Von der grünen Insel zum bunten Shithole – Irlands tiefer Fall

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Irland – woran denkt man da, wenn einem der Name dieses Landes in den Ohren erklingt? An schwarz-weiße Kühe, die friedlich auf den saftig grünen Weiden grasen? An die stürmischen Wellen des Atlantiks, wie sie an den Steilküsten im Westen zerschellen? An O’Connor, Fitzgerald und McDuff, die gemütlich bei einem Bier im Pub sitzen und miteinander plaudern, während im Hintergrund die Musiker ihre Jigs und Hornpipes vor sich hin fiedeln? Gewiss, ein sehr romantisierendes Bild, das ich hier von Irland und seinen Einwohnern zeichne: Dass es auf der grünen Insel alles andere als friedlich zuging, weiß jeder, der sich mal näher mit der jüngeren Geschichte des Landes und dem Konflikt mit den Engländern (den sogenannten „Limeys“) beschäftigt hat.

Aber die Romantisierung der Iren kommt nicht von ungefähr, denn bis ins späte 20. Jahrhundert hinein prägten vor allem drei Dinge das Land: eine enge Bindung an die Landwirtschaft einhergehend mit einem im europäischen Vergleich geringeren Wohlstand, ein ethnisch recht homogenes Volk (sieht man von den europäischen Ausländern ab) und ein das gesellschaftliche Leben dominierender Katholizismus. Was ist davon noch übrig?

Als ich mit meiner Familie dort vergangene Woche wieder Urlaub machte, war ich erstaunt – und erschüttert. Es ging mit der Ankunft schon mal gut los: Wir haben dort nämlich Verwandtschaft, die wir regelmäßig besuchen – ein Cousin meines Großvaters wollte einst auf Weltreise gehen, lernte in Irland eine Frau, Saoirse, kennen, und den Rest kann man sich denken –, und mit das Erste, was uns von Saoirse als Unternehmung für unseren Ankunftstag, einen Sonntag (!), vorgeschlagen wurde, war der Besuch einer Dragshow (!!) mit ihrer Enkelin Fianna (!!!, auch wenn sie immerhin kein Kind mehr ist).

Ich war, man kann es sich denken, irritiert und schockiert, auch wenn ich das weder der Familie noch der Verwandtschaft großartig zeigte. Nur auf Saoirses Nachfrage, ob ich denn an einem Besuch einer Dragshow interessiert sei, antwortete ich mit einem entschiedenen „Certainly not!“, ihre Nachfrage „Why?“ ließ ich aber unbeantwortet und wechselte das Thema. Worauf ich hinauswill, ist Folgendes: Die Gesellschaft in Irland ist extrem liberalisiert. Und das muss innerhalb von ein oder zwei Generationen geschehen sein.

Überall – gefühlt schlimmer als hier – weht einem die Regenbogenflagge ins Gesicht, der Besuch einer Dragshow scheint hier vollkommen normal zu sein. Ich meine, selbst meine gleichaltrigen Mitreisenden – allesamt Normies und damit politisch links – waren davon irritiert; auf wirkliche Begeisterung stieß Saoirses Vorschlag jedenfalls nicht. Und wer glaubt, allein die evangelische Kirche in Deutschland sei komplett abgedreht, den muss ich enttäuschen: Auch bei den Iren sind die Kirchen mittlerweile gleichgeschaltet. Zugegeben, ähnlich wie hier sind die Protestanten schlimmer als die Katholiken, Letztere haben jedoch keinerlei Interesse, sich großartig gegen die Entwicklung hin zum woken Shithole zu wehren.


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Apropos seine Interessen vertreten und sich wehren: Was tut man eigentlich, sollte man doch ein rechter Ire sein? Man kann sich doch wenigstens mithilfe des Wahlzettels äußern, oder? Nun ja, es gibt einerseits die irische Labour Party, quasi irische Sozialdemokraten, die Green Party und die Sinn Féin, die sich dem demokratischen Sozialismus und dem Republikanismus verschrieben hat und in Nordirland die Partei der katholischen Iren darstellte, auf der konservativen Seite gibt es die Fianna Fáil („konservativ-liberal“), über Jahrzehnte die stärkste Kraft im Parlament, und die Fine Gael, offiziell christdemokratisch. Welchen Biss die letzten beiden Parteien haben, kann man sich denken: Obwohl beide Parteien von den 30ern bis in die 2010er-Jahre die stärksten beiden Kräfte darstellten, fanden die geschilderten Entwicklungen trotzdem statt.

Es gibt in Irland de facto keine rechte Partei von Bedeutung. Wer denkt, in Deutschland sehe es düster aus, weil es hier nur die AfD gibt und sie gerade mal auf 20 Prozent kommt, der bedenke: In Irland hat er die Wahl zwischen der dortigen FDP und der dortigen CDU, wenn er „rechts“ wählen möchte. Diese Parteien versagen auf ganzer Linie bei allen gesellschaftlichen Entwicklungen, sei es beim Regenbogen, bei der Wahrung vor dem EU-Einfluss oder bei unserem letzten Punkt, der Einwanderung.

Tja, Immigration, wie sieht es damit aus? Bleibt Irland wenigstens von diesem Fluch der Moderne verschont? Kurzum: Nein. Immerhin, die Straßenzüge von Dublin oder Cork sehen noch nicht so aus wie die von Berlin oder Köln, aber man ist auf dem besten Weg dorthin. Im Gespräch mit einer von Saoirses Töchtern sagte mir diese, von den circa fünf Millionen Einwohnern Irlands seien etwa eine bis anderthalb Millionen Immigranten. Darin sind natürlich auch die europäischen Einwanderer inbegriffen, aber die Zahl ist trotzdem erschreckend. Die Tendenz zur nicht-europäischen Einwanderung, gerade aus dem einstigen britischen Empire, ist trotzdem mit dem eigenen Auge erkennbar. Und wenn das so weitergeht, dann war‘s das bald mit der genuin irischen Kultur. Da hilft auch – und das muss ich den Iren wirklich positiv zugestehen – die Wiederbelebung der irisch-gälischen Sprache nichts. Für die Zukunft der grünen Insel sehe ich als Konservativer gerade schwarz…