Bestie und König

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Der nachfolgende Text ist ein Auszug aus meinem in 2021 erscheinenden Buch Odin, Nietzsche und der Pfad zur linken Hand.

Ganzheitliche Selbstentwicklung bedeutet also zu wesentlichen Teilen immer auch, die Hege und Pflege der inneren Bestie. Auch Nietzsche war klar, dass ganze Menschen auch ganze Bestien sind:

Die vornehme Kaste war im Anfang immer die Barbaren-Kaste: ihre Übermacht lag nicht vorerst in der physischen Kraft, sondern in der seelischen – es waren die ganzeren Menschen, was auf jeder Stufe auch so viel mit bedeutet als »die ganzeren Bestien«. (Jenseits von Gut und Böse, Abschnitt 257)

Das korrespondiert auch mit der Forderung der Stoiker, das Streben nach Selbsterkenntnis in ein Leben in Übereinstimmung mit der Natur einzubetten – sowohl in Übereinstimmung mit Natur im Sinne unserer Umwelt als auch im Sinne unserer inneren Natur als Bestie. Odinistische Selbstentwicklung ist immer auch die Befreiung des inneren Wolfes aus den Fesseln der Gesellschaft. Das ist der Pfad zur linken Hand.

Begriffsklärung

Aber was meint Nietzsche mit “die vornehme Kaste” und “die Barbaren-Kaste”? Die vornehme Kaste – das sind kurz gesagt die Aristokraten und Ritter, die Herrscher und mächtigen Krieger, die Kraft- und Würdevollen, die Mächtigen. Bei Nietzsche finden wir die aristokratische Wertgleichung als in sich geschlossener Kreis der guten Werte und Eigenschaften:

gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt

Siehe dazu auch Abschnitt 20 in meinem Buch Vom Barbar zum Fürst, in dem die aristokratische Wertgleichung um acht Werte zu einem großen Ganzen in Form eines dharmischen Rad des Seins ergänzt wird.

Die aristokratische Wertgleichung ist Ausdruck von Herrenmoral: Mächtig zu sein ist gut! Vornehm zu sein ist gut! Besser als der Pöbel zu sein ist gut! Wir sind Herren – keine Sklaven! Und deswegen werden wir vom Schicksal, von den Göttern, vom Universum, oder wie immer du es nennen willst, geliebt! Deswegen sind wir auch schön und glücklich! Wir sind gut, weil wir mächtig sind! Weil wir etwas besseres sind!

Der Archetyp

Das wirft unweigerlich die Frage auf, wie Nietzsches gottgeliebte Aristokraten so schön und mächtig geworden sind – was uns gleich zur Entwicklung des Selbst führt. Doch vorher gilt es noch das Verständnis der Archetypen zu vertiefen und zwei Dinge klarzustellen:

1.) Die vornehme Kaste war im Anfang immer die Barbaren-Kaste. Also zu Beginn, später nicht mehr. Die anfänglich wilden, machthungrigen, Barbaren werden satte, dekadente, Opfer ihres eigenen Erfolges – und in ewiger Wiederkunft beginnt der Zyklus von neuem. Wir kommen im neunten Kapitel auf die Barbaren im Sinne Nietzsches zurück.

2.) Die Karte ist nicht das Gelände. Das vorgestellte Modell unseres Selbst ist ein Modell – es ist nicht unser Selbst. Es dient uns zur Konzeptualisierung, es hilft uns dabei, eine klarere Vorstellung von unserem Innenleben zu bekommen – aber es ist nicht unser Innenleben. Es geht also nie darum, dem Modell zu entsprechen – sondern immer darum, dass Modell zu deinen Zwecken zu nutzen. Sei niemals der Sklave deiner Werkzeuge.

Schauen wir uns nun die Archetypen und ihre Schattenformen genauer an. Nimm dir dazu wieder die vier einzelnen Dreiecke zur Hand und notiere dir um die Eckpunkte die Schlüsselbegriffe aus den folgenden Erläuterungen. Was die Schlüsselbegriffe für dich sind, ist subjektiv. Hab den Mut, deinen eigenen Verstand zu gebrauchen und vertraue dir. Lass das Innere der Dreiecke möglichst frei, wir brauchen den Platz im nächsten Kapitel.

