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Mit dem 49. Infanteriebataillon an der Front

6. August 2022

Bei folgendem Artikel handelt es sich um eine neutrale Kriegsberichterstattung unseres Autors. Die Krautzone als Magazin hat im Ukrainekrieg keine einheitliche politische Blattlinie. Mehr dazu in unserer Printausgabe Nr. 26 „Ukrainekrieg“.

Lozova ist ein gottverlassener Ort in der Ostukraine. Seit die Stadt infolge des Krieges teilweise evakuiert wurde, wirken die trostlosen Plattenbauten geradezu gespenstisch. Die zahlreichen Krähen über der Geisterstadt, die wiederholt Ziel russischer Raketenangriffe war, lassen Mario und mich an Hitchcocks Vögel denken. Ein Gewitter bricht los. Wir stellen uns irgendwo unter. Ein vor Dreck starrender Straßenköter sucht neben uns Schutz vor dem strömenden Regen. Wir warten.

Abgeholt werden wir ein paar Stunden später von einem jungen Leutnant und seinem mindestens 70-jährigen Fahrer. Der Spitzname des Leutnants ist „Robot“ und er macht diesem Spitznamen alle Ehre. Er ist ein echter Nerd, hat zunächst Maschinenbau und dann Soziologie studiert, wirkt aber im Umgang mit Menschen ziemlich unbeholfen. Er vermeidet um jeden Preis Blickkontakt und ist peinlich bemüht, nichts Falsches zu sagen. Eine Junior-Professur in Maschinentechnik stünde ihm besser zu Gesicht als ein halber Zug Rekruten. Trotzdem befehligt er einen. Dabei profitiert er nicht zuletzt von der siebenjährigen Erfahrung seines argentinischen Sergeanten „Messi“. Dessen Gruppe besteht aus einem weiteren Argentinier, drei Brasilianern, einem Amerikaner, einem Briten, einem Australier und einem Taiwanesen.

Der Taiwanese spricht kaum ein Wort Englisch, aber der mit Knast-Tattoos übersäte Australier dafür fließend Mandarin! Mario und mir verschlägt es die Sprache, als der Aussie mühelos synchron übersetzt. Er wäre der Letzte in der Gruppe gewesen, dem wir eine solche Leistung zugetraut hätten. „Denver“ aus Colorado wirkt zwischen all den tätowierten Veteranen, unter ihnen auch ein ehemaliger Fremdenlegionär, ein wenig deplatziert. Er ist 25 Jahre alt, kommt frisch vom College und sieht aus wie der perfekte Schwiegersohn. „Denver“ ist der Größte in der Gruppe und hat sich daher freiwillig als MG-Schütze gemeldet. Die US-Armee wollte ihn nicht haben. Aufgrund irgendeiner medizinischen Vorbelastung. Auch bei der Internationalen Legion hat man seine Bewerbung abgelehnt. Der Grund: keine militärische Erfahrung. Und so ist er nach einer wahren Irrfahrt durch die Ukraine schließlich hier gelandet. Bei den 49ern.

Das Bataillon war bis eine Woche vor unserem Besuch Anfang Juni eine reine Freiwilligenmiliz, benannt nach den ebenfalls irregulären Verbänden Transkarpatiens kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Weil sich die Einheit seit Beginn der russischen Invasion allerdings besonders ausgezeichnet hat, wurde sie als erste Gliederung von Freiwilligen in die reguläre Armee überführt. Seither trägt die Formation die Bezeichnung 49. Infanteriebataillon und die Soldaten erhalten Verträge, einheitliche Uniformen sowie einen ordentlichen Sold.

Seit dem 6. April hält die Einheit den ihr zugeteilten Frontabschnitt um Barwenkowo und Virnopillya, ohne auch nur einen Meter ukrainischen Bodens aufgegeben zu haben. Dieser Umstand hat die Führung der ukrainischen Armee dazu veranlasst, die einzigartige Struktur des Bataillons zu tolerieren, denn der Kommandeur bekleidet nur den Rang eines einfachen Leutnants, nicht, wie üblich, den eines Oberstleutnants. Allerdings mangelt es der Einheit nicht an erfahrenen Offizieren. Uns wurde gesagt, es gebe sogar einen Oberst in den Reihen der Freiwilligen, der als einfacher Soldat seinen Dienst versehe. Überhaupt trägt niemand außer „Robot“ Dienstgradabzeichen.

