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Tintenfass und Whiskyglas – Berühmte Dichter und ihre Alkoholabhängigkeit

12. August 2021

Sie schrieben weltbekannte Bücher und verfielen dem Alkohol. Nicht wenige namhafte Autoren griffen außer zur Feder auch zur Flasche. Fast scheint es, als würden Dichter besonders zur Trunksucht neigen. „Man muss immer trunken sein – berauscht euch ohne Unterlass“, empfahl der berühmte Schriftsteller Charles Baudelaire seinen Lesern und lieferte selbst das beste Beispiel für die Umsetzung seines Rates.

Mit Alkohol und Frauen brachte er das väterliche Erbe durch, experimentierte mit Drogen und bekämpfte auf diese Weise seine Depressionen. Er verehrte und übersetzte Edgar Allan Poe, den Schreiber düsterer Novellen, der bis heute ebenfalls als Alkoholiker und Drogenkonsument gilt – vielleicht zu Unrecht, denn er selbst führte diesen Ruf auf eine Neidkampagne zurück.

Ganz oben und ganz unten

Eindeutig belegbar ist jedoch, dass mehr als die Hälfte aller amerikanischen Literaturnobelpreisträger Alkoholiker waren – darunter Sinclair Lewis, Eugene O‘Neill, William Faulkner, John Steinbeck, Ernest Hemingway. Auch Henry Miller und Charles Bukowski gehören in die Reihe der bekannten und bekennenden Trinker unter den amerikanischen Schreibern. Hat der Griff zum Whiskyglas ihre Kreativität beflügelt, oder welche Gründe waren es, die sie in die Abhängigkeit führten?

Viele litten unter Schicksalsschlägen oder hatten psychische Probleme. O‘Neill flog wegen eines Bierflaschenwurfs von der Universität und fand sich als obdachloser Säufer auf der Straße wieder. Faulkner galt als schwieriger Charakter und bemühte sich vergeblich, durch Entziehungskuren seinem Leiden zu entrinnen. Hemingway erschoss sich infolge einer met­alkoholischen Psychose.

Ein weiterer weltberühmter Literat, Jack London, beschrieb seine Rauscherfahrungen in dem autobiografischen Roman „König Alkohol“. Mehrmals versuchte auch er sich das Leben zu nehmen. Ob sein früher Tod auf einen weiteren Selbstmordversuch zurückzuführen ist oder eine Vergiftung war, ist nicht geklärt. Tragisch endete auch Malcolm Lowry. Er schrieb „Unter dem Vulkan“ – ein Roman aus Sicht eines Alkoholikers. Statt einer Handlung dominieren Gedankenfetzen. Der Autor litt an zahlreichen Phobien und starb an einer Überdosis Schlaftabletten, die er im Vollrausch eingenommen hatte.

Wir waren sehr heiter

Sieht man sich unter deutschen Autoren um, ist es nicht anders als bei den Amerikanern. Hans Fallada verfasste den Roman „Der Trinker“ in einer Heilanstalt. Mehrere Jahre war er wegen versuchten Totschlags, Alkoholismus und Drogensucht in Verwahrung. Sein dichtender Zeitgenosse Gottfried Benn, erschüttert von Erfahrungen als Arzt im Weltkriegslazarett, und Johannes R. Becher, Schreiber der DDR-Nationalhymne, experimentierten außer mit Alkohol auch mit Kokain.

Beim Blick in frühere Jahrhunderte tauchen Namen wie Gottfried Keller und E.T.A. Hoffmann als prominente Beispiele für trinkende Dichter auf. Auch Goethe soll nach Überlieferungen bis zu vier Flaschen Wein am Tag konsumiert haben, wobei es keinen Hinweis auf typische Alkoholikerprobleme gibt – was die Überlieferung etwas in Frage stellt.

Fest steht aber, dass sein Sohn August von Goethe im Delirium verstarb. Er hatte es seinem genialen Vater gleichtun wollen und mußte sein Scheitern als Schriftsteller erkennen. Seine literarische Hinterlassenschaft: ein Reisetagebuch mit dem Titel „Wir waren sehr heiter“.

Alkohol macht keine Dichter

Enttäuschungen und Schicksalsschläge, jede Art von unbewältigten Problemen können bei der Entstehung einer Alkoholabhängigkeit bedeutsam sein, sagen Suchttherapeuten. Aber auch Merkmale der Persönlichkeit und psychische Erkrankungen spielen eine Rolle. Dichter setzen sich besonders intensiv mit ihren Lebenserfahrungen auseinander. Aber haben sie deswegen ein erhöhtes Risiko für Trunksucht?

Zieht man die Gesamtheit aller Schriftsteller in Betracht, dann ist der Anteil der Alkoholiker unter ihnen auch nicht größer als in anderen Berufsgruppen. Auch Kreativität lässt sich nach Ansicht von Experten durch Alkohol nicht steigern. Dies sei ein Irrglaube mit Alibifunktion, meinen Spezialisten. Wem Talent und Phantasie zum Dichten fehlen, der erlangt sie auch nicht in betrunkenem Zustand.

Alkoholmissbrauch beflügelt nicht, sondern wirkt zerstörerisch – wie man am Leben und Leiden der trinkenden Dichter eindeutig nachvollziehen kann.

A. Henry

1989 gelang dem Autor eine erste literarische Veröffentlichung mit der Novelle „Die Bandoneonspieler“ in einer Anthologie der Evangelischen Verlagsanstalt in Ost-Berlin. 1995 folgte der selbst publizierte Kurzgeschichtenband „Negative Schriften“. Neueste Texte mit Bezug auf die „kataklystische“ Gegenwart sind „Das Ende der Klassik“ oder „Die Dichterpest“. Den Lebensunterhalt verdient sich der Autor als Journalist – besser gesagt als Fachjournalist, „weil das weniger politisch war und ist“.


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