Teufel los. Die Drogerieketten โ€žRossmannโ€œ und โ€ždmโ€œ verlieรŸen den Verband. Andere, die ihre Namen nicht nennen wollten, wurden nicht nur von der „SZ“ moralisch unter Druck gesetzt und flรผchteten sich in allgemeine demokratische Floskeln. โ€žUnternehmer, nicht bei Trostโ€œ titelte die „SZ“ und schrieb unter Hinweis auf das unrรผhmliche Verhalten bedeutender Wirtschaftsvertreter im NS-Staat:

โ€žDas Geturtel einiger Lobbyisten mit der AfD ist mehr als beschรคmend. Die Brandmauer, die der Verband der Familienunternehmer aufgeben mรถchte, ist kein hรผbsches Deko-Element. Sie ist eine tragende Wand dieser Republik.โ€œ

Angesichts des Trommelfeuers von auรŸen und der zunehmenden Unruhe innerhalb des Verbandes knickte Prรคsidentin Ostermann noch am Advents-Wochenende ein: Die Einladung des AfD-Politikers nannte sie einen Fehler; in den kommenden Landtagswahlen werde man sich โ€žklar und sichtbarโ€œ gegen die Rechtspopulisten positionieren. Nur Joe Kaeser, Chef-Aufsichtsrat von Siemens Energy und Daimler Trucks, zeigt berufliches Verstรคndnis fรผr die Familienunternehmer: โ€žJe lokaler und regionaler Familienunternehmen verwurzelt sind, desto mehr mรผssen sie sich mit dem Erstarken der AfD auseinandersetzen.โ€œ Auch AfD-Wรคhler kauften schlieรŸlich Autos und Schuhe und brรคuchten Bank- und Versicherungsleistungen. โ€žรœber jedem Sitzungssaalโ€œ, so Kaeser, โ€žhรคngen daher diese bedrohlichen 25 Prozent plus x.โ€œ

Ein wesentlicher Grund fรผr den Aufstieg der AfD ist schlieรŸlich der รถkonomische Niedergang der Bundesrepublik. DaรŸ โ€ždas beste Deutschland, das es je gabโ€œ (Bundesprรคsident Steinmeier), seit Jahrzehnten aus seiner grรถรŸten Krise nicht herauskommt, verschweigt auch die Wirtschaftsredaktion der „SZ“ nicht und konterkariert damit ihr zu weltfremder Euphorie neigendes Feuilleton:

โ€žWas die Beschรคftigten in der deutschen Industrie erleben, ist ein Kahlschlag sondergleichen. Allein dieses und nรคchstes Jahr dรผrften die Unternehmen 200.000 Stellen abbauen, gerade in der Autobranche… ห‹Die realen Lรถhne sind auf dem Stand von 2019, das sind per Saldo sechs Jahre Durststrecke ยด, berichtet Malte Lรผbke vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut.โ€œ

Auch das ist keine neue Erkenntnis. Schon vor einem Jahr, am 6. Dezember 2024, hat Claus Hulverscheidt, leitender SZ-Redakteur, das Dilemma der vielgepriesenen deutschen Demokratie prรคgnant zusammengefaรŸt:

โ€žDeutschland steckt in der tiefsten Wirtschafts- , Gesellschafts- und Identitรคtskrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs.โ€œ

1 Comment Schreibe einen Kommentar

  1. Eine „ansteckende Positivitรคt“ vermag der politmediale Komplex schon lange nicht mehr zu vermitteln. Bevor der wirtschaftliche Niedergang beschleunigt wurde, war das auch noch nicht so schlimm, da sich jeder Bรผrger auf seine persรถnliche Nutzenmaximierung fokussieren konnte. Aber mit der andauernden Wirtschaftskrise erodiert jetzt die wichtigste Sรคule des bundesrepublikanischen Selbstverstรคndnisses.

    Dem in sich erstarrten Politikbetrieb bleiben nur noch Negativ-Erzรคhlungen, um seine Zumutungen fรผr die Bรผrger zu legitimieren: das Beschwรถren von inneren und รคusseren Feinden, der Klimakrise und der Appell an das religiรถs gefรคrbte Schuld und Sรผhne-Bedรผrfnis im gesellschaftlichen Unbewussten. Damit und mit neuen Billionenschulden zur Verkleisterung der breiter und tiefer werdenden Bruchstellen hofft man noch ein bisschen รผber die Runden zu kommen.

Comments are closed.

ABOS

Bรผcher

SPIELE