Regierungen, Banken, die F-Waffe und wie sich Nigel Farage dagegen wehrte

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Von Karl Renter

Zweitweise sah es 2022 so aus als würden die kanadischen Trucker-Proteste die woke Regierung des ehemaligen Snowboard- und Ersatz-Theaterlehrers Justin Trudeau in die Kniene zwingen. Aber dann entfesselte man in der Regenbogenschanze des kanadischen Premiers die Vergeltungswaffe – V-Waffe -, welche die Trucker schließlich in die Knie zwang. V-Waffe soll heißen: F-Waffe, also Finanzwaffe. Erst blockierte man die Crowdfunding-Konten für die Unterstützer der Trucker, wie etwa GoFundMe. Dann blockierte man auch die Bankkonten der Trucker. Man stelle sich vor, wie lange man selbst ohne ein Bankkonto durchhalten kann. Der Truckerprotest brach alsbald zusammen.

Der erfolgreiche Einsatz einer V-Waffe weckt immer Begehrlichkeiten. Diesmal war das Ziel der britische Rechtspopulist, „Mr. Brexit“ Nigel Farage. Er war Kunde bei der Edelbank Coutts, eine der ältesten Banken der Welt. Selbst His Majesty, the King ist dort seit Jahr und Tag Kunde.

Eines Tages bekam Herr Farage Post von Coutts. Man teilte ihm mit, dass man sein Konto auflösen müsse. Einen Grund gab man nicht an. Da Coutts aber zur NatWest Bankengruppe gehört, bot man ihm an, er könne sich doch dort um ein normales Proletarier-Konto von der Stange bemühen. Farage wollte das nicht und wandte sich an 10 weitere Banken, die maßgeschneiderte Privatkundenbetreuung anboten, alle lehnten ihn ab. Nanu, was war passiert?

Wer Nigel Farage kennt, weiß, dass er nichts auf sich beruhen lässt. Fast 20 Jahre kämpfte er, häufig als weltfremder Exzentriker verlacht, für den Brexit. 2016 war es dann soweit –unerwartet gewann er die Brexit-Volksabstimmung. Farage ging mit seinem Bankenproblem an die Öffentlichkeit. Als einer der führenden Präsentatoren des erfolgreichen rechtspopulistischen Sender GBNews war das für ihn ein Leichtes. Schnell bekam er Zuschriften von etwa tausenden von Zuschauern, die ebenfalls de-banked worden waren.

Als der öffentliche Druck auf Coutts auf Twitter und den Mainstreammedien auf Mainstreammedien nicht mehr zu ignorieren war, berichtete die British Broadcasting Corporation (BBC), dass Herr Farage schlicht nicht genug Geld auf dem Konto hatte, und man deswegen sein Konto hatte schließen müssen, ätsch, hat nichts mit seiner Politik zu tun, ganz einfach zu arm für Coutts. Herr Farage fand das unwahrscheinlich und stellte einen Subject Access Request. Ferner stellte Farage die Frage – „wie kann es sein, dass die BBC meinen Kontostand glaubt zu kennen?“

Das Resultat des Subject Access Request hatte es in sich. Mitnichten war es der Kontostand von Herrn Farage. Die NatWest Gruppe hatte ein 40-Seiten Dossier über Herrn Farage angefertigt The Telegraph veröffentlichte diesen in voller Länge. Dort ließ man sich seitenweise über Farage’s „rassistische und xenophobe“ Ansichten aus, auch wenn Nigel Farage grundsätzlich pro Immigration ist (nach australischem Punktesystem). Man nimmt in diesem Dokument beispielsweise besonderen Anstoß daran, dass Farage bereits im August 2020 das stete Anbranden illegaler Schlauchboot Flüchtlinge aus Frankreich als „schockierende Invasion der Küste Kents bezeichnet“.

Man ereifert sich ferner daran, dass Nigel Farage Black Lives Matter als „radikallinke marxistische Organisation bezeichnet“ (womit er recht hat). Am Ende dieses unstrukturierten Geschwafels kommt Coutts zum Schluss, dass Herr Farage Ansichten “at odds with our position as an inclusive organisation” – also mit unseren Ansichten als inklusive Organisation in Konflikt stünde (als ob Coutts mit einer Mindestkontoeinlage von 1 Millionen GBP nicht exklusiv wäre).


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Die Veröffentlichung diese Dossiers bedeutete für Coutts und die BBC hochpeinliche Fragen:

A) Hatte die BBC einen Fehler bei der Recherche gemacht?
B) Wer von Coutts hatte mit der BBC gesprochen?
C) Hatte die Kontaktperson von Coutts zur BBC gelogen?

Alsbald kam heraus, dass der CEO von NatWest, Dame Alison Rose bei einer Gala neben einem BBC-Mitarbeiter gesessen hatte, einen Tag vor dem Bericht über Farages Kontostand. Schließlich gab Dame Alison Rose ihren Fehler zu und trat zurück. Der Coutts CEO Peter Favel tat es ihr gleich. Coutts darf sich alsbald auf eine Millionenstrafe für Verletzung von Datenschutzgesetzen freuen – Nigel Farage reichte bei der Datenschutzbehörde eine formelle Beschwerde ein.

Nigel Farage indessen feiert seinen Triumph (es gab Entschuldigungen von Coutts und der BBC – Coutts gab ihm sein Konto zurück) und wühlt weiter. Er besteht auf Schadensersatz , sowie der Forderung, dass der gesamte Aufsichtsrat seinen Hut nehmen muss – da dieser von den Umtrieben gegen ihn als sogenannte Publicly Exposed Person gewusst habe.

Lektionen – wie schon bei dem erfolgreichen Kampagne gegen BudLight gibt es hier einiges für erfolgreiche „rechte“ Kampagne zu lernen:

1.) Nicht klein beigeben

2.) Das Problem nicht auf die persönliche Ebene reduzieren oder allein auf die rechte Opposition beschränken. Farages Mantra durch die Kampagne hindurch war immer: „Ich mache das nicht für mich, sondern für alle. Wenn die Banken das mit mir machen können, dann mit Euch erst recht.“

3.) Nicht vor vermeintlich linkem Framing zurückschrecken à la „WIR sind der Anwalt des kleinen Mannes“.

4.) Wenn sich der Erfolg des Widerstands abzeichnet – weitermachen! Entschädigungsforderungen, Beschwerde wegen des Verstoßes gegen Datenschutz, usw.

Wird dieser Sieg Farage Auftrieb für eine mögliche Kandidatur bei der nächsten Wahl geben? Noch hält er sich bedeckt. Bei aller Freude, hat dieser Fall ferner die Rolle des Datengiganten Refinitiv aufgdedeckt, der neben ESG-Daten (siehe hier und hier) laut Farage auch soziale Medienaktivitäten von Bankkunden überwacht . Lehnten, deswegen alle anderen zehn Banken Farage ab (da sie ebenfalls die Refinitiv-Datenbank verwendet)? Wir müssen wachsam bleiben.