Das W 48

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In der Reihe Warenfetischismus stellen unsere Autoren irgendein Ding vor. Vielleicht Gerümpel aus Kindertagen oder eine kürzliche Entdeckung auf dem Flohmarkt. Diese Sache war vielleicht teuer oder ein Schnäppchen. Ein Geschenk oder Diebesgut. Man weiß es nicht. Jetzt steht es jedenfalls im Regal und wird betrachtet. Seine Geschichte will erzählt werden.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und weil das so ist, erfindet er gerne Dinge. Seine besondere Vorliebe gilt dabei der Erschaffung von Gegenständen, die das Leben erleichtern und den Alltag verschönern. So kam es, wie es kommen musste: Eines Tages erblickte der erste kabelgebundene Fernsprecher das Licht der Welt und erhob die Möglichkeiten der Kommunikation auf eine neue Stufe.

In einem Land vor unserer Zeit

Rasant schritt die Weiterentwicklung dieser neuartigen Technologie voran und stieg in schwindelerregende Höhen empor. Im Vergleich zur Entstehungszeit der Telefonie im frühen 19. Jahrhundert erscheint ein heutiges Mobiltelefon wie ein Gegenstand aus einem Science Fiction Film.

Irgendwie komisch, wenn man sich bewusst macht, dass die kleinen Spielzeuge heute nicht mehr wegzudenken sind aus unserem Alltag. Und ja, ein bisschen Wahrheit steckt schon in dem Gedanken, dass das auch etwas Gutes hat. Stellen wir uns ein Jahr Pandemie und Lockdown vor, indem wir nicht über Skype, WhatsApp, Zoom, FaceTime und all die anderen Dienste der digitalen Videoübertragung miteinander in Kontakt hätten treten können – es wäre schon recht einsam gewesen an manch verregnetem Abend…

Aber wir wollen nicht abschweifen. Zurück zur Geschichte. Irgendwo zwischen dem ersten Überseekabel und dem tragbaren Minicomputer liegt die Zeit des W 48. Ein aus Bakelit gegossenes Schwergewicht, das kurz nach dem zweiten Weltkrieg die Wohnzimmer der Menschen schmückte. In großen Stückzahlen produziert und von der deutschen Post vertrieben, könnte man es mit etwas gutem Willen als eines der ersten Massengüter des Wirtschaftswunders bezeichnen.

Die deutsche Post war dabei recht findig, denn sie verkaufte das gute Stück nicht, sondern verlieh es gegen Gebühr, eine Art Abonnement, die uns auch heute noch begegnet, wenn man sich das neueste teure Gerät der bekannten Hersteller nicht leisten kann und es über einen Vertrag mit dem Mobilfunkanbieter erwirbt.

Wir haben sogar ein Telefon

So war das mit Begehrlichkeiten, und so ist es heute noch immer. Jedoch entpuppte sich der Plan damals schließlich als Verlustgeschäft, denn man hatte nicht berücksichtigt, dass dieses Telefon auch trotz seines robusten Erscheingsbildes eine technische Höchstleistung war, und wie wir wissen, steckt die Tücke im Detail.

Ob Ferrari oder Telefon, hochgetunte Superstars sind sensibel. Es trat dann nach ungefähr zehn Jahren zuverlässiger Ringelei das ein, was heute den Konsumenten nicht selten exakt nach Ablauf der einjährigen Garantie eiskalt erwischt: Das W 48 gab den Geist auf. Die Kosten für die Reparatur blieben jedoch, anders als heute, am Bereitsteller hängen, und darauf hatte die Deutsche (mittlerweile Bundes)Post keine Lust.

So wurde das Glanzstück an Design Stück für Stück ummodelliert, bis es schließlich gänzlich ersetzt wurde vom sogenannten FeTAp 61 (Fernsprech-Tischapparat 61), bestehend aus schlagfestem Kunststoff und wesentlich handlicher. „Erst der FeTAp 61 machte das Telefon in der Bundesrepublik Deutschland von einem Luxusobjekt zu einem selbstverständlichen Gebrauchsgegenstand“, beschreibt Wikipedia den Wandel.

Die ausrangierten W 48 Geräte wurden ans Volk verschenkt, so mancher Schöngeist der Vergangenheit, der die Zeichen der Zeit schon damals erkannte und dem Niedergang des guten Stils zugunsten der Massentauglichkeit besorgt entgegenblickte, sicherte sich auf diesem Weg eines der Stücke.