Nach einer unbequemen Nacht im Schlafsack auf dem harten Fußboden geht es mit dem Kommandeur zunächst nach Barwenkowo und dann weiter nach Virnopillya. Am Steuer Rossil, 38, kurzer schwarzer Bart, im zivilen Leben wahrscheinlich Rennfahrer. Er jagt den Mitsubishi mit Allradantrieb über schlammige Feldwege und über Getreidefelder, dass man meint, es gebe einen Preis zu gewinnen. Und in der Tat: der Preis ist das eigene Leben, wie wir wenig später erfahren werden.

An der Front angekommen, werden wir im Gefechtsstand genauestens über die aktuelle Lage in Kenntnis gesetzt. Wir sind verblüfft über das Vertrauen, das man uns Journalisten im Stab entgegenbringt. Es ist der erste Morgen seit Wochen, an dem die Stellungen nicht pausenlos von russischer Artillerie beharkt werden. Direkt vor dem Eingang des Gebäudes steckt ein Blindgänger vom Vortag. Ein ziemlicher Brummer. Man weiß nicht recht, wie man das atypische Verhalten der Russen deuten soll. Normalerweise schießen sie drüben aus allen Rohren, haben sie doch, im Gegensatz zu den Ukrainern, keinen Mangel an Munition. Vielleicht die Ruhe vor dem Sturm?

Besonders angetan sind wir von dem alten Hauptmann, der uns am Kartentisch die Lage auseinandersetzt, und einem Mann, der auf den Spitznamen „British“ hört. Er hat fast drei Jahrzehnte lang als Geschäftsmann auf der Insel gelebt, ist aber zu Beginn der russischen Aggression in seine Heimat zurückgekehrt und befehligt jetzt die englischsprachigen Freiwilligen an diesem Frontabschnitt. In der Einheit dienen Männer aus 28 Nationen, darunter auch ein Deutscher. „British“ ist gewiss der Stabsoffizier mit den markantesten Gesichtszügen. Ihm fehlt ein Finger an der rechten Hand, aber ich frage nicht, bei welcher Gelegenheit er ihn eingebüßt hat, als ich ihm zur Begrüßung die Hand schüttele.

Als der alte Hauptmann auf einen Punkt auf der Karte zeigt und sagt: „Hier befindet sich ein weiterer russischer Panzer mit freier Schusslinie in diesem Sektor“, hake ich nach: „Auf welche Entfernung schießt so ein Panzer einigermaßen zielgenau?“ „Etwa auf sechs Kilometer“, kommt es zurück. „Aber wir sind doch über diesen Weg gekommen? Das sind nur zwei Kilometer.“ „British“ sieht mich vielsagend an und nickt: “It’s happened before.” Ob wir das ausgebrannte Auto am Waldrand bemerkt hätten, möchte er wissen. Und ob! Wir mussten ihm ausweichen …

Dass die Männer und Frauen des Bataillons der vielfachen russischen Übermacht schon so lange standhalten, liegt auch an ihrer exzellenten Drohnenaufklärung. Kurz nach dem allgemeinen Briefing erscheinen drei durchgeschwitzte Soldaten im Gefechtsstand. Sie sind gerade von einer Drohnenmission zurückgekehrt. Nun wird das Videomaterial ausgewertet. „Hier, das ist eine neue russische Panzerstellung“, jubelt der nerdige Drohnenspezialist begeistert und zoomt heran. Man erkennt mit bloßem Auge, wie ein russischer Soldat mit einer Rolle Klopapier in der Rechten zu seinem Panzer zurückschlurft. „Der war gerade scheißen!“, rufe ich lachend. Auch die anderen prusten vor Lachen.

