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Foto von Sides Imagery von Pexels

Ich unterstütze das momentane Ding nicht

6. April 2022

Letzte Woche habe ich live vor der Glotze beobachtet, wie Vizekanzler Habeck uns aufgefordert hat, die Heizung runterzudrehen, um „unseren Beitrag zu leisten“. Ich brauche, glaube ich, kaum auszusprechen, was dann geschah: Nachdem ich den gesamten Winter wegen der absurden Kosten so gut wie gar nicht geheizt hatte, öffnete sich wie von Zauberhand das Fenster, während der Heizungsregler den Anschlag küsste. Seinen Rücktritt gab er nach heutigem Stand noch nicht bekannt, aber ich leiste meinen Beitrag. Wenn ich im Sommer meine sieben Ventilatoren anschmeiße, kann er sich warm anziehen, und ich mich auch.

Es ist schon eine lustige Sache mit dem Trotz: Man macht sich ja auch etwas zum NPC, man macht sich berechenbar. Ist es einkalkuliert, dass ein beträchtlicher Teil der Leute absichtlich genau das Gegenteil dessen machen wird, was man ihnen sagt? Ist es manchmal vielleicht sogar ein wichtiger Baustein in der Strategie? Keine Ahnung, es fühlt sich trotzdem gut an, im Winter zu schwitzen und im Sommer zu frieren, wenn man nur penetrant genug das Gegenteil aufgeschwatzt bekommt. „Wenn die Regierung sagt: ‚Spring nicht vom Kölner Dom‘, springst du dann?“ Ja. Die Antwort ist „ja“. Ich kann nichts dafür. Ich bin am anderen Hufeisenende des NPC-Tums angelangt. Es ist bequem und kuschelig, außer Medien und Ampelregierung wollen das so, dann ist es hart und stachelig.

Ein kürzlich hochgekochtes Meme, das diese Grundhaltung aufs Korn nimmt, betrachte ich als ein ziemliches Eigentor: In Reaktion auf den „I Support The Current Thing“-Anstecker für Profilbilder, mit dem Medienhörige für ihr blindes Folgen in jede beliebige Richtung, die gerade angesagt wird, ob bei Corona, Feminismus, Migration, Ukraine oder was auch immer, veralbert werden, kam von linker Seite dessen Antithese „I Don’t Support The Current Thing“, „ich unterstütze das momentane Ding nicht“ in den Umlauf, um den Spieß umzudrehen.

Die Krux des Ganzen: Damit räumen sie ja ein, dass es ein „momentanes Ding“ gibt, mitsamt der Leere und Beliebigkeit, die da mitschwingt. Und ja: Wenn die Arschlöcher, die uns und unsere Interessen offenkundig verachten und deren Mantras beinahe immer, wenn man es selbst nachprüfen kann, auf Lügengeflechten basieren, uns mal wieder den nächsten Floh ins Ohr setzen wollen, dann duscht man natürlich erst mal nur noch mit Läuseshampoo. Ich werde also auch das nächste momentane Ding tatsächlich nicht unterstützen, dazu müsste schon Verblüffendes passieren.

Bislang bin ich eigentlich guter Hoffnung, mich mit dieser leicht stumpfsinnigen Einstellung vielleicht zum Deppen, aber zumindest nicht zu ihrem Deppen zu machen. Umgekehrte Psychologie ist eher eine Guerilla-Taktik im politischen Geschäft, sie kommt meist aus einer schwächeren Position, um die scharfen Schwerter des übermächtigen Gegners gegen ihn selbst zu richten, so wie bei unserer „Integrier dich, weiße Frau!“-Aktion. Bist du selber in der Rolle der Übermacht, warum das Kartoffelmesser in den Händen des niederen Pöbels um drei mentale Ecken in deinen eigenen Hals rammen? Du hast doch ein scharfes Schwert, benutz es eben.

Der eine Weg, auf dem tatsächlich, wie ich denke, Trotz uns in den Arsch beißen kann, ist die Selbstmarkierung. Um die breite Masse betreffend herauszufinden, wer so richtig gegen dich ist und vielleicht mal ‘nen Tritt in die Weichteile wie sein soziales Umfeld oder seinen Beruf vertragen könnte, ist unser Trotz schon praktisch. Gleichzeitig ist genau diese Selbstmarkierung ja auch nötig, um dem medialen Bild der „unbedeutenden radikalen Minderheit“ entgegenzutreten, etwa jetzt gerade beim Entfallen der Maskenpflicht. Wir reden hier von dem Freiwilligwerden des bedeutsamsten sichtbaren Symbols für Glauben und Gehorsam gegenüber Medien und Staat in den letzten zwei Jahren, und da hängt gesellschaftlich noch viel mehr dran als nur das leidige Corona-Thema. Jetzt ist es also nur noch der Mann im Fernseher, der dich moralisch in die Pflicht nimmt, und jeder, der ihm nicht vertraut, ist direkt zu erkennen.

Wenn man INSA Glauben schenken darf, wurden zwei Drittel der Leute ja tatsächlich schon so tief in ihrem geistigen Käfig eingepfercht, dass sie den Spaß auch noch freiwillig mitmachen wollen. Die Signalwirkung einer beträchtlichen Zahl Maulkorbloser wird es brauchen, damit der Ampel-Effekt eintritt: Einer geht vor, der Rest folgt ihm über die Straße. Die meisten weiterhin Betuchten sind ja nicht einmal eingefleischte Maskenfans, sie schwimmen nur mit und wollen keinen Stress. Nur steht die Ampel nun ja sogar auf Grün, mit moralinsauren Fragezeichen in den Augen des Ampelmännchens.

Sollte es tatsächlich gelingen, die Maskenlosigkeit bis zum Herbst wieder in der Breite zu normalisieren, dann werden sie große Probleme dabei bekommen, die Verordnungen wieder hochzufahren und vor allem auch durchzusetzen. Sollten wir auf der anderen Seite auch dieses Jahr nicht aus dem ewigen Zirkel von Lockdowns und Lockerungen ausbrechen können, dann stehen die Chancen schlecht, dass wir es jemals werden. Es steht also eine Menge auf dem Spiel, und jeder kann seinen Beitrag leisten. Etwa so wie vor den längsten zwei Wochen unseres Lebens, Ende März 2020, laut dem Mann im Fernseher damals.

Shlomo Finkelstein

Shlomo Finkelstein wollte immer schon irgendwas mit Hass machen. Seit 2015 erstellt er als "Die vulgäre Analyse" Videos, und seit 2019 zusammen mit Idiotenwatch den Podcast "Honigwabe".

Belltower News schreibt über ihn: "Da er vorgibt, sein Hass sei rational begründet, sind besonders junge Menschen der Gefahr ausgesetzt, die Thesen für bare Münze zu nehmen und sich so zu radikalisieren."


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