Krrrrr Ringringringring

Ich habe zu jener Zeit noch nicht gelebt. Und ich bin technisch nicht besonders begabt (sehen Sie es mir daher bitte nach, wenn ich die mechanischen Details hier nicht näher erläutere). Aber ich durfte sie noch erleben, die Zeit des Telefons mit Wählscheibe und den Wandel hin zur Tastatur, die dann abgelöst wurde vom sogenannten Touchscreen.

Als Mensch, der nun, wie oben erwähnt, nicht nur vom Brot alleine lebt, begrüße auch ich den Fortschritt. Jedoch besinne ich mich gerne zurück, denn es ist ein unverzichtbarer Schritt in der Beurteilung jeder neuen Entwicklung, die Ursprünge derselben zu kennen. Und ich bin einfach vernarrt in schöne Dinge.

So schlenderte ich beim Spaziergang vor gut 20 Jahren durch die Innenstadt Münchens, der nie ohne einen Besuch meines bevorzugten Warenhauses Manufactum auskam. Da stand es, das W 48. Kein Original, aber immerhin gegossen in den echten Formen und aus dem guten alten Bakelit. Ich konnte nicht widerstehen.

Bitte drücken sie die Rautetaste

All die Jahre schleppte ich es mit, es war stets der einzige Festnetzapparat, den ich besaß. Welche Mühsal, welcher Arbeitsaufwand verbindet mich mittlerweile damit. Angefangen beim durchdringenden Schrillen mitten in der Nacht, den Fehlsignalen, die ausgelöst werden durch die mittlerweile mangelhafte Umwandlung analoger in digitale Signale mit Hilfe eines Adapters, hin zu verzweifelten Versuchen, eine Hotline zu kontaktieren, die einen mit automatischer Stimme begrüßt: „Um mit einem Berater verbunden zu werden, drücken Sie die Rautetaste“.

Rautetaste? Fehlanzeige. Oder die langen Gespräche mit den Lieben in der Heimat, wenn bereits nach einigen Minuten der Arm schwer wird vom Halten des gefühlten Zentner schweren Hörers.

Ja, die guten alten Dinge haben ihren Preis. Trotzdem werde ich mich nicht davon trennen, denn erstens kann man im Notfall ja immer noch auf das Mobiltelefon ausweichen, und zweitens wohnt dem W 48 ein Geheimnis inne, dessen Zauber sich erst nach einiger Benutzung offenbart und der unbezahlbar ist: Es gibt Telefonate, die machen einen einfach nur wütend.

Man kocht innerlich, streitet sich vielleicht sogar mit dem Gesprächspartner, und irgendwie muss man seinem Unmut physisch Luft machen. Den schwarzen Hörer dann wie ein Fallbeil auf die Gabel knallen zu lassen, ist der eigentliche Grund meiner Verbundenheit mit diesem Apparat. Satt rastet er ein, kein Wackeln, kein Sprung auf dem Display, nichts.

Tschüss!

Die Wut ist verraucht, das W 48 schweigt, die Welt ist wieder in Ordnung. Wahre Schönheit ist eben doch immer ein bisschen mehr als nur das Aussehen.

2 Comments

  1. Schöner Artikel. Habe ein ähnliches Telefon auch aus Bakelit. Ist wohl der Neffe des W 48. Die Besonderheit, eine Inventarbezeichnung "Wachregiment Feliks Dzierzinski MfS". Ein Stasitelefon welches ich niem

    8als am Netz anschließ. Du weißt ja nicht was da so an Abhörtechnik drin steckt. Heute dient es mir als Augenfänger auf Omas altem Radio. LG Olaf

  2. Habe ebenfalls ein W 48 im Eisatz, aber ein Original von 1958. Einst klingelte der etwa 10-jährige Nachbarsjunge bei mir. Er hatte sich ausgesperrt und fragte, ob er mal mein Telefon benutzen könne, um seinen Vater anzurufen. "Klar", sagte ich, "bitte sehr, da steht der Apparat. Bedien dich!" — "Häää? Was ist das denn!?" — "Das ist eine Wählscheibe. Da mußt du den Finger bei der jeweiligen Zahl reinstecken und die Scheibe bis zum Anschlag drehen." — "Häää? Kapier ich nicht!"
    Nun ja, am Ende mußte ich für ihn die Nummer wählen.

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