Reisebericht – Blauer Himmel über Neapel

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In den letzten zwei Wochen war ich zusammen mit drei Freunden im Italien-Urlaub. Mit Interrail-Tickets, Toscanello- und Moods-Zigarillos und Hawaiihemden im Gepäck reisten wir quer durch das Land von Pizza und Pasta und besuchten dabei Florenz, Taormina, Neapel und schließlich Rom. Jeder dieser Orte ist es wert, dass er besucht und dass über ihn berichtet wird – man denke nur an die Kathedrale Santa Maria del Fiore in Florenz mit dem größten Kuppelbau der Renaissance, an Taormina mit der atemberaubenden Naturlandschaft und dem Blick zum Ätna oder an Rom mit seinen antiken Ruinen und barocken Prachtkirchen –, doch möchte ich mich hier auf Neapel konzentrieren. Genauer gesagt: auf einen bestimmten Abschnitt der neapolitanischen Geschichte.

Der geneigte und treue Leser des KRAUTZONE-Magazins vermag es vielleicht, sich meines Artikels über die Revolte in der Vendée während der Französischen Revolution zu entsinnen: Bauern und Adlige – beide Stände sind aus verschiedenen Gründen mit den politischen Entwicklungen der Zeit unzufrieden – proben den Aufstand gegen den jakobinischen Furor. In Neapel gab es eine ähnliche Rebellion: Die Bewegung des Sanfedismo (von italienisch „Santa Fede“ – „Heiliger Glaube“) setzte sich einfallenden Franzosen und revolutionärem Spuk zur Wehr – und zwar erfolgreich!

Den Eindruck einer einst prunkvollen Residenzstadt macht Neapel heute nicht mehr – zumindest nicht in den Vierteln, in denen meine Freunde und ich uns bewegt haben. Schon die Ankunft am Hauptbahnhof war im Vergleich zu den anderen drei Stationen unserer Reise ein wahrer Kulturschock (zugegeben, am Bahnhof Roma Termini wollte man uns gegen 22 Uhr Drogen verticken, aber wer weiß, was sich am Napoli Centrale um diese Uhrzeit abspielt). Als wir in einem Café in direkter Bahnhofsnähe saßen, hatte ich stets Angst um meine Taschen, und eine von Drogenkonsum gezeichnete Frau bettelte mich um Geld an – man kann sich denken, wofür.

Überall in der Stadt ist es verdreckt – und zwar wirklich überall, nicht nur am Bahnhof –, man kommt weiterhin in den Genuss der Diversifizierung der einheimischen Demografie, ähnlich wie man es in der Bundesrepublik beobachten kann, und auffällig ist auch, dass viele Gebäude mit großen Metallzäunen verriegelt sind – selbst die Kirchen –, um sie vor unangenehmen Gestalten zu schützen.

Man darf sich davon dennoch nicht enttäuschen lassen: Kulturell hat Neapel nach wie vor viel zu bieten, und die circa 2.700 Jahre Geschichte dürfen nicht übersehen werden. Auf dem Stadtgebiet siedelten um 700 vor Christus die ersten Griechen in einer nach der Sirene Parthenope benannten Polis – seit dem römischen Dichter Vergil (70-19 vor Christus) wird dieser Name allegorisch für die Stadt verwendet. Etwa zwei Jahrhunderte später wurde eine zweite griechische Polis gegründet, die Neapel schließlich ihren Namen gab: „Neapolis“ – zu Deutsch: „Neue Stadt“.

Den Griechen folgten die Römer, und nach dem Untergang Westroms stritten sich Byzantiner, Ostgoten und Langobarden um die Stadt. Ein unabhängiges Herzogtum Neapel konnte sich etablieren, das 1140 von den über Sizilien herrschenden Normannen eingenommen wurde – Neapel wurde seitdem vom Königreich Sizilien aus regiert, erst die Herrschaft des französischen Königshauses Anjou im 14. Jahrhundert trennte Neapel von Sizilien. Die Könige der Anjou-Dynastie ließen unter anderem die Burg Sant‘Elmo errichten, von der man die ganze Stadt überblicken kann.


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Nachdem Neapel von den Aragonesen, also Spaniern, erobert wurde, entstand eine enge Bindung zur iberischen Halbinsel. Bis auf eine kurze Unterbrechung im 18. Jahrhundert wurden Neapel und Sizilien, nun wieder unter einer Herrschaft, mehr oder weniger von Spanien aus regiert; ab 1734 stellten die spanischen Thronfolger den König von Sizilien und Neapel. Dynastisch gehörten die Könige dem Hause Bourbon an und waren damit entfernte Verwandte des französischen Königshauses, doch nicht nur dadurch bestand eine Verbindung zu Frankreich: Der ab 1759 regierende Ferdinand IV. (1751-1825) war mit Maria Karolina von Habsburg (1752-1814) verheiratet, einer Schwester der auf der Guillotine hingerichteten Marie-Antoinette (1755-1793).

Maria Karolina war es, die im Neapel des späten 18. Jahrhunderts eine reaktionäre Politik durchsetzen konnte, zudem bewirkte sie, dass sich Neapel, nicht zuletzt aus persönlichen Motiven, den seit 1792 tobenden Koalitionskriegen auf Seiten des antifranzösischen Lagers anschloss. Der König machte sich derweil in der Unterschicht beliebt, so dass er sich als „Re Lazzarone“ („Bettlerkönig“) auf die Unterstützung der Landbevölkerung verlassen konnte.

Der Krieg gegen Frankreich verlief im Jahre 1798 äußerst ungünstig für die Süditaliener. Im Dezember besetzten die Franzosen Rom, am 23. Dezember floh König Ferdinand IV. nach Sizilien. Im Januar 1799 wurde schließlich Neapel besetzt und eine französische Tochterrepublik gegründet: die Parthenopäische Republik, benannt nach der griechischen Sirene. Unterstützung fand die Republik in der intellektuellen Oberschicht Neapels: bei Bürgerlichen und liberal gesinnten Adligen und Klerikern. Doch bald organisierte sich auch der Widerstand gegen Republik und Franzosen: Unter Kardinal Fabrizio Ruffo (1744-1827), der dem König erst ins Exil folgte und dann heimlich zurückkehrte, entstand mithilfe eines russischen Expeditionskorps ein Milizheer aus monarchietreuen und zutiefst gläubigen Bauern. Das Esercito Cristiano della Santa Fede („Christliches Heer des Heiligen Glaubens“) sollte der Parthenopäischen Republik ein kurzweiliges Leben bescheren…
Fortsetzung folgt.