Der vergessene Völkermord der Türken an den Aramäern

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Das Jahr 1915 ist bis heute eines der stritigsten Themen, wenn es um die gegenwärtigen europäisch-türkischen Beziehungen geht. Die Massaker und Deportationen, die zum Verschwinden der armenischen Bevölkerung in Anatolien geführt haben, ihre fehlende Anerkennung und der fehlende Respekt, sind auch 106 Jahre danach noch immer Gegenstand erbitterter Debatten zwischen der Türkei und dem Rest der Welt.

Doch heute, am traditionellen Gedenktag des armenischen Genozids, dem 24. April, an dem vor genau 106 Jahren die Repressionen begannen, gedenkt noch ein anderes, urchristliches Volk dem Völkermord: Die Aramäer/Assyrer, ihre Eigenbezeichnung lautet „Suryoye“.

Es war einmal im Orient…

Dieses Volk, das heute eine moderne Variante des ebenfalls semitischen Aramäisch, der Sprache Christi, spricht, siedelte ursprünglich im Norden Mesopotamiens. Heute umfaßt das Siedlungsgebiet den Nordosten Syriens, den Südosten der Türkei und den Nordirak. Jedoch leben in allen drei Ländern nur noch wenige Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe, vor allem in Syrien und im Irak ist der Exodus existenzgefährdend.

Das Herz des aramäischen Siedlungsgebiets liegt in der Türkei: Die Hochebene „Tur Abdin“, welche sich größtenteils in der Provinz Mardin befindet. Die dortigen Kirchen und Klöster zählen zu den ältesten der Christenheit, wie beispielsweise das Kloster Mor Gabriel. Die Suryoye unterteilen sich in unterschiedliche Konfessionsgruppen: Der größte Teil bekennt sich zur Syrisch-Orthodoxen Kirche (Vor allem in der Türkei und Syrien), kleinere Gruppen, vor allem im Irak, bekennen sich zur Assyrischen Kirche des Ostens, der „Alten Kirche des Ostens“ und der Syrisch-Katholischen Kirche.

Wichtig ist zu erwähnen, daß sich türkische Suryoye oft als Aramäer bezeichnen, während ihre Glaubensbrüder im Irak und Syrien sich eher als Assyrer betrachten.

Die Rache der Besiegten

Schätzungen zufolge lebten vor dem Ersten Weltkrieg an die 500.000 Aramäer und Assyrer im nordmesopotamischen Raum. Im Winter 1914/1915 fügte Rußland der Osmanischen Armee eine verheerende Niederlage in der Schlacht von Sarıkamış zu, tausende Soldaten fielen. Im darauffolgenden Frühjahr griffen die Osmanen schließlich die iranische Stadt Urmia an, die bis dahin von rußischen Truppen besetzt war.

Dabei kam es zu ersten Massakern in den assyrischen Dörfern rund um Urmia. Von da an, entschloßen sich die Jungtürken, koordiniert gegen die armenische und aramäische/assyrische Bevölkerung vorzugehen. Damit begannen die Angriffe gegen die Aramäer/Assyrer, durchgeführt von Truppen des Osmanischen Reiches und kurdischen Freiwilligen-Milizen, die sich durch den Tod ihrer Nachbarn oft deren Eigentum einverleiben konnten.

Wie auch den Armeniern, wurde den Suryoye unterstellt, heimliche Verbündete Rußlands zu sein. Oft wurde auch überhaupt gar kein Unterschied zwischen Armenier und Suryoyo gemacht. Aramäische Dörfer im Tur Abdin und assyrische Dörfer im türkisch-iranischen Grenzgebiet wurden gestürmt, Klöster attackiert und Kirchen zerstört.

Wo rohe Kräfte sinnlos walten

So griffen kurdische Milizionäre das berühmte Kloster Mor Gabriel an und töteten die Mönche. Der damalige jungtürkische Innenminister des Osmanischen Reichs, Talaat Pasha, gab den Provinzgouverneuren von Mosul und Van im Juni 1915 die Direktive, daß „man verhindern sollte, daß sie in ihre Heimat zurückkehren“. Über die genaue Anzahl der Opfer ist wenig bekannt, Schätzungen reichen von 90.000 bis zu 200.000 bzw. 250.000 Toten.

Die Massaker führten zu einem Exodus der Christen nach Syrien und in den Irak. Assyrische Flüchtlinge gründeten am Khabur-Fluß in Nordsyrien mehrere Dörfer, während Aramäer aus dem Tur Abdin die heutige Stadt Qamishli gründeten. Allerdings bildete sich im Tur Abdin auch heftiger Widerstand gegen die Angreifer, sodaß einige Dörfer überleben konnten. So gab es zumindest noch im Hauptsiedlungsgebiet der Suryoye nach dem Ersten Weltkrieg eine signifikante Präsenz.

Aktuell leben allerdings nur noch einige Tausend Aramäer in der Südosttürkei. Nach den Ereignissen von 1915, wandertem viele Aramäer aus dem Tur Abdin in den folgenden Jahrzehnten aufgrund von Assimilierungsdruck, dem Krieg mit der PKK und wirtschaftlichem Niedergang aus, hauptsächlich nach Deutschland, Schweden oder in die Niederlande.

Die aramäische Diaspora heute

In Deutschland sind vor allem die Städte Gütersloh, Delmenhorst und Augsburg Zentren der aramäischen Diaspora, in denen sich oft ganze Dörfer aus dem Tur Abdin niederließen. Seit einigen Jahren gibt es aber eine zaghafte Rückwertsbewegung der Diaspora, da viele im Westen zu Wohlstand gelangte Suryoye Sommerhäuser in den Dörfern ihrer Vorfahren gebaut haben.

106 Jahre nach den Verbechen in der Türkei darf dieser Völkermord nicht in Vergessenheit geraten, und sollte langsam stärker in den Fokus der Öffentlichkeit kommen. Dieser Artikel ist ein Beitrag dazu.

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