Höcke in Weimar

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In Weimar war etwas los am Montag! In der Stadt gibt es, wie in so vielen anderen deutschen Städten auch, seit geraumer Zeit regelmäßig Montagsspaziergänge, die aus dem Unmut über die Corona-Maßnahmen heraus entstanden und sich seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges ebenfalls dem Frieden mit Russland widmen. Kurzum: Hier versammeln sich regelmäßig Bürger mittleren Alters, um immer wieder die altbekannten Rechts-Boomer-Narrative durchzukauen: Die Pharmaindustrie und Lauterbach sind die bösen Strippenzieher, die Verantwortlichen müssen endlich vor Gericht (denn den Institutionen kann man aus irgendeinem Grund noch trauen?), und wir müssen unbedingt Frieden mit den Russen schließen, denn Putin ist der Gute, der Befreier. Immer wieder anstrengend das Ganze, aber nun möchte ich nicht allzu polemisch werden – war ich doch selber oft genug Teil der Spaziergänge.

Was nicht lange auf sich warten ließ, war die Gegenreaktion des linken Mainstreams auf die Spaziergänge: Immer wieder werden sie von antifaschistischen Gegenprotesten begleitet, und auch die Medien berichteten nicht gerade freundlich über die Montagsveranstaltungen. Ebenso wenig überraschend war die Verbrüderung von Teilen der AfD mit den Spaziergängern. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung konnte man am Montag, dem 8. Mai 2023, im thüringischen Weimar bestaunen: Dort hatte man den vielgeliebten Björn Höcke eingeladen, eine Rede auf dem Theaterplatz zu halten und danach an der Spitze des Demozuges zu spazieren.

Höcke – dass dieser Mann die Gemüter erhitzt, brauche ich wohl nicht zu erläutern. Die Gegenseite betrachtete diese Einladung, diesen Mann und seine Rede als ultimative Provokation. Weimar ist ohnehin eine sehr linke Stadt – lediglich die schön anzusehende Altstadt mag darüber hinwegtäuschen. Dominiert von Studenten und linksliberalem BRD-Bürgertum haben „Rechte“ hier wenig Platz – lediglich als 90er-Jahre-Glatzenschreckgespenster existieren noch Gestalten, die gerne mal als „rechts“ bezeichnet werden.

Daher wäre die Stadt ihrem Gast von vornherein feindlich gesinnt gewesen. Nun wollte es der Zufall aber so, dass der 8. Mai, der Tag der sogenannten „Befreiung“, in diesem Jahr auf einen Montag fiel – und ausgerechnet da hielt Höcke seine Rede in Weimar. In Weimar – der Stadt der ersten gesamtdeutschen Republik, des Konzentrationslagers Buchenwald und der ersten Erfolge der NSDAP. Das ging dann doch zu weit! Die ganze Stadt – das heißt, ihre Institutionen, die nicht direkt Teil der öffentlichen Verwaltung sind – machte mobil: Die Kampagne „Gold statt Braun“ (sehr originell, gähn…) wurde ins Leben gerufen. Als Erkennungssymbol diente Goldfolie, die sich die Leute in die Theater, Läden oder Parteibüros hängten. Der ganze Theaterplatz – dort, wo Höcke geredet hat – war voll davon, selbst das Goethe-Schiller-Denkmal wurde Teil des Abwehrkampfes gegen rechts und wurde golden eingehüllt. Am Theater selbst waren zwei riesige Pride-Flaggen aufgehängt, am Balkon prangte die Aufschrift: „Wir sind viele – jeder Einzelne von uns“. Keine Kosten und Mühen hatte man gescheut; der Theaterplatz sah entsprechend dystopisch aus.


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Die Kampagne zeigte ihre Wirkung: Um die 1.000 Linke waren versammelt. Das andere Lager konnte lediglich 300 bis 500 Spaziergänger versammeln. Das alles war keine große Überraschung, mehr ist in Weimar einfach nicht drin. War dann wenigstens die Rede des Chefs des Landesverbandes der Partei in Ordnung? Sie war – enttäuschend. Zumindest für mich. Gewiss, zu erwarten, dass mir bei solch einer Gelegenheit großartig neue Erkenntnisse gesagt werden, ist wahrscheinlich zu viel verlangt. Aber das – das war reine Bespaßung fürs Publikum. Alles war schon mal gesagt worden. Das, was mich persönlich am meisten geärgert hat, war Höckes Äußerung bezüglich der „wahren Faschisten“.

