Arthur Schopenhauer als junger Mann, porträtiert 1815 von Ludwig Sigismund Ruhl, gemeinfrei

Schopenhauer – Wille und Vorstellung

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Februar 1788, Danzig. Der Wind treibt Schneegestöber durch die Gassen der Hafenstadt. Nur wenige ankommende Schiffe müssen ent- und beladen werden, das öffentliche Leben spielt sich noch in den warmen  Läden und Büros der Geschäftsleute ab. An einem dieser Tage erblickt Arthur Schopenhauer als Sohn eines Handelsmanns in dieser Stadt das Licht der Welt. Dass er mit seiner Philosophie eine kleine Revolution auslösen wird, ahnt zu dieser Stunde niemand. 

Schopenhauer entpuppt sich bald als hochbegabt, eine kaufmännische Ausbildung bricht er ab, die Philosophie ist es, was ihn umtreibt. Er studiert in Göttingen und Berlin, um schließlich nach Frankfurt zu ziehen, das etwas beschaulichere Städtchen, das nicht von der Cholera heimgesucht wird. Dort lebt er vom Erbe des Vaters, fern jeder Universität, die er zutiefst verabscheut. Im Alter von 31 Jahren erscheint schließlich die erste Ausgabe seines Mammutwerks „Die Welt als Wille und Vorstellung“, an dessen Vollendung er weitere vier Jahrzehnte arbeiten wird. Ja, so ist das mit Schriften, die wahrer Sprengstoff sind – einmal gezündet, lösen sie einen Flächenbrand aus. Versuchen wir, zu beleuchten, warum gerade dieses Werk zurecht bis heute als Standardwerk der Philosophie gilt:

Damit dies gelingt, sei ein Zeitsprung erlaubt. April 2022, irgendwo in Deutschland. Der Staat und die dazugehörigen Medien haben es in den vergangenen Jahren geschafft, selbstbewusste Bürger in ängstlich versprengte Individuen zu transformieren, deren Gedanken um nichts anderes kreisen als um Krankheit, Armut, Klimakatastrophen, Hassrede und neuerdings Krieg. Unter dem fadenscheinigen Vorwand von Solidarität und Mitgefühl fühlt man sich permanent wie personifizierte Schuldigkeit und vergisst dabei, was Mitgefühl eigentlich genau bedeutet. Und hier kommt schließlich unser ausgerechnet als Misanthrop bekannter Philosoph ins Spiel. Denn Schopenhauer hat, wie vielleicht kein anderer Denker, seine ganze Theorie auf diesem Begriff aufgebaut. 

Wie geht er dabei vor? Schopenhauers Überlegungen basieren auf einer These, die es immer gilt, im Auge zu behalten: Für den erkennenden Menschen ist die ihn umgebende Welt nur als Vorstellung gegeben. Dabei ist er selbst das sogenannte Vorstellende („die Welt ist meine Vorstellung“). Vorstellungen erscheinen in Raum und Zeit, das ist ein Naturgesetz. Diese Vorstellungen sind nun jedoch nur die Außenwelt, es bleibt die alte Frage nach der Möglichkeit, wie wir uns selbst erkennen können. Schopenhauers Lösung dieses Problems ist genial: Wir erfahren uns selbst in doppelter Weise: einmal als Vorstellung (unser Leib) und einmal als Wille. Und dieser Wille hat es in sich. Er liegt nämlich genau genommen allem zugrunde. Auch unseren Vorstellungen, also allem, womit wir irgendwie interagieren. Unsere Wahrnehmung unserer Selbst und unserer Mitwelt ist dieser Wille – nicht mehr und nicht weniger. Nun ist dieser Wille kein uns freundlich gesonnener Begleiter, er ist weder gut noch schlecht. Er hat keine Moral. Aber er ist unsere Triebfeder. Wie kann man diesen Wirbelwind nun bändigen, damit seine Urgewalt uns nicht zerstört? Hier tritt Schopenhauers Pessimismus zutage: Da dieser Wille in allem waltet, auch in unserem Gegenüber, interagiert er durch uns mit dem und den anderen. Diese Handlungen haben wiederum Folgen, die wir erkennen und darauf reagieren können. Anders gesagt: Der Mensch handelt nicht, indem er erkennt und dann will, sondern indem er erkennt, was er will. Erinnern wir uns: Der Wille, der uns antreibt, ist der gleiche Wille, der unser Gegenüber antreibt! 

So wird Mitleid nicht nur möglich, es ist sogar eine existenzielle Notwendigkeit, denn durch dieses Mitleid erkennen wir uns selbst im anderen. Im Leid des anderen sehe ich mein eigenes Leid. Das Tragische daran ist jedoch, dass, je weiter wir im Leben voranschreiten, desto mehr Leid begegnet uns. Eigentlich bleibt uns nach Schopenhauer nichts anderes übrig, als zu verzweifeln an dieser Unausweichlichkeit. 

Aber wir haben, so Schopenhauer, dennoch eine Wahl: Wir können den Willen verneinen, das führt jedoch zum Erlöschen unseres Lebensdrangs. Oder wir bejahen den Willen und nehmen das Leben, wie es ist. Raum für moralische Verordnungen von oben bleibt dann zwar nicht mehr. Aber seien wir ehrlich: Im Grunde haben wir doch sowieso „die Schnauze gestrichen voll“ von all diesen erhobenen Zeigefingern anderer bei jedem Wort, das uns über die Lippen kommt und von jeder sinnlosen YouTube Kanallöschung. Etwas weniger Moral wäre wahrlich ein Befreiungsschlag. 

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