Wassili Wassiljewitsch Wereschtschagin, Napoleon bei Borodino, 1897

Krieg und Frieden

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„Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche.“ Dieses Zitat kennen bestimmt einige meiner Leser, wenn nicht der Großteil. Ernst Jünger schrieb es auf den ersten Seiten seines Buches „In Stahlgewittern“ nieder, in welchem er seine Eindrücke aus der Zeit als Soldat an der Westfront des Ersten Weltkriegs schildert. In unserer durch den Pazifismus geprägten Zeit wirken diese Worte wie aus einer fremden Welt; dem wohlstandsverwöhnten Bundesbürger wäre kaum etwas fremder. Und da schließe ich mich nicht aus: Ich selbst habe nun wirklich nicht die Absicht, in den Krieg zu ziehen oder einen solchen mitzuerleben. Schon gar nicht als Büttel unserer Eliten. Mitte Februar, noch vor dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine, scherzte ich noch mit Freunden, für Annalena Baerbock und Joe Biden in der ostukrainischen Steppe bald verrecken zu müssen. Dennoch, die Nachricht der Invasion ließ mich, im Vergleich zu vielen anderen, relativ kalt. Krieg schockiert mich nicht.

„Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Dieses Clausewitz-Zitat sollte auch jeder kennen. Kein politisches Mittel gilt heute als verpönter denn der Krieg. Und zwar nicht nur irgendwo, sondern bei einem nicht geringen Anteil der Achtundsechziger- und der Boomer-Generation (die, ebenso wie wir, meist keinen Krieg mitgemacht haben). Sie hassen den Krieg wie die Pest. Spätestens mit dem Untergang der Sowjetunion haben diese Leute wohl geglaubt, nun trete das Zeitalter des ewigen Friedens ein. Nun kann ich ja nachvollziehen, weshalb man im Angesicht des Zweiten Weltkrieges Krieg als politisches Mittel verachtet, aber zu glauben, man könne eine krieglose Welt erschaffen? Welch eine Farce! Die andere Seite der Medaille sind die „Falken“ oder „Hawks“, also diejenigen, die den Krieg kaum erwarten können. In unserer Zeit sind es neokonservative oder neoliberale Falken, die die Demokratie auf der ganzen Welt erzwingen wollen. Ihr größtes Projekt bisher war wohl der Irakkrieg, dem voraus ging die Invasion Afghanistans, darauf folgten Operationen in Syrien und Libyen. Und nun lechzen einige nur danach, auch endlich den russischen Bären zur Demokratie zu bomben. Beide Positionen, sowohl der Pazifismus als auch das moderne Falkentum, widern mich an. Und sie sollten auch andere Rechte anwidern.

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge“, soll der griechische Philosoph Heraklit vor 2.500 Jahren gesagt haben. Und wie recht er hatte, beruhen doch viele Errungenschaften unserer wie anderer Hochkulturen auf kriegerischen Auseinandersetzungen. Der Krieg ist wie Feuer: Eine schaffende Kraft liegt darin, doch wehe dem, der die Flammen nicht zu beherrschen weiß – diese Gefahr durfte unsere Kultur vor 80 Jahren am eigenen Leibe spüren; vernarbt und gebrochen haben uns die Flammen zurückgelassen. Von daher sollte ein distanziertes Verhältnis zum Krieg vorherrschen: Wir sehnen uns nicht danach, ablehnen tun wir ihn aber auch nicht. Andere Völker mit Krieg zu überziehen, darf nie unser Ziel sein, doch sollten diese es wagen, uns einen solchen aufzuzwingen, dann sollen sie ihre Lektion lernen. Seid keine Pazifisten und seid keine Falken – seht den Krieg als das, was er ist: als ein Bestandteil des menschlichen Seins auf der einen, als ein Mittel, seine politischen Interessen durchzusetzen, auf der anderen Seite. Verachtet und liebt ihn nicht. Giert nicht nach ihm, schon gar nicht, wenn ihr nicht bereit seid, selbst ein Teil der Phalanx zu sein, aber hasst ihn nicht im Namen eines sinnlosen Pazifismus. Krieg wird immer ein Teil der menschlichen Natur sein, und wir sollten wieder lernen, ihn auch als solchen anzunehmen.

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