Die Revolution frisst ihre Rowlings und Meys

6 Min lesen

Von Revolutionen ist seit jeher bekannt, dass sie ihre eigenen Kinder fressen. Auch in einer Zeit, in der Revolutionen nicht mehr blutig verlaufen müssen, bedeutet das: Die Revoluzzer werden selbst zu Verstoßenen von der Bewegung, die sie selbst angezettelt haben. Je mehr Kinder gefressen werden, desto extremistischer, spartenhafter und absurder wird eine politische Bewegung. Der reflektierte Mensch, insofern er von der Revolution nicht physisch bedroht wird, distanziert sich folglich immer mehr davon. Dass die Revolution ihre Kinder frisst, erfüllt ihn schließlich mit einem gewissen Maß an Genugtuung. Eine Blüte dieses Umstands verkörpert die Autorin der „Harry Potter“-Romane, J.K. Rowling.

Bis vor ein paar Jahren fütterte die begeisterte Diversitätsvollzieherin noch die Revolution und verkündete auf Twitter, dass der Zauberer Dumbledore jetzt ja wohl doch schwul sei und eine der Hauptfiguren, Hermine, niemals als „weiß“ beschrieben worden sei. Schnell machten sich Außenstehende darüber lustig, dass Schwulsein nichts Angeborenes sei, sondern eine Entscheidung, die J.K. Rowling für einen trifft.

Genutzt hat das alles nichts: Linke beschweren sich, dass die „Harry Potter“-Bücher und -Filme nicht divers genug seien und zu viele Klischees bedienten, wie zahlreiche Artikel, darunter einer von „BuzzFeed“ von letzter Woche, beweisen. Die Überschrift des Artikels vom 27.09.2022:

„7 Hinweise darauf, dass die ‚Harry Potter‘-Filme leider alles andere als divers sind“.

Der erste Hinweis ist selbstverständlich der „besonders weiße Cast“.

Dass J.K. Rowling trotz ihres Anbiederns vom linken Zeitgeist inzwischen gehasst wird, liegt allerdings nicht am weißen Cast oder dem fehlenden Engagement für „People of color“ in ihren Büchern, sondern an ihrer Haltung, dass Transfrauen keine Frauen sind. Die „TERF“ (Trans-Exclusionary Radical Feminist / transexkludierende Radikalfeministin) stellte fest, dass man „menstruierende Menschen“ früher einmal „Frauen“ nannte. Außerdem kritisierte sie das schottische Pendant zum deutschen Selbstbestimmungsgesetz, nach dem biologische Männer – selbst Vergewaltiger – nach einem Sprechakt in ein Frauengefängnis dürfen.

Ihre linksliberalen Kritiker werfen ihr seitdem vor, „transphobe“ Agitation zu betreiben. Und wo vermeintliche Hetze betrieben wird, da dürfen „die Guten“ in ihrer Revolution gegen den Hass antworten, schließlich sind sie von keiner irrationalen Angst befallen. Rowling erhält seitdem Todesdrohungen, zur Feier des 20-jährigen Filmjubiläums von „Harry Potter und der Stein der Weisen“ mit allen Filmstars fehlte die Autorin – „The Leaky Cauldron“ und „MuggleNet“, die zwei größten Fanseiten des Internets, löschen jede Anspielung auf die Autorin der Bücher. Da hilft es auch nichts, dass sich Rowling gegen Trump positioniert und ihn mit ihrem Bösewicht Lord Voldemort vergleicht, wenn sie für „die, deren Gedankenkonstrukt man nicht kritisieren darf“ nicht den Steigbügelhalter macht. Ihr neuestes Buch handelt übrigens von einer Schriftstellerin, die sich in einer ihr ähnlichen Lage befindet und von Aktivisten ermordet wird. Distanzeritis ist eben keine Impfung, die vor dem Ausschluss aus dem Diskurs schützt. Ob man mit der reichsten weiblichen Schriftstellerin der Welt also Mitleid haben muss, ist fraglich.



Ein anderes Phänomen stellt allerdings der Liedermacher Reinhard Mey dar. Mey war zeit seines Lebens eigentlich sehr integer – bürgerlich, obrigkeitskritisch, sozialdemokratisch und in allen Aspekten pazifistisch. Michael Ebmeyer stellte dennoch 2020 auf „Zeit Online“ fest:

„Parteienkartell, Lügenpresse, Feminazis: Ressentiments sind heute Sache der neuen Rechten. Doch erschreckend viele finden sich schon bei einem eher linken Liedermacher.“

Das „Eher links“-Sein nützt Reinhard Mey eben nichts, wenn er eine Meinungshegemonie kritisiert, die heutzutage nun mal in den Händen von Linken ist.

Dabei wusste Reinhard Mey schon 1984 (eine geradezu Orwellsche Jahreszahl), dass man nicht alles glauben solle, was in der Zeitung steht. In „Sei wachsam“ klärt der Liedermacher auf:

„Doch sag die Wahrheit und du hast bald nichts mehr zu Lachen

Sie wer‘n dich ruinier‘n, exekutier‘n und mundtot machen

Erpressen, bestechen, versuchen dich zu kaufen

Wenn du die Wahrheit sagst, lass draußen den Motor laufen

Dann sag‘ sie laut und schnell, denn das Sprichwort lehrt:

Wer die Wahrheit sagt braucht ein verdammt schnelles Pferd!“

In einer Zeit, in der immer neue Revolutionen die alten Revolutionäre aufs Schafott der untolerierbaren Meinung zwingen, haben es diese nicht leicht – vom Kulturkampf bleibt letztendlich keiner verschont. Wenn selbst Immanuel Kant, Karl May, Luther und Shakespeare aufgrund von dem, was sie sonst noch so gesagt haben, gecancelt werden können, dann hört diese Liste selbstverständlich nicht bei J.K. Rowling oder Reinhard Mey auf.

Der Konterrevolution kommt es jedoch zugute, wenn die gemäßigten Dantons dieser Welt von den Robespierres aus dem Verkehr gezogen werden. Je mehr die Stimme der Gemäßigten erstickt wird, desto voraussichtlicher wird die Revolution im Lärm der Vernunft untergehen. Soll die Revolution also ruhig weiter ihre Kinder fressen – der Widerstand wird wachsen.

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.