Robert Habeck, mittlerweile hat er es zum Wirtschaftsminister von Deutschland gebracht, hat vielleicht als der erste Grรผne verstanden, dass โHeimatโ eines der wichtigsten politischen Felder รผberhaupt ist und daher beackert werden muss. Habeck fischt seit Jahren im bรผrgerlichen Lager und verkรถrpert die bodenstรคndige Wohlfรผhlpolitik, mit der die Grรผnen mehrheitsfรคhig wurden. Mit seinem Buch โPatriotismus: Ein linkes Plรคdoyerโ (erschienen 2010) setzt er sich sogar explizit dafรผr ein, die Deutschlandliebe den Rechten zu entreiรen โ und sie auf eine abstrakte und rationale Ebene wie โErneuerung der Demokratieโ umzubiegen. Linke sollen mit dem Heimatbegriff auch etwas anfangen kรถnnen, und die Politik mรผsse sich fรผr die Heimat einsetzen.
Umso erstaunlicher ist es, dass Habeck offensichtlich nicht die leiseste Ahnung hat, wovon er spricht. In einem Interview von 2018 fรผhlte Jonas Schaible dem Grรผnen-Chef auf den Zahn und wollte wissen, was โHeimatโ denn konkret heiรe. Nach ewig langem Herumgeeiere kommt man zum Kern von Habecks Denken:
โSchaible: Man kรถnnte trotzdem andere Begriffe probieren, die weniger negativ konnotiert sind und weniger widersprรผchlich. โZuhauseโ zum Beispiel. Warum hรคngen Sie so am Begriff โHeimatโ?
Habeck: Weil er ein utopisches Potential hat. Utopie heiรt ja Nicht-Ort, und Heimat ist eine Utopie. Einige wรผrden sagen, das ist ein Widerspruch. Aber gerade darin liegt auch der Reiz. Ich kรคmpfe fรผr diesen Begriff, weil der Politik das Utopische fehlt. Es gibt ein Heimweh nach einer Politik, die mehr ist als das Durchwursteln durch das Tagesgeschรคft.โ
(Den Interessierten empfehle ich das gesamte Interview, da es viele weitere interessante Antworten liefert.)
Als ich diese Stelle das erste Mal las, empfand ich eigentlich nur eines: Mitleid. Denn offensichtlich weiร Habeck nicht, was โHeimatโ bedeutet. Er hat keine Heimat. Wenn er sagt, dass โHeimatโ utopisches Potenzial, konkret als โNicht-Ortโ, hat, dann kann man tief in Habecks Seele blicken. All seine anderen Phrasen werden in diesem Augenblick bedeutungslos. Er redet als Blinder von Farben, die ihm ein Auรenstehender beschrieben hat. Er redet wie ein Kind von Themen, die es seinen Eltern nachplappert, aber nicht ansatzweise begreift.
Auch der Interviewer fischt im Dunkeln und verwechselt โsich auskennenโ mit Heimat. Die deutsche Form des angelsรคchsischen Dummsatzes: โHome is where the WIFI connects automatically.โ
โSchaible: Wie finden Sie diesen Vorschlag: Heimat ist dort, wo man die Besteckschublade einrรคumen und die Abkรผrzung zum Badesee nehmen kann. Abstrakter: In der Heimat kennt man sich aus, ist handlungsfรคhig und von der eigenen Selbstwirksamkeit รผberzeugt.
Habeck: Wenn es in die Zukunft gerichtet ist, bin ich dabei. Heimat wรคre dann das Zukunftsversprechen, dass wir wieder die Abkรผrzung zum Badesee nehmen kรถnnen. Dass wir uns handlungsfรคhig fรผhlen.โ
Habecks Antwort ist schlieรlich nur noch linke Rabulistik, um sich nicht selbst zu widersprechen. Aber wo kommt so ein trauriges Denken her?
