European Parliament, CC BY 2.0, Wikicommons

Und täglich grüßt die Zinserhöhung

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Sie hat es – vorerst – wieder getan. Seit dem 27. Oktober liegt der Leitzins der EZB mit Wirkung zum 2. November bei zwei Prozent statt bei 1,25 Prozent wie noch nach der letzten Erhöhung im September. Der Einlagenzins, der die Sparzinsen für Verbraucher maßgeblich bestimmt, wurde von 0,75 auf 1,5 Prozent angehoben. Auch die Fed hob zwischen Juni und Juli den Leitzinskorridor um 1,5 Prozent an, und die israelische Zentralbank steht mit einem Inflationsziel von etwa zwei Prozent aktuell bei einem Leitzins von 3,25 Prozent.

Allerdings hat die Fed wesentlich mehr Spielraum nach oben als die EZB, wenn es um Leitzinserhöhungen geht, da der Dollar-Raum im Gegensatz zum Euro-Raum wesentlich größer als sein Heimatland ist und der Dollar somit mehr Seigniorage-Kapital (Geldschöpfungsgewinn der Zentralbank, der analog zu Emissionen steigt) aufweist. Zudem steht die Gefahr des Austritts von Mitgliedsländern aus der Euro-Zone stets im Raum. So müssen die neuesten Mahnungen innerhalb der EZB zu einer milderen Gangart in der Leitzinsfrage vielleicht auch verstanden werden. Auch einige Chefs von nationalen Notenbanken erwarten „niedrige“ Leitzinserhöhungen. Zwar stimmt es, dass die Inflation in der Euro-Zone in den letzten Monaten zurückgegangen ist, jedoch bewegte sie sich zuletzt oft in Zickzacklinien, weswegen es keineswegs ausgemacht ist, dass die Inflation bereits in der Nähe ihres Höhepunkts angekommen ist. Wenn der EZB nicht zumindest etwas die Hände gebunden wären, hätten wir höchstwahrscheinlich schon jetzt ganz andere Zinserhöhungen gesehen.

Die Israelis zum Beispiel haben zwar mit circa fünf Prozent nur etwa die Hälfte an Inflationsproblemen – streng genommen noch weniger, da sie am Scheinoptimum zwei Prozent wesentlich näher dran sind als Deutschland und die Euro-Zone mit zehn. Am Ende sind diese Zahlen aber bloß Schall und Rauch, wenn die Zinserhöhung nicht wie gewohnt auf den noch halb fruchtbaren Boden eines satten Angebots trifft. Die Öl- und Gasknappheit im Zuge des Ukraine-Krieges, nicht die Geldmenge, lässt die Preise steigen.

Die große Pleitewelle, die auf dem Papier schon längst hätte einsetzen müssen und noch vor ein paar Jahrzehnten bei derartigen Zinserhöhungen ceteris paribus fällig gewesen wäre, ist bisher wohl auch aufgrund der fast sieben Jahre andauernden Nullzinspolitik der EZB ausgeblieben. Eine „Zombiebereinigung“ ist also selbst im Falle einer möglichen weiteren Zinserhöhung bei der nächsten EZB-Sitzung am 15.12. kaum zu erwarten.

Auf der anderen Seite leidet die mittelständische chemische Industrie Deutschlands, die in einem marktwirtschaftlichen Umfeld erblühen würde, massiv unter den Gaspreisen, was mit der Gaspreisbremse ab März rückwirkend bis Januar 2023 abgefedert werden soll. Allerdings wird ein Großteil der versprochenen Hilfen erst mit der Endabrechnung 2023 verfügbar und kann somit die Gaspreisbelastung zum anstehenden Jahreswechsel nicht abmildern, abgesehen von einer Einmalzahlung im Dezember, die etwa dem Monatsbetrag der Gasrechnung entsprechen soll. „Zeit kaufen“ lautet das zeitlose Motto, das die produktive und produzierende Zukunft mittlerweile von den Herr:innen in Berlin gewöhnt sein dürfte. Statt einer Lohn-Preis-Spirale ist hier eher mit einer „Sozialhilfe-Preis-Spirale“ (Markus Krall) zu rechnen, in einer Zeit, wo auch die Militärausgaben steigen.



Die Inflation dürfte ebenso wie die Leitzinsen weiter steigen, die Wirtschaftsrechnung der Unternehmen zunehmend erschweren, damit Produktion und Investitionen hemmen und die Preise weiter nach oben treiben. Die Angebotsseite wird zum zunehmend unsteuerbaren Albtraum für die EZB. Die berühmte „Stagflation“, das Nebeneinander von steigenden Preisen und fallender Produktion, wird aller Voraussicht nach das kommende Jahr über sowohl die Weltwirtschaft im Allgemeinen als auch die Euro-Zone im Besonderen prägen.

Zwar ist dieses Phänomen aus den beiden Ölkrisen 1973 und 1979 bereits bekannt. Beide Male gab es einen Angebotsschock bei einer zwar lockeren, aber nicht exzessiven Geldpolitik. Öldollars, die in den Mittleren Osten flossen, brachten das Realeinkommen in Europa herunter, was über eine Lohn-Preis-Spirale die Stagflation in Gang setzte. Heute allerdings ist die Produzentenpreisinflation mit zwischenzeitlich 45 Prozent im August – im Vergleich zum Vorjahresmonat – so hoch wie noch nie in der Bundesrepublik. Die Pleitewelle wird erst dann durchschlagen, wenn die Erzeugerpreise dauerhaft steigen, ohne Teuerungen an den Abnehmer abzugeben, also „überwälzt“ zu werden.

Für die kommende Ratssitzung am 15.12. stehen Leitzinserhöhungen von 0,5 oder 0,75 Prozent im Raum. Die Boulevard-Finanzpresse wird dies mit demselben Timbre kommentieren, mit dem sie auch die ersten Zinserhöhungen dieses Jahr kommentiert hat: in allen Details, teils im Halbernst kritisch oder zustimmend à la „Es wurde auch höchste Zeit“ – und so oder so die Leserschaft im Glauben daran lassen, dass die Gleichung „Zinsen rauf gleich Preise runter“ noch immer irgendwie aufgegangen ist. Ob die Wirtschaftsrechnung in der Welt kleinteiliger Lieferketten auch mit, nach Maßgabe von keynesianischen Makroökonomen, „wenigen“ Prozent Inflation die richtige Lösung ist, wird vielleicht erst dann klar, wenn sie zerstört sind.

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