Der König

Der König ist der innere Souverän, der Herrscher unserer Innenwelt. Im König sind Richter, Feldherr und Philosoph vereint. Er entscheidet, was gut und schlecht für uns ist, er ist der innere Entscheider und Richter über uns selbst – unser Gewissen und Steuermann auf dem Ozean der Moral. Der König entscheidet, welcher Moralkodex wann und für wen gilt. Der König entscheidet, wer Freund und wer Feind ist. Er wägt zwischen Chancen und Risiken ab und legt die Strategie fest. Er ist der Oberbefehlshaber, der innere Feldherr.

Um seinen Aufgaben als strategischer Entscheider gerecht werden zu können, braucht er immer wieder Ruhe und Isolation – er sitzt alleine auf seinem Thron, er hat die Verantwortung, niemand anders. Der König führt – und damit er seiner Führungsverantwortung gerecht werden kann, muss er sich aus den Details, aus der praktischen Arbeit und der Umsetzung seiner Entscheidungen raushalten. Seine Arbeit besteht im Abwägen, Entscheiden, Planen und Führen – die Umsetzung obliegt dem Krieger.

Der König hat jedoch noch eine weitere Funktion von fundamentaler Wichtigkeit: Segnung und Legitimation. Diese Funktion ist eng mit der königlichen Führungsfunktion verbunden, verdient jedoch eine spezifische Betrachtung. Alle Führung, die der König dem Krieger, dem Magier und dem Liebhaber gibt, alle Entscheidungen, die der König für die anderen drei Archetypen trifft, sind auf erster Ebene wertfreie Handlungsanweisungen. Der König sagt dem Krieger, was er umsetzen und wo er kämpfen soll; dem Magier sagt der König, was er erforschen und verstehen soll; und dem Liebhaber sagt der König, was und wen er genießen und lieben soll.

Keine leichte Aufgabe

Doch all diese Handlungsanweisungen können gute oder schlechte Handlungsanweisungen sein. Krieger, Magier und Liebhaber müssen sich darauf verlassen, dass der König gute Entscheidungen trifft. Nur was ist gut? Was sind gute, legitime, Entscheidungen? Was ist gut und was ist schlecht? Diese Frage zu beantworten, das ist die essentielle Kernaufgabe des Königs. Somit ist der König immer Philosoph. Er muss nicht nur Feldherr und oberster Richter sein, er muss auch seinem Feldherren-Aspekt und seinem Richter-Aspekt Entscheidungsgrundlagen geben: Auch der beste Feldherr muss wissen, wofür es sich überhaupt zu kämpfen lohnt, was gute Ziele sind. Auch der beste Richter muss wissen, ob das von ihm angewandte Recht gutes Recht ist. Was ist gut? Diese Frage beantwortet der Philosophen-Aspekt des Königs, und Richter- und Feldherren-Aspekt des Königs sind darauf angewiesen. Der König muss sich also auf sein eigenes Urteil verlassen.

Der Magier liefert zwar Informationen, die der König bei seinem Entscheidungsprozess abwiegt, was Magier und König in ein besonderes Spannungsverhältnis zueinander setzt, aber die Entscheidung liegt beim König. Zu Krieger und Liebhaber hat der König ein einfacheres Verhältnis, da die Abhängigkeiten geringer sind. Der Magier hat sein ganzes Wissen, aber keine Macht, um dieses Wissen zu nutzen – während der König die Macht aber nicht das Wissen hat. Die beiden sind also ganz besonders aufeinander angewiesen, was sowohl zu starken Spannungen als auch zu tiefer Freundschaft führen kann. Eine ähnliche Beziehungsdynamik besteht zwischen Krieger und Liebhaber, aber werfen wir zunächst noch einen Blick auf die Schattenformen des Königs.

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