Was Timmy über die BRD verrät

30. April 2026
in 3 min lesen

Ich wollte das Thema eigentlich so lange wie möglich vermeiden, ja, inständig hoffen, dass es ganz schnell von selbst verschwindet. Aber da hat mir die merkwürdige Kombination aus postmoderner Sensationsgeilheit der Medien, den langsamen Mühlen des bundesrepublikanischen Beamtenstaates und der Geistlosigkeit unserer verwahrlosten Mitbürger einen ordentlichen Strich durch die Rechnung gemacht.

Die Rede ist selbstverständlich von jenem Buckelwal, der sich in die Ostsee verirrte und dort zunächst in der Lübecker Bucht strandete, nun aber vor der Insel Poel bei Wismar liegt. Allein die Namen, die dem zwölf Meter langen Tier, einem der größten und majestätischsten Lebewesen unseres Planeten, von Masse und Medien gegeben wurden, widern mich an: Seit mittlerweile ca. acht (!) Wochen wird über „Timmy“ bzw. „Hope“ berichtet, es werden belang- wie wertlose Expertenmeinungen eingeholt, das Tier beherrscht die Medienlandschaft.

Zunächst wird der Buckelwal Anfang März in der Ostsee gesichtet, ehe er am 23. März bei Timmendorfer Strand strandet. Am 27. März konnte sich der Wal von der Sandbank befreien. Doch bereits wenig später wird offenbar, dass die Rettungsaktion letztlich scheitern wird, als er sich Richtung Wismarer Bucht bewegt, und am 31. März liegt der Wal nun vor der Insel Poel. Das ist jetzt vier Wochen her. In diesem Zeitraum hätte dieser Wal dreimal von seinem Leiden befreit werden können, in welcher Form auch immer. Der australische Staat zeigt, wie es geht, innerhalb von drei Tagen war ein gestrandeter Buckelwal frei.

Nun hat man dort gewiss mehr Erfahrung mit gestrandeten Walen als in Deutschland, aber das sollte keine Ausrede sein – vielmehr symbolisiert die Unfähigkeit, einen Wal zu befreien, die Unfähigkeit des bundesrepublikanischen Staates.

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Da wäre zunächst der Expertenkult als typisches Symptom spätbundesrepublikanischer Dekadenz. So steht der Meeresbiologe und „Experte“ Robert Marc Lehmann in der Kritik, die Rettung des Wales vor Timmendorfer Strand vermasselt zu haben. Zunächst konnte er sich als Walflüsterer inszenieren, als der Mann der Stunde, doch schon bald wurden Vorwürfe laut, er würde die Situation vor allem zur Selbstinszenierung nutzen wollen. „Schon als Lehmann sich das erste Mal mit einem Boot dem Wal näherte, war ihm sein Selfiestab wichtiger als alles andere“, sagt laut dem Medienportal „t-online“ der Bürgermeister von Timmendorfer Strand, Sven Partheil-Böhnke.

Seine Prognosen trafen ebenfalls selten zu, so schreibt „t-online“:

„Die Wahrscheinlichkeit, dass der Wal bei direktem Kontakt die Augen öffne, habe der selbst ernannte Experte auf 0,1 Prozent beziffert. Dann habe der Wal regelrecht die Augen aufgerissen und sei hochaktiv gewesen.“

Lehmann hat zwar ein Diplom in Meeresbiologie, aber ob ihn das zu einem tatsächlichen Experten für große Meeressäuger macht? Seine Taten sprechen erst mal gegen ihn. Ein Einzelfall ist er jedenfalls nicht: Wir können uns mittlerweile auf eine lautstarke und wohlgepuderte Expertenklasse verlassen, deren Vertreter, sobald das Themengebiet, auf dem sie „Experte“ sind, hochaktuell ist, durch Talkshows, Interviews und andere Medienauftritte tingeln, ohne groß neue Erkenntnisse zu vermitteln, aber gleichzeitig die Bevölkerung auf eine unangenehme Reformpädagogen-Art belehren.

Dann ist da der Staat selbst. Kaum ein Mann in der Causa personifiziert den gelähmten Beamtenapparat mehr als Till Backhaus, Minister für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt. Ein Mann, so einprägsam und charismatisch wie der Name des Ministeriums, das er leitet. Zunächst behauptete er, dass der Wal wohl sterben werde. Doch nachdem er und sein Beraterteam vermutlich gemerkt haben, welches Potenzial für mediale Aufmerksamkeit hinter der Walrettung steckt, legte er sich ins Zeug. Auch wenn er nach wie vor entscheidungsschwach war, hielt ihn das nicht davon ab, nachts zum Wal zu fahren, um nach der Lage zu sehen und einen Eimer Wasser über ihn zu kippen.

Ob die kommende Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern im September mit der Selbstinszenierung des Ministers im Zusammenhang steht? Wer weiß. Dass es letzten Endes eine von den Behörden geduldete private Initiative ist, die den letzten Rettungsversuch in Angriff nimmt, sagt dabei auch mehr als genug über die Kompetenz des Ministers und seines Ministeriums aus.

Und zu guter Letzt ist da schließlich die Masse. Die Leute, die die Rettung des Wals zu ihrem Lebensinhalt machten und machen. Die Leute, die dem Tier den Namen „Hope“ gaben – „Timmy“ ist wohl eine Schöpfung des Axel-Springer-Verlags – und ihm somit noch mehr Würde nahmen als das Versagen der Behörden. Diejenigen, die sich in absurde Verschwörungstheorien um den Wal versenkten, oder, gerade auch im Umfeld der AfD, unsäglichen KI-Slop rund um das Thema in den Äther bliesen.

Das ist übrigens kein alleiniges Boomer-Phänomen, auch Gen-Xer und Millennials beteiligen sich zur Genüge an diesen Peinlichkeiten.

Wie dem auch sei, der Umgang mit dem Buckelwal wirbelt die drei schlimmsten Dinge an der BRD-Gesellschaft herauf: die Plage des Expertentums, die Inkompetenz und das Phlegma der deutschen Bürokratie und Politik und die völlige geistige Verwahrlosung der Masse. Hätte man sie mal lieber arbeiten und beten und den Wal würdig sterben lassen…

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Reformpädagogik ist super, außer Pestalozzi. Ein Hoch auf Montessori und Steiner. Letzterer ist von Goethes und Schillers Schriften unmittelbar und wesentlich beeinflußt. Wie könnte der unangenehm sein?

  2. Ich persönlich nenne es „Free Willy Syndrom“ also falls jemand dies medizinisch erforscht…Namen haben wir schon. Die letzten Tage wurden zur Belastung, einige Personen in meinem Umfeld waren wenig begeistert über meine Kommentare z.B. Brot und Spiele funktioniert noch immer? Erstaunlich!

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