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Bildquelle: Ronie88, CC BY-SA 3.0 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:New_KM2000.jpg)

Das KM 2000

2. Oktober 2020

In der Reihe Warenfetischismus stellen unsere Autoren irgendein Ding vor. Vielleicht Gerümpel aus Kindertagen oder eine kürzliche Entdeckung auf dem Flohmarkt. Diese Sache war vielleicht teuer oder ein Schnäppchen. Ein Geschenk oder Diebesgut. Man weiß es nicht. Jetzt steht es jedenfalls im Regal und wird betrachtet. Seine Geschichte will erzählt werden.

Mein Großvater war Jäger – aus Leidenschaft, und weil er die Natur liebte. Abgepacktes Essen im Supermarkt zu kaufen, war ihm immer ein Greuel. So hielt er sich bis ins biblische Alter von 94 Jahren an seine Devise „Denke global, beschaffe lokal“, im wahrsten aller Wortsinne, und zog am liebsten aus, um selbst zu jagen. Dass er das Wild dann bei uns im Garten verarbeitete, war Ehrensache, schließlich sollten die Enkel von klein an lernen, Demut vor dem Tier zu haben.

Ich erinnere mich noch gut an diese Nachmittage, wenn die erlegten Hasen und Rehe im Herbst aufgespannt an dem alten Kirschbaum hingen und wir begannen, sie zu zerlegen. Als ganz kleines Mädchen empfand ich einen gewissen Ekel vor dieser Tätigkeit, die nicht gerade dem Spielen mit Puppen glich, aber mein Opa blieb streng: „Wenn Du nachher etwas davon abhaben möchtest, musst Du jetzt mithelfen“. Die Vorstellung vom duftenden Rehbraten mit Knödeln und Preiselbeeren gab mir die Kraft, durchzuhalten. Es kam der Tag, an dem ich zum ersten Mal selbst ein scharfes Messer in der Hand hielt und dem Tier das Fell abzog. Die erste Hemmung war schnell überwunden, die Klinge durch das Tier gleiten zu lassen und Fell von Fleisch zu trennen, bereitete mir eine Art Spaß, der sich schwer in Worte fassen lässt. Bald schon entwickelte ich eine kindliche Meisterschaft in dieser Tätigkeit, und mein Opa war sehr stolz auf mich. Er half mir bei den besonders schwierigen Stellen, und ich bekam stets ein extra Stück dieses kostbaren Gutes, das ich mit soviel Respekt behandelt hatte, da ich schnell begriff, dass sein Tod meinen Hunger stillte.

Zu jener Zeit erwachte der Wunsch in mir, ein eigenes Messer zu besitzen. Die Erwachsenen waren dagegen, war ich doch noch viel zu jung, die Verantwortung eines solchen Gegenstandes zu übernehmen, dachten sie. Ich sah das anders. In so vielen Kinderbüchern führten die Helden eine eigene Klinge, welch prominente Stelle kam dem Schwert zu in all den mythologischen Geschichten, die ich verschlang. Wikinger, Germanen, die Ritter der Tafelrunde… Aber ich musste mich gedulden. Alles Jammern und Betteln half nichts.

Endlich kam der Tag meiner Firmung, ich war alt genug, und meine Eltern hatten sich erweichen lassen. Ich bekam ein ausrangiertes Jagdmesser meines Großvaters, die Klinge war schon etwas stumpf, der Griff aus Hirschhorn abgenutzt, aber ich war stolz und glücklich wie selten davor und danach. Ich fühlte mich aufgenommen in die Riege der Jäger, Soldaten, Wanderer, Waldläufer und Hobbits, mythischer Helden, Handwerker, Köche und nicht zuletzt Kinder auf dem Abenteuerspielplatz.

So begann meine ganz persönliche Beziehung zu Messern. Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese weiter, und meine Kollektion wuchs mit. Als ich schließlich ein Alter erreicht hatte, das meinen Eltern als geeignet erschien, schenkte mir mein Großvater ein KM 2000. Dieser Allrounder wurde mir zum treuen Begleiter und gehört nach meiner Ansicht zu jeder Grundausstattung – wie eine scharf geschliffene Axt aus Schwedenstahl und ein Krautzone-Abo (nach wie vor, denn, auch wenn in der bunten Republik munter „abgemessert“ wird und der Staat das Messer zum „Tötungswerkzeug“ degradiert, reduziert und herabgewürdigt hat, bleibt es, wie es ist: Das leblose Ding hat kein Eigenleben, aber der Mensch, der es führt).

