/

Hirschwahnsinn – Das Corona, das man uns versprochen hat?

5 Min lesen

Im Yellowstone-Nationalpark greift gerade eine Seuche um sich, die 2000er-Nostalgie wecken könnte: die Chronische Auszehrungskrankheit (Chronic Wasting Disease, CWD), im Volksmund „Hirschwahnsinn“. Es handelt sich dabei um eine Prionenkrankheit, die vorzugsweise größere Waldtiere befällt, deren Köpfe Großwildjäger sich gerne über den Kamin hängen: Hirsche, Rehe, Elche und dergleichen. Prionen sind entartete Proteine, die, in der Regel nach einer sehr langen Inkubationszeit, das Gehirn befallener Tiere aufweichen und langsam zerstören. Die sichtbarste Folge ist ein gruseliges Zombie-Verhalten, wie wir es noch von BSE/Rinderwahnsinn kennen: Sabbern, Koordinationsstörungen, sinnfreie, wirre Handlungen wie Umherirren und die Vernachlässigung lebenserhaltender Triebe wie Fressen. Daher rührt auch der Name „Chronische Auszehrungskrankheit“, die Tiere magern ab und sterben an Nahrungsmangel, noch bevor der Niedergang ihres Gehirns selber ihnen den Garaus macht. Der Erreger verbreitet sich, anders als BSE, nicht nur über den Verzehr von Nervengewebe, sondern auch über den Kot, in dem er auf dem Waldboden eine ganze Weile lang ansteckend bleibt.

Ein Déjà-vu könnte die Berichterstattung über den Ausbruch dieser Krankheit übrigens nicht nur wegen des recht ähnlichen Rinderwahns hervorrufen, der in den 2000ern in aller Munde war, sondern auch, weil der Hirschwahnsinn selber vor 20 Jahren bereits kurzzeitig die Schlagzeilen flutete, in der Regel an BSE angelehnt. Der „Spiegel“ titelte 2003 etwa: „Hirschwahnsinn ansteckender als BSE“. Nun berichtet man wieder über die Angelegenheit, weil neben dem sprunghaften Anstieg der Fälle in Yellowstone Affen, denen unter Laborbedingungen das Fleisch infizierter Tiere verfüttert wurde, ebenfalls an Hirschwahnsinn erkrankten. Beim Menschen ist bis heute allerdings noch kein solcher Fall nachgewiesen. Laut den zuständigen Behörden macht man sich außerdem Sorge, dass „bereits Tausende Menschen CWD-infiziertes Fleisch gegessen haben“. Wenn es in derselben Weise auf den Menschen überspringen kann, könnte den Amis also tatsächlich ein kleines Drama bevorstehen, wenn auch eines, das abseits einiger Jäger und Wildfleisch-Gourmets kaum jemanden ernsthaft sorgen müsste.

Wenn wir aber über den Angstfaktor reden, so kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass Prionenkrankheiten dabei gemessen an ihrer tatsächlichen Gefährlichkeit überproportional zu Buche schlagen. BSE hat mir als kleinem Kind damals eine scheißende Angst eingejagt, obwohl letztendlich weltweit gerade einmal ein paar Hundert Menschen daran draufgingen. Videos von Kühen, die sich völlig von der Rolle auf dem Boden suhlten und ungesunden Kram mit ihrer langen Kuhzunge anstellten, machten wohl nicht nur auf mich, sondern auch auf Erwachsene einen so tiefen Eindruck, dass das Ganze ein Medienspektakel abseits jeden Verhältnisses zur realen Gefahr wurde. Bei Corona haben wir gesehen, dass selbst recht unspektakuläre grippale Infekte für deutliche Bremsspuren im Schlüpfer gestandener Männer sorgen können, wenn die Medien die Panik nur nachdrücklich genug befeuern – wie es aussehen könnte, wenn man dasselbe mal mit einer unheimlichen Zombiekrankheit versucht, kann ich mir nur schwer ausmalen. Nur der einzige realistische Mensch-zu-Mensch-Infektionsweg der Scheiße schiebt dem einen gewissen Riegel vor, wobei: Wenn man irgendein Anzeichen dafür auftreibt, dass auch Flatulenzen die Prionen übertragen könnten, ließe sich da vielleicht was machen.

Es wäre eine würdige zweite Krankheits-Staffel: Sowohl finsterer und beklemmender in der Bildsprache, ähnlich wie damals bei BSE, als auch noch skurriler und ulkiger, was die Maßnahmen betrifft. Die Bosettis würden statt mit Masken mit Nasenklammer und (vermutlich auf irgendeinem Wege sichtbarem) Korken im Arsch rumlaufen und ihre Mitmenschen hysterisch bezichtigen, gerade einen fahren gelassen zu haben, wann immer ihnen die Duftmarke von einem Gulli um die Ecke in den Riechkolben weht. Außerdem würden sie schlagartig alle vegan werden und einen Generalverdacht gegenüber Fleischessern pushen, den sie dann mit dem Video eines Schweins, das dumm aus der Wäsche guckt oder stolpert, rechtfertigen. Nur, dass eine Impfung (genau wie auch die Heilung) bei Prionenkrankheiten ausgeschlossen ist, trübt etwas das Bild. Wobei, wer weiß schon, was Uğur Şahin sich da wieder in der Zeit, die eine Uncle-Ben‘s-Tüte in der Mikrowelle braucht, zusammenbrauen würde. Es wäre in jedem Fall wieder die wirksamste und gefahrloseste Spritze unseres Lebens.