Später am Tag lernen wir die britischen Sanitäter „Conor McGregor“ und „Moth“ kennen. „Moth“ ist 33 und hat sieben Jahre als Medic in der Royal Army zugebracht, während der 23-jährige „Conor“ über keinerlei militärische Erfahrung verfügte, als er sich dazu entschloss, in die Ukraine zu gehen, um zu helfen. Mittlerweile hat er wohl häufiger unter Beschuss Leben gerettet als so mancher Combat-Medic mit zehnjähriger Dienstzeit. Durch umherfliegendes Geröll am Rücken verletzt, sollte er sich eigentlich schonen, aber er tut es nicht. “They will never get me. I’ll never be caught alive”, sagt er, zeigt auf seine Pistole und fügt hinzu: “That’s why I carry a pistol.” Zu dem Team gehört auch eine sympathische Afroamerikanerin, der man ansieht, dass sie in kurzer Zeit sehr stark abgenommen hat. Den dreien haben es die Ukrainer zu verdanken, dass die Mortalitätsrate bei schweren Verletzungen an diesem Frontabschnitt von 70 Prozent auf 30 Prozent gefallen ist. Sie sind im Augenblick schlicht unersetzlich.

Das ehemalige Schulgebäude von Virnopillya ist fast vollständig durch Artillerietreffer zerstört, aber im Keller haben sich die 49er häuslich eingerichtet und trotzen dem zermürbenden Beschuss. Sieges- und Durchhalteparolen stehen an den Wänden. Daneben hängen Bilder, die von Kindern der Soldaten gemalt wurden. Essen wird gekocht, Kranke und Verwundete werden versorgt.

Da gerade nur die eigene Artillerie feuert, wagen wir uns in die Schützenlöcher in Nähe der feindlichen Stellungen. Begleitet werden wir auf diesem flotten Frontspaziergang von einem zutraulichen Ziegenbock, dem die ukrainischen Soldaten den Namen Kadyrow verpasst haben. Als wir am späten Nachmittag wieder in den Mitsubishi steigen, beginnt die russische Artillerie allmählich aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwachen. Etliche Detonationen sind zu hören. In etwa zweihundert Metern Entfernung steigt eine schwarze Rauchsäule auf. Ich ziehe den Kopf ein und freue mich zum ersten Mal darüber, einen Helm zu tragen. Der Fahrer zeigt sich unbeeindruckt. Nur knapp weicht er einem Blindgänger aus, der in der Fahrbahn steckt. „Muss gerade runtergekommen sein, das Teil“, murmelt Mario.

Auch in Barwenkowo geraten wir an diesem Abend noch unter Beschuss, aber die Einschläge liegen nicht allzu nah. Spät nachts sind wir schließlich wieder in Lozova und verbringen eine weitere Nacht auf dem harten Fußboden.

Als „Robot“, „Messi“ und die anderen ausländischen Freiwilligen am nächsten Tag an die Front verlegt werden, haben wir eine vage Vorstellung davon, was sie erwartet. Wir drücken sie alle recht herzlich. Niemand weiß, wie lange ihr Fronteinsatz dauern wird. Ich rufe ihnen noch nach: “Kick some ass and don’t get yourselves killed!” Wir hoffen, dass sie alle lebendig und unversehrt zurückkehren, aber wir wissen, dass das in diesem Krieg gegen jede Wahrscheinlichkeit wäre.

Autor

Jonathan Stumpf

Jonathan, dem der Libertarismus als geborenem Ami eigentlich in die Wiege gelegt wurde, benötigte dennoch einige Umwege und einen Auslandsaufenthalt an der Universiteit Leiden, um sich diese politische Philosophie nachhaltig zu eigen zu machen. Zuvor hatte er bereits im Bachelor auf Staatskosten zwei Semester in Rumänien zugebracht. Wie jeder Geistes- oder Kulturwissenschaftler mit Masterabschluss, der etwas auf sich hält, bewegt Jonathan etwas in unserem Land. In seinem Fall sind es Container. Er hat im Sommer 2021 als Decksmann auf einem Containerschiff angeheuert.


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