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Welchen Sinn hat Lützerath?

19. Januar 2023

Seit Montag ist das Dörflein Lützerath endgültig geräumt. Eigentlich seit Oktober 2022 von allen Einwohnern verlassen und aufgegeben worden, da es der Erweiterung des Tagebaus Garzweiler durch den Energiekonzern RWE im Wege steht, wurde es in den letzten Wochen zum Sammelpunkt linker Protestler, die eben jene Ausweitung des Tagebaus zu verhindern gedachten. Und was für eine Show die Linken uns geliefert haben: Ich erinnere da nur an den „Mönch von Lützerath“, der einen Polizisten in den braunen Schlamm schubste und so zur Internet-Berühmtheit wurde, dann an die beiden Tunnelgräber namens „Pinky“ und „Brain“, die, neben der Nostalgie für 90er-Cartoons, ein Möchtegern-Vietcong-Lebensgefühl bei ihren Mitstreitern wecken wollten, und schließlich an jenen Pfundskerl, der sich mit seinem Hals an einen Sitz eines Autowracks kettete und den Schlüssel für das Schloss „verlegte“.

Überall in den sozialen Medien wurde dazu aufgerufen, nach Lützerath zu kommen – auch Leute, die ich privat kenne, teilten die Botschaft beispielsweise auf Instagram –, so dass laut Polizeiangaben insgesamt 15.000 Protestler aus der ganzen Bundesrepublik vor Ort waren.

Doch warum ausgerechnet Lützerath? Es ist schließlich nicht das erste Dorf, welches den Schaufelradbaggern zum Opfer fällt, auch nicht in letzter Zeit. Die betroffenen Bewohner schlossen sich weder den Protesten an noch waren sie mit ihrer Situation großartig unzufrieden, da sie für ihren Verlust großzügig entschädigt wurden. Zugegeben, ich selbst bin kein Freund großer Maschinen und „schmutziger“ Industrie, schon gar nicht auf Kosten von Kultur- oder Naturlandschaft und kleinen Dörfern – dazu bin ich doch zu romantisch veranlagt. Mit den linken Protesten vor Lützerath habe ich natürlich dennoch keine Sympathien, denn darum ging es diesen Leuten ja nie – das sieht man ja allein an den Müllbergen, die diese Blender-Ökos hinterlassen. Für Landromantik haben sie vermutlich ohnehin nicht viel übrig.

Der Fall Lützerath ist äußerst merkwürdig, verworren und, man kann es nicht anders sagen, schizophren: Die Klima-Demonstranten sind aus dem Um- und Vorfeld der Grünen – zumindest in unserer Wahrnehmung, denn viele stellen sich als noch radikaler dar als die Partei –, während auf der anderen Seite die Grünen an der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen beteiligt sind, deren Beamte die Räumung Lützeraths ausführten; eine besondere Würze erlangt die Sache noch durch die Tatsache, dass der Cheflobbyist von RWE, Titus Rebhann, ein (ehemaliger?) Grüner und Vertrauter Annalena Baerbocks ist.

In unserem politischen System sind Wechsel von der Politik in die Wirtschaft – oder besser gesagt in mit dem Staat zusammenarbeitende Großkonzerne – nicht unüblich, sondern die Regel, aber gerade dieser Fall erscheint einem merkwürdig, da sich gerade die Grünen so gerne als „Klimaschutzpartei“ inszenieren. Als Sahnehäubchen auf dem Eisbecher der Skurrilität war es auch das grüne Wirtschaftsministerium unter Habeck, welches den Deal mit RWE aushandelte. 



So weit, so gut. Die Grünen stellen also die Hauptvertreter auf beiden Seiten im Konflikt. Das könnte zumindest erklären, warum bei der Konfrontation zwischen Protestlern und Polizei im Endeffekt nichts großartig passierte – weil die Polizisten von ihren grünen Chefs um Vorsicht gebeten wurden, während grüne Politiker sich mit den Demonstranten solidarisierten. Man darf sich aber nicht täuschen lassen, dass die Grünen von Teilen der Klimabewegung noch als Heilsbringer-Partei angesehen werden: Das radikale Fußvolk der Fridays-for-Future- und ähnlicher Bewegungen hat mit ihrer scheinbaren Mutterpartei gebrochen. Es tut sich damit ein innerlinker Konflikt über die Radikalität der Klimapolitik auf: Die einen setzen auf einen einigermaßen ruhigen, legalistischen Weg, den anderen kann es nie radikal genug sein.

Was hat also Lützerath gebracht? Nicht viel, denn das Dorf wird ja doch weggebaggert. Denkt man zumindest. Doch der Symbolgehalt dieser Farce darf nicht missachtet werden: Für die Klimabewegung war das eine Art Machtdemonstration, eine Botschaft an alle, dass sie da sind, und eine Bestätigung ihrer Rolle als Rebellen. Gerade Letzteres sollte begriffen werden: Das Rebellentum der Klima-Demonstranten ist inszeniert, es ist gewollt. Wären sie tatsächliche Rebellen, die gegen den Machtapparat und dessen Ziele kämpften, so hätten sie den Rohrstock viel deutlicher zu spüren bekommen. Die Zahl der Verletzten wäre hoch, vielleicht gäbe es sogar Tote, jedenfalls keine Szenen, die wie der „Mönch von Lützerath“ einer Komödie hätten entstammen können.

Die Proteste von links sind ein notwendiges Mittel zum Machterhalt: Einerseits kann man das Overton-Fenster schön nach links verschieben, den Leuten radikale Klimapolitik schmackhaft machen und sich gleichzeitig als ordnende und vernünftige Mitte hinstellen, andererseits kann man einer ziel- und identitätslosen Jugend einen Sinn im Leben geben – am Ende kämen die noch auf die Idee, KRAUTZONE zu lesen! Wenn man diesem Gedankengang Glauben schenken möchte, kann man sich zumindest auch erklären, weshalb Grüne auf beiden Seiten des „Konflikts“ mitmischen…

Fridericus Vesargo

Aufgewachsen in der heilen Welt der ostdeutschen Provinz, studiert Vesargo jetzt irgendwas mit Musik in einer der schönsten und kulturträchtigsten Städte des zu Asche verfallenen Reiches. Da er als Bewahrer einer traditionsreichen, aber in der Moderne brotlos gewordenen Kunst am finanziellen Hungertuch nagen muss, sieht er sich gezwungen, jede Woche Texte für die Ausbeuter von der Krautzone zu schreiben. Immerhin bleiben ihm noch die Liebesgrüße linker Mitstudenten erspart…


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