Warum dieses Modell? Zugegeben, KM 2000 klingt nicht gerade nach Exkalibur. Aber das kam (und kommt) meiner Persönlichkeit und dem, was ich mit dem Messer vorhatte, sehr entgegen: Ich wollte damit nicht in die Schlacht ziehen und Welten retten, und nein, mit Edelsteinen geschmückt musste es auch nicht sein, es genügte, sich das in meinen Tagträumen auszumalen.

In der Praxis sollte sich das Messer bewähren, darauf kam es an. Die Abkürzung KM steht dann auch schlicht für Kampfmesser, der Zusatz 2000 klingt gut (ja, auch mich erinnert das an Harry Potters Besen, nicht das schlechteste, lässt man auf einem Waldspaziergang während einer Pause doch einmal der Fantasie freien Lauf), warum genau diese Zahl gewählt wurde, konnte ich nicht ermitteln, denn es wurde erst im Jahr 2001 von der Bundeswehr in Auftrag gegeben, um das dort seit 1968 im Einsatz befindliche Feldmesser abzulösen.

Für Zuverlässigkeit im Einsatz sorgt die Herstellung aus lediglich 2 Teilen: einer Klinge (einer sogenannten Tantoklinge, das heisst, einer geraden Klinge mit nicht abgerundeter, sondern im Winkel zur Klinge stehender Spitze) aus 440A (DIN 1.4110 DIN) rostfreiem Stahl und einem Griff aus glasfaserverstärktem PA6 (GFK).

Der Griff hat eine symmetrische Form, sodass das Messer von Links- und Rechtshändern gleichermaßen geführt werden kann. Die Verlängerung der Klinge durch den Griff hindurch (auch Erl oder Angel genannt) ermöglicht es dem Benutzer, die Rückseite des Messers als Scheibenbrecher zu verwenden. Es hat ein Gewicht von 320 Gramm (mit Scheide 525 Gramm) und befindet sich seit 2003 im Einsatz. Fertigen lässt die Bundeswehr das gute Stück bei der Firma Eickhorn-Solingen Ltd.

Mein Großvater hatte entschieden, dass dieses Messer genau das richtige für mich war. Man konnte sich damit verteidigen, notfalls auch gegen einen Tyrannosaurus Rex, befreien (mühelos gleitet die Klinge durch Seile, Anschnallgurte und ähnliches), Dosen öffnen, Holz spalten, ein Badezimmer von alten Fliesen befreien, Fenster und Türen öffnen (hat man sich mal ausgesperrt, spart es den teuren Schlosser), einen Nagel in die Wand schlagen oder wieder herausziehen, Tiroler Speck in hauchdünne Scheiben schneiden, ein Loch graben – oder einfach nur die Schönheit dieser Maßarbeit bewundern und sich daran erinnern, dass im Mittelalter ein Gegenstand unter anderem dann als schön galt, wenn er zweckmäßig war.

Ja, mein Großvater wusste, dass in mir ein Ästhet schlummerte, der das Praktische schätzt. Ich erinnere mich noch an seine Worte: „Weißt Du eigentlich, dass Waffen oftmals deshalb so schön sind, weil sie so gefährlich aussehen? Das hat seinen Ursprung in der Natur. Denke nur an einen Hai, dessen stromlinienförmige Tödlichkeit so viel faszinierender ist als das Aussehen des inzwischen ausgestorbenen indischen Hirschferkels.“ Ich spinne den Gedanken weiter und stelle mir vor, welches Ende Demi Moore und Patrick Swayze wohl in „Ghost – Nachricht von Sam“ (1990) genommen hätten, wenn sie, statt gemeinsam an einer Töpferscheibe Lehm in Form zu bringen, an einem Schleifstein ein KM 2000 scharf gemacht hätten… Aber das ist eine andere Geschichte, und die soll ein anderes Mal erzählt werden.

Ich mache mich jetzt mal auf die Suche nach meinen Messer, das leider verloren gegangen ist in den Irrungen und Wirrungen der letzten Jahrzehnte, in denen so viel anderes wichtiger war als das Bewahren dieses treuen Gegenstandes, in dem sich die Weisheit, Weitsicht und das Vertrauen meines Großvaters widerspiegelt. Falls ich es wiederfinde, denke ich doch noch einmal darüber nach, es mit einem kleinen Edelstein zur Erinnerung an ihn verzieren zu lassen.

In der Reihe Warenfetischismus erschienen bisher:
Die Kriegsgedenkmünze von 1871
Der Pelikan M150 Kolbenfüller
Die Lomo Lubitel 166B

Autor

Gastautor

Hier schreiben unsere Gastautoren, bis sie sich in unserer klebrigen Mischung aus Hass und Hetze verfangen, und schließlich als regelmäßige Autoren ein eigenes Profil bekommen.


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