Künstlern und Klassizisten mag es ein Ärgernis oder eine Torheit sein, doch ein tieferes Verständnis der antiken griechischen Plastik ist ohne die Kenntnis der politischen Verhältnisse nicht zu haben. Die Tatsache, daß man diese Plastik heute nur noch in Museen betrachten kann, verleitet zu der Annahme, die damaligen Bildhauer hätten bloß für den privaten Kunstgenuß produziert. Dabei hatten die griechischen Statuen seit ihrem Aufkommen im 7. Jahrhundert v. Chr. – neben ihrer sakralen Dimension, die wir nur am Rande streifen können – eine spezifische Funktion, die eng mit der politischen Struktur des antiken Griechenlands zusammenhing und die sie im Zuge des Peloponnesischen Krieges teilweise, in den hellenistischen Monarchien dann ganz einbüßten.
Strukturelle Unterschiede: Griechenland versus Orient
Vergleicht man die griechische Geschichte bis zu Alexander dem Großen mit den orientalischen Nachbarkulturen, so fällt auf, daß Griechenland niemals in einem monarchischen Großreich geeint war, sondern sich in hunderte konkurrierende Poleis zersplitterte. Mit den Monarchien ging für die Untertanen eine Entlastung einher: Generation für Generation wurden sie in Strukturen hineingeboren, die immer schon existierten und in denen alle relevanten Fragen immer schon beantwortet waren. Der zu zahlende Preis für diesen metaphysischen Halt war genau jene politische Freiheit, die den griechischen Poleis Chance und Schicksal zugleich war. Da es weder innerhalb noch zwischen den Poleis eine vergleichbare Zentralgewalt gab, konnten sich die Griechen nie in einer prästabilierten Harmonie einrichten, sondern mußten ständig um die gemeinschaftliche Ordnung ringen. Wo weder ein Monarch noch eine staatliche Priesterkaste geistige Orientierung boten, mußte man sie anderswo finden: bei Dichtern, Philosophen und – Künstlern.
Die archaische Epoche und der Kouros als aristokratisches Ideal
Lenken wir unseren Blick auf Athen als das am besten dokumentierte Beispiel. Im 7. Jahrhundert spielte das Volk politisch noch keine Rolle, sondern Aristokraten leiteten die Geschicke der Polis. Da, anders als im Orient, keine stabile politische Struktur existierte, befanden sich die Aristokraten untereinander in einem Dauerwettbewerb um Ansehen und Macht. Wer nicht mithalten konnte, stieg sozial und politisch ab. In diese dynamische Atmosphäre fiel um die Mitte des 7. Jahrhunderts auch die Übernahme der ägyptischen Monumentalplastik, die man jedoch den griechischen Bedürfnissen anpaßte. Den Aristokraten eröffnete sich ein neues Feld zur Demonstration ihres Reichtums, doch erstaunlicherweise schlug sich ihr Individualismus nicht in der Kunst nieder. Stattdessen schufen die beauftragten Künstler einen standardisierten aristokratischen Statuentypus: den Kouros (Abb. 1).

Formal handelt es sich beim Kouros um einen nackten Jüngling, dessen linkes Bein vorgesetzt ist, dessen Hände zu Fäusten geballt sind und dessen Gesicht von einem standardisierten Lächeln belebt wird. Der Körper entfaltet sich weitgehend symmetrisch um eine gedachte Mittelachse, wodurch der Eindruck kompakter Starre entsteht. Die Bein- und Armhaltung wurden aus Ägypten übernommen, doch die Nacktheit ist eine griechische Besonderheit, deren inhaltliche Deutung im Letzten spekulativ bleiben muß. Nach Maßgabe der Fundorte wurden die Kouroi entweder als Weihgeschenke für Tempel oder als Grabschmuck verwendet, wobei die Gräber in den meisten griechischen Poleis entlang der städtischen Zufahrtsstraßen errichtet worden sind, so daß Besucher und Einwohner regelmäßig an ihnen vorbeikamen. Tempel und Gräber waren daher Orte von herausragender öffentlicher Bedeutung, und die Annahme liegt nahe, daß der standardisierte nackte Jüngling dem Bild entsprochen haben muß, das die Aristokraten von sich selbst in der Öffentlichkeit vermitteln wollten. Dieser Schluß wird dadurch gestützt, daß sich auf den Reliefs der Grabstelen, den bürgerlichen Pendants zu den Kouroi, keine Darstellungen ganz entblößter Männer nachweisen lassen. Die Nacktheit der Kouroi soll also ein bestimmtes Ideal zum Ausdruck bringen, auf daß – stellt man die instabilen politischen Verhältnisse in Rechnung – der ganzen Gemeinschaft der berechtigte Führungsanspruch der Aristokraten vor Augen gestellt werde. Aus diesem Grunde barg auch jedes individualistische Abweichen von der kollektiven Norm des Kouros die Gefahr der sozialen Ächtung durch die Standesgenossen.
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