Hinterkaifeck – Der mysteriöseste Mordfall Deutschlands

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Von Gastautor

Der 72-jährige Bauer Andreas Gruber lebt mit seiner Familie auf dem abgeschiedenen Einödhof Hinterkaifeck in Bayern. Im März 1922 berichtet er den Bewohnern des 500 Meter entfernten Gröbern von einer Reihe Merkwürdigkeiten rund um seinen Bauernhof. So soll er Spuren im Schnee entdeckt haben, die zum Hof hin -, aber nicht mehr davon wegführten. Er berichtet von nächtlichen Schritten auf dem Dachboden, als er daraufhin das Anwesen durchsucht, findet er jedoch niemanden vor. Dazu erzählt Andreas Gruber von einem Mann, der vom Wald aus das Grundstück beobachtet und von einem gewaltsam aufgebrochenen Schloss der Motorhütte des Hofes. Außerdem beklagt er einen vermissten Haustürschlüssel.

Wenige Tage später, am 1. April 1922, sind Andreas Gruber, seine Ehefrau Cäzilla Gruber, seine Tochter Victoria Gabriel und deren kleine Kinder Cäzilla (7) und Josef (2) sowie die Magd des Hofes tot. Allen sechs Bewohnern von Hinterkaifeck wurde mit einer Hacke der Schädel eingeschlagen.  Der Obduktionsbericht zeigt später auf, dass die siebenjährige Cäzilla noch zwei Stunden nach der Tat am Leben war und sich im Todeskampf ganze Haarbüschel ausriss. Was ist hier passiert? Wer löschte vor über 100 Jahren eine ganze Familie aus?

Doch zunächst ein Überblick über das Gefüge der Familie Gruber: Victoria Gabriels Ehemann, Karl Gabriel, ist acht Jahre vor der Tat im ersten Weltkrieg gefallen. Nach dessen Tod soll Victoria mit dem Ortsvorsteher von Gröbern, Lorenz Schlittenbauer, ein Verhältnis gehabt haben, aus dem der Sohn Josef hervorgegangen ist. Seit Victorias 16. Lebensjahr bestand zudem eine inzestuöse Beziehung zwischen ihr und ihrem Vater Andreas. Andreas Gruber wurde daraufhin zu einem Jahr Zuchthaus, Victoria zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Wobei unter heutigen Gesichtspunkten Victoria Gabriel klar als Missbrauchsopfer zu sehen ist.  Es ist nicht abschließend geklärt, ob der zweijährige Josef der Sohn von Schlittenbauer, oder aus der Inzestbeziehung mit Andreas Gruber entstanden ist.

Sechs hinzu gerufene Münchner Kriminalbeamte machten sich nach Kenntnis des Mordfalls auf den Weg zum Rund 50 Kilometer nördlich gelegenen Tatort. Die Polizeiarbeit ist dabei nur schwer mit heutigen Ermittlungsmethoden vergleichbar. Zunächst galt es den Tatort zu sichern, da sich mittlerweile dutzende Schaulustige in Hinterkaifeck eingefunden haben. Fingerabdrücke wurden nicht genommen. DNA-Analysen sollten erst 66 Jahre später erfunden werden. Außerdem wurden nur sehr wenige Fotos des Tatorts angefertigt.

Die Polizei ermittelte in alle Richtungen. Hunderte Verdächtige wurden vernommen und selbst eine Gruppe von Wahrsagerinnen wurde bei der Suche nach dem Täter konsultiert. Nicht weniger skurril ist die Tatsache, dass ein Pathologe unter Beisein der Schaulustigen noch am Tatort die Köpfe der Leichen abtrennte, um diese in seinem Institut weiter zu untersuchen. Die Ermordeten sind bis heute ohne ihren Kopf beerdigt.

Zwischen Mordnacht und Auffinden der Leichen sind einige Tage vergangen. Die Ermittler stellten fest, dass sich der oder die Täter noch mehrere Tage im Haus aufgehalten haben müssen. So wurden noch Tage nach der Tat die Kühe gemolken, sowie frisch angeschnittene Wurst in der Küche des Hofes entdeckt.

Das Fazit der Beamten lautete nach Abschluss der Ermittlungen:
Raubmord. Täter unbekannt.



Doch so einfach ist der Fall nicht. Zum einen wurden in einem Schrank noch 1800 Goldmark entdeckt, zum anderen stellt sich die Frage, wie viele Raubmörder nach der Tat nicht schnellstmöglich das Grundstück verlassen, sondern auch noch einen Zweijährigen in seinem Stubenwagen erschlagen. Auch die Tatsache, dass einige der Mordopfer mit Tüchern bedeckt wurden, lassen moderne Profiler eher auf eine Beziehungstat schließen.

Bis heute zählt Lorenz Schlittenbauer zu den Haupttatverdächtigen. Als Ortsvorsteher war er unter den ersten, die die Leichen entdeckt haben. Schlittenbauer ging als einziger durch die Scheune, in der vier der sechs Leichen entdeckt wurden, ins Wohnhaus und sperrte die Eingangstür mit einem Schlüssel auf. Eben jenem Schlüssel, den Andreas Gruber zuvor als vermisst bekannt gegeben hat.  Aber so einfach ist auch dies nicht. Bis heute gibt es dutzende potentielle Täter. Darunter sind Josef Bärtel, ein geisteskranker Bäcker, der wenige Monate vorher aus einer Pflegeanstalt entflohen war. Oder Peter Weber, ein ehemaliger Knecht des Hofes, der einem anderen Knecht durch Raubpläne aufgefallen war. Die Magd Maria Baumgartner hatte ihren ersten Arbeitstag in Hinterkaifeck ausgerechnet am Tag der Mordnacht. Ein Täter aus ihrem Umfeld ist deshalb ebenfalls nicht auszuschließen. Und dann gibt es noch die abstruse Theorie, dass Victorias Ehemann Karl Gabriel den ersten Weltkrieg überlebt habe, aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde und dann aus Wut über Victorias unehelichen Sohn Josef die Familie erschlagen haben soll.

Für jede Theorie gibt es dutzende Argumente und Indizien, die dafür und dagegen sprechen. Ganze Internetforen sind voll mit Hobbydetektiven, die alte Akten durchforsten und das Leben der „Hinterkaifecker“ rekonstruieren. Das Interesse an einem 100 Jahre alten Mordfall ist sicher den unzähligen Spekulationen und Ungereimtheiten geschuldet. Aber Hinterkaifeck ist mehr. Hinterkaifeck ist eine Reise in die Vergangenheit. Wie haben die Menschen im jungen Zwischenkriegsdeutschland gelebt? Wie waren die sozialen Strukturen des Dorfes? Wie war der Arbeitsalltag einer einfachen Bauernfamilie? Wie war das Vorgehen der Kriminalpolizei?

Hinterkaifeck ist und bleibt ein Rätsel. Auf jede Ungereimtheit kommen dutzende Erklärungsmöglichkeiten und neue Theorien. Doch eine Frage bleibt: Wer löschte vor über 100 Jahren eine ganze Familie aus?

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