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Der Wille zur Macht

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Der nachfolgende Text ist ein Auszug aus dem Nietzsche-Kapitel meines in 2021 erscheinenden Buchs Odin, Nietzsche und der Pfad zur linken Hand.

“Diese Welt ist der Wille zur Machtund nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht – und nichts außerdem!

– Friedrich Nietzsche, Aus dem Nachlass der 1880er Jahre, Nr. 1067

Im ersten Kapitel haben wir das Glück als Sinn und Zweck des Spiel des Lebens etabliert. Im zweiten Kapitel haben wir Odin und seine Selbstermächtigung untersucht. Beides korrespondiert mit dem Willen zur Macht. Nietzsche hat diesen Begriff nie erklärt und entsprechend beliebig wird er im philosophischen Diskurs interpretiert. Wir wollen hier zu einer pragmatischen Definition kommen und den Willen zur Macht in das Spiel des Lebens integrieren.

Was ist Macht?

Zuerst müssen wir uns eins klar machen: Macht ist das Gegenteil von Machtlosigkeit. Der Duden listet sechs Synonyme für Machtlosigkeit auf: Ohnmacht, Hilflosigkeit, Schwäche, Einflusslosigkeit, Wehrlosigkeit und Schutzlosigkeit. Ich benutze fortan primär den Begriff Ohnmacht, da hier immer auch die Zweitbedeutung von Bewusstlosigkeit mitschwingt. Und wer sich einer Gefahr nicht bewusst ist, kann sich auch nicht gegen sie verteidigen.

Man muss sich eines Problems bewusst sein, um es lösen zu können. Daher korrespondiert Macht immer mit Bewusstsein – auf vielen Ebenen – und somit sind Macht und Ohnmacht das bessere Begriffspaar als Macht und Machtlosigkeit.

Zurück zum Willen zur Macht: Wer mächtig ist, kann selbst bestimmen. Wer ohnmächtig ist, über den wird bestimmt. Macht und Selbstbestimmung gehen Hand in Hand, so wie Ohnmacht und Fremdbestimmung. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Begriff “Macht” negativ besetzt – was mitunter Ausdruck von Sklavenmoral ist, wie wir noch sehen werden – doch jenseits aller Moral ist Macht einfach die Fähigkeit etwas zu machen. Macht kommt von machen.

Wer mehr Macht hat, der kann mehr machen. Zum Beispiel Fremdbestimmung und Versklavung abwehren oder seinen Leuten Gutes tun. Natürlich wird Macht immer auch missbraucht – Machtmissbrauch ist essentieller Bestandteil unser kranken Gesellschaft – aber an und für sich ist Macht ein wertneutrales Werkzeug. Du kannst deine Macht für Gutes oder für Schlechtes einsetzen, du kannst sie nutzen oder missbrauchen.

Aber was hat Macht mit dem Spiel des Lebens und mit dem Glück zu tun?

“Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern – so lehre ich’s dich – Wille zur Macht! “

 – Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Von der Selbst-Überwindung, Nr. 369

Was ist der Unterschied zwischen dem Willen zum Leben und dem Willen zur Macht? Der Wille zum Leben kann als anspruchsloser Überlebenswille verstanden werden: Es kommt nur aufs bloße Überleben an, Selbstachtung und Aufrichtigkeit werden bereitwillig geopfert, jeglicher Anspruch, jeder Wert, alles wird dem nackten Überleben untergeordnet. Besser kriechend leben als stehend sterben ist hier die Devise.

Anders beim Willen zur Macht: Hier wird die eigene Macht über das bloße Überleben gestellt, hier werden Risiken eingegangen und Selbstopfer für Aufstieg und Wachstum gebracht. Besser stehend sterben als kriechend leben ist hier die Devise und Selbstermächtigung das Ziel.

Macht wollen

“Vieles ist dem Lebenden höher geschätzt, als Leben selber; doch aus dem Schätzen selber heraus redet – der Wille zur Macht!”

 – Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Von der Selbst-Überwindung, Nr. 369

Offensichtlich gehören Wille zur Macht und Wille zum Leben zusammen. Nur wer lebt, kann mächtig sein. Doch wie man lebt, das ist eine Frage des Willens zur Macht. Wenn es nur um möglichst sicheres Überleben geht und der Wille zum Leben nicht durch den Willen zur Macht ausgeglichen wird, ergibt sich ein Leben, das jeden Konflikt und jedes Risiko zu meiden sucht.

Wenn besser kriechend leben als stehend sterben die Devise ist, dann ist ein Leben als Kriecher die Folge. Eins der Synonyme für Ohnmacht ist die Wehrlosigkeit. Das Gegenteil von Wehrlosigkeit ist Wehrhaftigkeit – und Wehrhaftigkeit stützt die Wahrhaftigkeit.

Wer wehrhaft ist, braucht vor niemandem kriechen und kann aufrecht und wahrhaftig leben. Wir sehen hier bereits Berührungspunkte zu allem Kämpferischen, doch dazu später mehr.

Klar ist jedenfalls, dass der Wille zur Macht auch übersteigert werden und schließlich das Leben kosten kann. Wenn der Wille zur Macht so groß ist, dass unangemessne Risiken eingegangen werden und kaum noch Rücksicht auf das eigene Überleben genommen wird, dann zerstört die Selbstermächtigung das Selbst und führt sich ad absurdum.

Der Ausgleich

“Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.

Daß dem Stärkeren diene das Schwächere, dazu überredet es sein Wille, der über noch Schwächeres Herr sein will: dieser Lust allein mag es nicht entraten.

Und wie das Kleinere sich dem Größeren hingibt, daß es Lust und Macht am Kleinsten habe: also gibt sich auch das Größte noch hin und setzt um der Macht willen – das Leben dran.

Das ist die Hingebung des Größten, daß es Wagnis ist und Gefahr, und um den Tod ein Würfelspielen.”

– Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Von der Selbst-Überwindung, Nr. 369

Wir sehen also, dass ein aufrechtes, wehrhaftes, im wohlverstandenen Sinne mächtiges Leben immer den Ausgleich, die Balance, zwischen dem Willen zum Leben und dem Willen zur Macht erfordert. Beide gehören zusammen und bedingen sich gegenseitig.

Im wohlverstandenen Sinne ist der Wille zur Macht also einfach die risikoaffine und wachstumsorientierte Seite eines Lebewesens, komplementär zu seiner risikoaversen und sicherheitsorientierten Seite. Selbstverständlich kann man den Begriff Wille zur Macht auch falsch verstehen und missbrauchen. Nietzsche war sich dessen bewusst und schrieb:

Aber, wie gesagt, das ist Interpretation, nicht Text; und es könnte jemand kommen, der, mit der entgegengesetzten Absicht und Interpretationskunst, aus der gleichen Natur und im Hinblick auf die gleichen Erscheinungen, gerade die tyrannisch-rücksichtenlose und unerbittliche Durchsetzung von Machtansprüchen herauszulesen verstünde – ein Interpret, der die Ausnahmslosigkeit und Unbedingtheit in allem »Willen zur Macht« dermaßen euch vor Augen stellte, daß fast jedes Wort und selbst das Wort »Tyrannei« schließlich unbrauchbar oder schon als schwächende und mildernde Metapher – als zu menschlich – erschiene; “

– Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Nr. 22

Macht und Leben

Um zu einer wohlverstandenen Definition des Willens zur Macht zu kommen, müssen wir ihn mit dem Willen zum Leben vereinigen: Der wohlverstandene Wille zur Macht ist einfach das Streben nach einem selbstbestimmten Leben. Selbstbestimmt zu leben impliziert Macht, vor allem über sich
selbst, und die Fähigkeit, der Macht anderer Grenzen zu setzen.

Du bist in dem Maße fremdbestimmt, in dem du ohnmächtig bist – und in dem Maße selbstbestimmt, in dem du mächtig bist. Und da Glück und Selbstbestimmung Hand in Hand gehen, ist ein gesunder Wille zur Macht essentieller Bestandteil eines glücklichen Lebens.

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