Wieder einmal wurde das wohl nervigste Zitat aller Zeiten hervorgekramt: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen, er sei der Faschismus, sondern der Antifaschismus“ – die „wahren Faschisten“ seien die „Bunten“. Diese alte Leier einmal mehr. Jeder, der ein bisschen in der Materie steckt, weiß, wie wenig faschistisch die „Bunten“ sind. Dieses Zitat, samt der Selbsttäuschung, dient einmal mehr der Selbstrechtfertigung nach Spielregeln, die der Gegner aufgestellt hat. Es ist das Narrativ, das die Rechten zu überwinden haben.

Aber: Höcke weiß es eigentlich besser. Daran kann kein Zweifel bestehen. Ein Mann, der so intelligent, gebildet und berechnend ist wie er, weiß, was er sagen muss und vor wem er es sagen muss. Er hat den Zuhörern, die hauptsächlich Leute waren, die in dem oben beschriebenen Antifaschismus-Narrativ gefangen sind, das gesagt, was sie hören wollten. Und das war eben: Wir sind die Guten, die die Bösen, und da die Faschisten auch „böse“ waren, sind sie die wahren Faschisten und wir nicht. Er muss außerdem geahnt haben, dass bei dieser Veranstaltung wenige Leute aus dem eigenen Lager zugegen sein würden. Trotzdem: Diese Rede war eine vertane Chance. Den jungen Leuten in unserem Lager hätte es ein stärkendes Signal gesendet, gerade der älteren Generation das zu sagen, was sie nicht hören will.

So bleibt nur ein bisschen Enttäuschung und Verwunderung zurück. Immerhin – in der Stadt Weimar herrschten dank Höcke ein wenig Verhältnisse wie in Weimarer Zeit (auch wenn sich nicht geprügelt wurde). Die 20er-Jahre werden in unserem Jahrhundert wohl erneut spannende Zeiten…

4 Comments

  1. Lieber Frtiz,
    das stimmt, die zwanziger werden wieder spannend. Besonders interessant ist der Satz “Wir sind viele” gerade mit der Erklärung “jeder von uns”. Der erinnert doch stark an die Geschichte des Besessenen Geraseners im Markusevangelium der genau das auch von sich sagte… (https://www.bibleserver.com/LUT/Markus5%2C9)
    Zufall?

  2. Als Spät-Boomer und eventuell im “Antifaschismus-Narrativ” gefangener würde mich ineteressieren, was denn nun genau im Wortlaut stärkende Worte für die Jugend wären. Ich kann versprechen, das sie auf offene Ohren stossen.

  3. Ich finde die Bunten durchaus faschistisch. Mit Gewalt ihre Meinung durchdrücken, keine andere Meinung gelten lassen, andere Meinungen knallhart unterdrücken, auf Menschenleben scheißen usw… alles faschistische Merkmale.
    Könnte der Autor also bitte erläutern wie er darauf kommt die Bunten seien keine Faschisten?

    • Sind das vielleicht zufällig auch allesamt Merkmale des Bolschewismus? Wann war noch mal die Oktoberrevolution? 1917. Und wann fand Mussolinis faschistischer Marsch auf Rom statt? 1922. (Wir sprechen hier übrigens von jenem Mussolini, welcher ursprünglich aus der Sozialistischen Partei Italiens stammte und sich dann mit seiner faschistischen Bewegung von dieser abspaltete.) Berichtige mich wenn ich falsch liege, aber eine Ideologie die bereits 1917 an die Macht kam (und schon weit vorher im 19. Jahrhundert entstand) scheint mir keine Spielart einer Ideologie zu sein, die erst fünf Jahre später folgte – eher macht es doch wohl andersrum Sinn, oder?

      Sind die von Dir Genannten also, wenn schon, dann nicht vielmehr kommunistische Merkmale? Und Faschisten/Nationalsozialisten eher als schwarz- bzw. braunlackierte Kommunisten zu betrachten statt umgekehrt Kommunisten als rotlackierte Faschisten? Sind Tiger Katzen, oder sind alle Katzen Tiger?

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