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Höcke in Weimar

11. Mai 2023

In Weimar war etwas los am Montag! In der Stadt gibt es, wie in so vielen anderen deutschen Städten auch, seit geraumer Zeit regelmäßig Montagsspaziergänge, die aus dem Unmut über die Corona-Maßnahmen heraus entstanden und sich seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges ebenfalls dem Frieden mit Russland widmen. Kurzum: Hier versammeln sich regelmäßig Bürger mittleren Alters, um immer wieder die altbekannten Rechts-Boomer-Narrative durchzukauen: Die Pharmaindustrie und Lauterbach sind die bösen Strippenzieher, die Verantwortlichen müssen endlich vor Gericht (denn den Institutionen kann man aus irgendeinem Grund noch trauen?), und wir müssen unbedingt Frieden mit den Russen schließen, denn Putin ist der Gute, der Befreier. Immer wieder anstrengend das Ganze, aber nun möchte ich nicht allzu polemisch werden – war ich doch selber oft genug Teil der Spaziergänge.

Was nicht lange auf sich warten ließ, war die Gegenreaktion des linken Mainstreams auf die Spaziergänge: Immer wieder werden sie von antifaschistischen Gegenprotesten begleitet, und auch die Medien berichteten nicht gerade freundlich über die Montagsveranstaltungen. Ebenso wenig überraschend war die Verbrüderung von Teilen der AfD mit den Spaziergängern. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung konnte man am Montag, dem 8. Mai 2023, im thüringischen Weimar bestaunen: Dort hatte man den vielgeliebten Björn Höcke eingeladen, eine Rede auf dem Theaterplatz zu halten und danach an der Spitze des Demozuges zu spazieren.

Höcke – dass dieser Mann die Gemüter erhitzt, brauche ich wohl nicht zu erläutern. Die Gegenseite betrachtete diese Einladung, diesen Mann und seine Rede als ultimative Provokation. Weimar ist ohnehin eine sehr linke Stadt – lediglich die schön anzusehende Altstadt mag darüber hinwegtäuschen. Dominiert von Studenten und linksliberalem BRD-Bürgertum haben „Rechte“ hier wenig Platz – lediglich als 90er-Jahre-Glatzenschreckgespenster existieren noch Gestalten, die gerne mal als „rechts“ bezeichnet werden.

Daher wäre die Stadt ihrem Gast von vornherein feindlich gesinnt gewesen. Nun wollte es der Zufall aber so, dass der 8. Mai, der Tag der sogenannten „Befreiung“, in diesem Jahr auf einen Montag fiel – und ausgerechnet da hielt Höcke seine Rede in Weimar. In Weimar – der Stadt der ersten gesamtdeutschen Republik, des Konzentrationslagers Buchenwald und der ersten Erfolge der NSDAP. Das ging dann doch zu weit! Die ganze Stadt – das heißt, ihre Institutionen, die nicht direkt Teil der öffentlichen Verwaltung sind – machte mobil: Die Kampagne „Gold statt Braun“ (sehr originell, gähn…) wurde ins Leben gerufen. Als Erkennungssymbol diente Goldfolie, die sich die Leute in die Theater, Läden oder Parteibüros hängten. Der ganze Theaterplatz – dort, wo Höcke geredet hat – war voll davon, selbst das Goethe-Schiller-Denkmal wurde Teil des Abwehrkampfes gegen rechts und wurde golden eingehüllt. Am Theater selbst waren zwei riesige Pride-Flaggen aufgehängt, am Balkon prangte die Aufschrift: „Wir sind viele – jeder Einzelne von uns“. Keine Kosten und Mühen hatte man gescheut; der Theaterplatz sah entsprechend dystopisch aus.


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Die Kampagne zeigte ihre Wirkung: Um die 1.000 Linke waren versammelt. Das andere Lager konnte lediglich 300 bis 500 Spaziergänger versammeln. Das alles war keine große Überraschung, mehr ist in Weimar einfach nicht drin. War dann wenigstens die Rede des Chefs des Landesverbandes der Partei in Ordnung? Sie war – enttäuschend. Zumindest für mich. Gewiss, zu erwarten, dass mir bei solch einer Gelegenheit großartig neue Erkenntnisse gesagt werden, ist wahrscheinlich zu viel verlangt. Aber das – das war reine Bespaßung fürs Publikum. Alles war schon mal gesagt worden. Das, was mich persönlich am meisten geärgert hat, war Höckes Äußerung bezüglich der „wahren Faschisten“.

Wieder einmal wurde das wohl nervigste Zitat aller Zeiten hervorgekramt: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen, er sei der Faschismus, sondern der Antifaschismus“ – die „wahren Faschisten“ seien die „Bunten“. Diese alte Leier einmal mehr. Jeder, der ein bisschen in der Materie steckt, weiß, wie wenig faschistisch die „Bunten“ sind. Dieses Zitat, samt der Selbsttäuschung, dient einmal mehr der Selbstrechtfertigung nach Spielregeln, die der Gegner aufgestellt hat. Es ist das Narrativ, das die Rechten zu überwinden haben.

Aber: Höcke weiß es eigentlich besser. Daran kann kein Zweifel bestehen. Ein Mann, der so intelligent, gebildet und berechnend ist wie er, weiß, was er sagen muss und vor wem er es sagen muss. Er hat den Zuhörern, die hauptsächlich Leute waren, die in dem oben beschriebenen Antifaschismus-Narrativ gefangen sind, das gesagt, was sie hören wollten. Und das war eben: Wir sind die Guten, die die Bösen, und da die Faschisten auch „böse“ waren, sind sie die wahren Faschisten und wir nicht. Er muss außerdem geahnt haben, dass bei dieser Veranstaltung wenige Leute aus dem eigenen Lager zugegen sein würden. Trotzdem: Diese Rede war eine vertane Chance. Den jungen Leuten in unserem Lager hätte es ein stärkendes Signal gesendet, gerade der älteren Generation das zu sagen, was sie nicht hören will.

So bleibt nur ein bisschen Enttäuschung und Verwunderung zurück. Immerhin – in der Stadt Weimar herrschten dank Höcke ein wenig Verhältnisse wie in Weimarer Zeit (auch wenn sich nicht geprügelt wurde). Die 20er-Jahre werden in unserem Jahrhundert wohl erneut spannende Zeiten…

Fridericus Vesargo

Aufgewachsen in der heilen Welt der ostdeutschen Provinz, studiert Vesargo jetzt irgendwas mit Musik in einer der schönsten und kulturträchtigsten Städte des zu Asche verfallenen Reiches. Da er als Bewahrer einer traditionsreichen, aber in der Moderne brotlos gewordenen Kunst am finanziellen Hungertuch nagen muss, sieht er sich gezwungen, jede Woche Texte für die Ausbeuter von der Krautzone zu schreiben. Immerhin bleiben ihm noch die Liebesgrüße linker Mitstudenten erspart…


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