Auf welcher Frequenz schwingt ein guter Lehrer?

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Dienstag früh. Gruppenhospitation. Ich versuche vergeblich, mein Körpergewicht grazil auf einer neumodisch-unbequemen Wackelsitzgelegenheit zu balancieren. Als nach 45 Minuten Gleichgewichtsakrobatik endlich die Reflexion ansteht, fluche ich leise: „Gibt es hier auch normale Stühle?“

Währenddessen gibt meine Kommilitonin zu ihrer Unterrichtsstunde zu Protokoll: „Naja, meine Schwingungen haben gestimmt und die Kinder hatten Spaß. Ich habe extra vor der Stunde meditiert für mein Chakra. So kann ich den Kindern auf Augenhöhe begegnen.“ Nach dieser Aussage müsste ich erstmal meditieren, doch in dem Moment kippe ich endgültig mit der Sitzsäule um. Ich hatte schon immer einen Sinn für peinliche Dramaturgie! Wieder aufgerappelt kann ich mir den Kommentar nicht verkneifen, ob man mit den eigenen Schwingungen den Kindern auch etwas beibringen könne oder sie „auf Augenhöhe“ besser lernen? Selbstverständlich, betont die Kommilitonin, denn das Wichtigste sei ein autoritätsfreier Klassenraum.

Zunächst erscheint es ein löbliches Anliegen zu sein, für Spaß und eine gute Atmosphäre im Unterricht zu sorgen. Doch nur allzu gern verkommt die so gefeierte autoritätsfreie „Beziehungsarbeit“ zu einem Euphemismus für einen „kumpelhaften“ Anstrich im Unterrichtsprozess sowie eine selbstschadende „Resilienz“ gegenüber Unterrichtsstörungen. Deren verdecktes Ziel ist die eigene Beliebtheit bei den Schülern. Der Lehrer möchte den Schülern gefallen: Schlechte Noten mindern angeblich die Leistungsmotivation und gehören somit abgeschafft, Ermahnungen seien Anmaßungen. Ihr Mantra für die Schüler lautet: Du darfst dich frei entfalten. Wenn mich etwas stört, dann bitte ich dich ganz lieb, dein Verhalten zu ändern. Wenn ich gar nicht mehr weiter weiß, dann drohe ich, aber ziehe meine Konsequenzen selten durch.

Viele angehende Lehrer glauben, je geschmeidiger sie auftreten, je beliebter sie sind, desto einfacher haben sie es und desto mehr Bestätigung bekommen sie. Sie haben Angst vor negativen Kommentaren und Ablehnung. Ihr Verhalten ist geprägt von eigener Selbstunsicherheit und Ichbezogenheit. Es geht um die Befriedigung ihrer Bedürfnisse nach Nähe und positiver Zuwendung von den Kindern. Doch solange wir maßgeblich mit uns selbst und unseren eigenen Befindlichkeiten im Klassenzimmer beschäftigt sind, können wir nur sehr schlecht Gutes für andere tun und zu ihrem Guten handeln. Dies ist jedoch eine essentiell wichtige Eigenschaft als Lehrer. Unsere Berufung ist es, langfristig Gutes für die Kinder und ihre Entwicklung zu tun.

Dieser Berufung steht jedoch ein Grundproblem im Weg, das sich durch die Hörsäle der angehenden Lehrkörper zieht: Es ist die Schwierigkeit mit ablehnender Haltung umzugehen. Man will um jeden Preis von möglichst vielen Mitmenschen gemocht werden. Doch schon Marc Aurel schrieb in seinen Selbstbetrachtungen: „Ist nicht unser beider Leben kurz? Deines ist beinahe schon vorbei, ohne dass du Achtung vor dir hast, denn du suchtest ja dein Glück in den Seelen anderer.“ Dies liegt auch daran, dass gerade der Job als Grundschullehrer dafür prädestiniert ist, junge Menschen mit geringem Selbstwert anzuziehen (Ich nehme mein damaliges Studienanfänger-Ich von dieser Kritik nicht aus).


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Ein Selbstwertmangel als Lehrer hat weitreichende Folgen, sowohl bezogen auf die Hierarchieverträglichkeit als auch auf die Leistungsorientierung. Exzellenz wird durch Gefälligkeitspädagogik in der Komfortzone nicht erlangt! Kinder gewinnen gerade dann Respekt vor einem Lehrer, wenn dieser auch mit einer ablehnenden Haltung ihrerseits umgehen kann und Dissonanzen nicht scheut. Es braucht eine gewisse stoische Gelassenheit in dieser Hinsicht, denn sie führt dazu, dass sich die Kinder wohlbehütet fühlen. Würden Sie einem Anführer folgen, der sich leicht beeinflussen lässt, sobald nur die leiseste Kritik aufkommt?

Doch der Lehrer von morgen möchte nicht mehr anführen. Zwar reizt ihn die Position und die fast schon bedingungslose „Liebe“ vieler Kinder, doch möchte man sich so gut wie nur möglich um die mit der Position in Verbindung stehende Verantwortung und Härten winden. Anstatt seine rollenbezogene Autorität zum Wohle der Kinder zu nutzen, gibt man sie größtenteils ab, in dem Glauben, dabei noch etwas Gutes zu tun. Nur allzu oft hat man einfach Angst und Unlust, die Konsequenzen zu tragen. Hinter jedem „Ihr dürft euch heute aussuchen, was ihr macht!“ steht ein „Ich habe keine Lust einzufordern, dass du das tust, was ich für richtig und wichtig halte!“

Autorität bedeutet, dass ich als Lehrer den Weg vorgebe und dabei gewillt bin, Dissonanzen in Kauf zu nehmen. Wie, wenn nicht durch Lehrer und Elternhaus, sollen Kinder Autorität erfahren? Sie werden lebenslang auf der Suche nach dieser sein und sich nie in die Lage versetzt sehen, diese angemessen zu hinterfragen bzw. selbst auszuüben. Dieses Ergebnis sehen wir in den heutigen Hörsälen. Es fehlt Einsicht in die Tatsache, dass indem ich meine Autorität als Lehrer abgebe, ich die Kinder der Autorität der Kindermasse überlasse. Und diese ist vielmals zerstörender als es meine als Lehrer sein würde. Das Kind wird ohne ausreichenden Schutz seinesgleichen ausgeliefert. Mit unserer Hierarchiescheu erziehen wir kleine Kinder folglich hervorragend zu Konformismus! Dies scheint in der heutigen Mittelmaßgesellschaft gewollt und ist eine gute Vorbereitung auf die Anpassungsgesellschaft, in die sie sich als dumpfe Konsumenten im Erwachsenenalter einfügen sollen. Aber Hauptsache wir sind frei von autoritären Schwingungen und die Kinder haben Spaß!