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Ergänzung zu: „Zwei Piekser für die Freiheit?“

10. August 2021

Vor kurzem erschien in der Krautzone ein Artikel, der zum ersten mal seit dem Bekanntwerden des Coronaviruses ein Thema angesprochen hat, das eigentlich evidenter nicht sein könnte: Wir sind alle sterblich. Ich möchte das gerne etwas tiefer beleuchten, denn im Grunde ist diese Tatsache zusammen mit der des Geborenwerdens die einzig unumstößliche Wahrheit unserer Existenz.

Nun hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte das, was wir mit der Zeit zwischen diesen beiden Ereignissen anfangen, einiges verändert, obwohl es im Grunde immer noch um das gleiche Ziel geht: so gut und lange wie möglich auf diesem Planeten zu verweilen. Möchte man dies als das einzig sinnvolle Lebensziel definieren, macht das auch durchaus Sinn.

Die Überwindung des reinen Überlebens

Um den Wandel, ich darf sagen Niedergang, in der Befüllung diese Stundenglases nachzuzeichnen, muss ich etwas ausholen: Als die Menschheit anfing, sesshaft zu werden und somit den Ursprung unserer heutigen Zivilisation manifestierte, standen die Beschaffung von Nahrung und die Errichtung einer Wohnstätte im Zentrum des damaligen Lebens. Es ging also schon vor vielen tausend Jahren um das, was uns heute noch als fundamental gilt: Sicherheit.

Um sie zu gewährleisten und so gut wie möglich zu überleben, bedurfte und bedarf es einer gewissen Fähigkeit, die man als Kenntnis bezeichnen kann. Ich besitze ein kleines Buch mit dem Titel: „SAS Survival Guide“, welches eine eingängige Definition des Begriffs Überleben bietet:

„Betrachte die Beherrschung von Überlebenspraktiken als eine Pyramide, deren Fundament der Wille zum Überleben ist. Die nächste Stufe der Pyramide ist Wissen. Es legt den Grundstein für Selbstbewusstsein und für Widerstandskraft gegen Angst. Die dritte Stufe ist Training: das Erlernen und Erhalten von Fähigkeiten. Die Spitze der Pyramide bildet deine Ausrüstung. Verbinde deinen Überlebens-Instinkt mit Wissen, Training und deiner Ausrüstung, und du bist bereit für alles.“

Im Grunde also genau das, was die ersten Siedler taten. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich die einzelnen Schwerpunkte dieser Pyramide in ihrer Verhältnismäßigkeit verschoben. Man hat zwar zu allen Zeiten an allen Stufen gearbeitet, aber irgendwann im Laufe der Epoche des Humanismus gewann der Wissensdurst die Oberhand.

Man forschte, entwickelte, entdeckte, technisierte, dass es nicht mehr feierlich war. Alles wurde untersucht, die Welt entzaubert. Wohin uns das schließlich geführt hat, sieht und spürt jeder selbst, der heute mit offenen Augen auf seinen Alltag blickt…

Freiheit und Wissen

Eigentlich interessant an dieser Entwicklung sind jedoch zwei Aspekte: Erstens hat der Begriff der Freiheit in dieser Überlebens-Pyramide ursprünglich keine Rolle gespielt. Zweitens hat die Mehrheit der Menschen aufgrund der Verschiebung hin zur Fokussierung auf den Zugewinn von Wissen dazu geführt, dass die anderen Teile der Pyramide von dieser Mehrheit vernachlässigt wurden und werden.

Lassen Sie mich mit dem zweiten Punkt beginnen: Wissen ist wichtig. Nicht umsonst nimmt es die zweite Stufe der Pyramide ein. Verbreitert man jedoch diesen Bereich zu sehr, stimmt die Verhältnismäßigkeit insgesamt nicht mehr, und abgesehen davon, dass es unmöglich wird, dieses Wissen dann noch sinnvoll umzusetzen oder ihm nutzbare Technik an die Seite zu stellen, leidet vor allem die Basis der Pyramide, also der Wille, zu überleben.

Wir haben schlicht verlernt, diesen Willen zu pflegen. Stattdessen lassen wir uns verängstigen und einschüchtern von Wissens-Gurus, die glauben, uns alles erklären zu können. Oder anders gesagt: Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen, selbst für uns Verantwortung zu übernehmen. Wir haben unsere Basis verkauft. Das hat in zweiter Konsequenz dazu geführt, dass wir gar nicht wissen, was wir mit all diesen Erkenntnissen anfangen sollen.

Sie widersprechen sich nicht selten, sind zu komplex, um sie einordnen zu können, und ja, manchmal sind sie auch einfach sinnlos. Wir verfielen daraufhin in eine Art Schockstarre und können nur noch überleben, wenn andere uns sagen, was wir tun sollen.

Die Aufgabe der Freiheit

Und was ist nun mit dem ersten Punkt, dieser Freiheit, die wir so lieb gewonnen haben und die nun täglich in die Waagschale geworfen wird? Die nicht wenige gerne „opfern“ für die sogenannte Sicherheit? Die die Menschen spaltet wie kein anderes Thema? Ganz ehrlich, aus dem Blickwinkel eines Menschen, dessen Überlebens-Pyramide noch ausgewogen funktioniert, stellen sich diese Fragen gar nicht.

Er kann ein Leben in Sicherheit leben, das freier nicht sein könnte. Denn er weiß, dass nur diese Sicherheit ihm ein Höchstmaß an Freiheit gewährt, und sterblich ist er sowieso. Aber er hat es selbst in der Hand, die Zeit bis dahin nicht zu verplempern.

Johanna Blum

„In der Provinz beginnt‘s“, dachte sich Johanna Blum und zog aus einer deutschen Großstadt nach Irland in ein altes Bauernhaus auf dem Land. Von dort versorgt sie die Krautzone mit Berichten von der Westfront Europas und frönt ihrer Leidenschaft für Bücher und dem Anhäufen gebrauchter Gegenstände, denn man kann ja nie wissen, ob nicht doch eines Tages alles gut wird und der Kaffee wieder handgefiltert werden muss.


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