Zwar ist รผber Habecks Vater nichts bekannt, aber zeitlich kรถnnte er zu den Alt-Achtundsechzigern gehรถren, die sich als erste Generation gegen einen Heimatbegriff wandten. Diese These unterstรผtzt auch folgendes Interview, denn offensichtlich steht Habeck nicht alleine da: Lisa Jani, Richterin und Pressesprecherin am Berliner Strafgericht, wurde im Zuge eines Medienprojektes gefragt, was fรผr sie Heimat bedeutet:
(Die Interessierten kรถnnen auch noch gerne weiterschauen, wie sie รถffentlich zugibt, fรผr das grundrechtliche Kernprinzip von Staatsbรผrgerschaft โnicht so zugรคnglich zu seinโ, warum โVolkโ ein Nazibegriff ist und ihre Kritik an der Einstufung ihres รuรeren als deutsch โ schlieรlich sehe sie auch skandinavisch ausโฆ)
Habeck und Jani, so unterschiedlich die beiden in anderen Belangen sein mรถgen, รคhneln sich stark: Auch Jani versteht รผberhaupt nicht, was โHeimatโ รผberhaupt heiรt, wenngleich sie den Begriff โ um in ihrem Kopf aufgrund eines offensichtlichen metaphysischen Bedรผrfnisses keine mittelschweren Dissonanzen entstehen zu lassen โ einfach auf โFamilieโ รผbertrรคgt.
Eine Sache unterscheidet Habeck und Jani. Ersterer muss, um Wรคhlerstimmen zu fischen, sich als heimatliebender Grรผner darstellen, Jani kann ohne Heimat in ihrer Heimat richten, ohne sich zu verstellen. โHeimatโ kann vieles heiรen, und der Zugang zu einem der wichtigsten emotionalen Gรผter in einer sich auflรถsenden Moderne ist fรผr den Menschen unterschiedlich. Ob man den Begriff erklรคren kann? Vermutlich nicht โ wodurch im Zeitalter der Aufklรคrung auch mehr und mehr Menschen nicht verstehen, warum man seine Heimat oder sein Land liebt. รhnlich verhรคlt es sich auch mit Gott โ dem, zum Leidwesen postmoderner Protestanten, nicht mit einer rationalen Erklรคrung nรคher zu kommen ist.
Ich fรผr meinen Teil weiร, was Heimat ist: Im Sommer 2013 kam ich aus einem einwรถchigen Urlaub aus dem sonnendurchfluteten Sardinien zurรผck. Traumstrรคnde, bestes Essen, eine angenehme Reisebegleitung โ der Urlaub verging wie im Flug, und auf einmal saร ich in einem viel zu kleinen Sitz eines Billigfliegers auf dem Weg ins graue Deutschland. Wir flogen in ein Tiefdruckgebiet, der Regen peitschte an die Fenster, das Flugzeug wackelte, ich hatte als unerfahrener Sรผdurlauber allen Ernstes noch eine kurze Hose an. Irgendwann sah man dann die Wolken aufreiรen, und es durchfuhr mich wie ein Blitz mit gnadenloser Gewissheit: Hier will ich leben, und hier will ich sterben. Warum es mich so erwischte, weiร ich bis heute nicht. Mein Elternhaus war politisch eher links, wenngleich ich nicht mit Antideutschtum oder sonstigen intellektuellen Krankheiten in Berรผhrung kam. Aber es war bei Weitem nicht so, dass ich von Volksfest zu Volksfest getingelt wรคre, die Nationalhymne mitgesungen oder mit hochgezogenen Kniestrรผmpfen die Eifel erwandert hรคtte. Das kam dann erst spรคter.
Ich glaube, jeder Mensch kann eine Heimat haben โ und zwar nicht im Habeckschen oder Janischen Sinne, sondern eine richtige Heimat, wie sie seit Jahrtausenden als menschliche Konstante immer eine zentrale Rolle gespielt hat. Man muss sie im Angesicht linker Dauerpropaganda und Deutschlandhass nur zulassen und sich auf seine ganz eigene Weise nรคhern: รผber die Kultur, รผber die Geschichte, รผber Sprache, รผber Bรผcher, รผber Auslandsaufenthalte. Tief in sich drin ahnt auch ein Grรผnen-Wรคhler, dass er seine Heimat liebt. Das weiร auch Robert Habeck, der sich, durch und durch Politprofi (schaut euch die Bilder aus dem Interview einfach mal an), als Heimatfreund inszeniert, um Mehrheiten zu ergattern.
