Als Anfang April in Butscha, einem Vorort von Kiew, nach dem Abzug russischer Truppen zahlreiche tote ukrainische Zivilisten gefunden wurden, war weltweit das Entsetzen groร โzu Recht: Es handelte sich ohne Zweifel um Kriegsverbrechen. Am 6. April forderte Ronen Steinke in einem Leitartikel der Sรผddeutschen Zeitung unter der Rubrik โEine Zelle fรผr Putin“, Ruรlands Prรคsident mรผsse dafรผr vor den Internationalen Strafgerichtshof gestellt werden: โUnd zwar besser heute als morgen. 10,4 Quadratmeter haben die Haftrรคume der Untersuchungshaftanstalt in Den Haag. Ein Bett, ein Tisch, eine offene Toilette.“
Tage spรคter unterbrach Ursula von der Leyen ihre Reise in die ukrainische Hauptstadt und besuchte zuerst den Ort des Schreckens. Angesichts der aus einem Massengrab exhumierten Leichen stand auch fรผr die EU-Kommissionsprรคsidentin fest, wer fรผr das entsetzliche Geschehen die Verantwortung trรคgt: โWir haben das grausame Gesicht von Putins Armee gesehen.“ An diesem Ort, so von der Leyen, sei โunsere Menschlichkeit zertrรผmmert“ worden.
Bei allem Verstรคndnis fรผr das lautstark artikulierte Entsetzen รผber die Geschehnisse in Butscha bleibt vielen Beobachtern ein Rรคtsel, wieso ein sowohl im Spiegel als auch in der Berliner Zeitung am 7. April online verรถffentlichter Bericht รผber ein verstรถrendes Video bis heute von anderen Medien verschwiegen wird. Das Video, so der Spiegel, sei seit mehreren Tagen auf Telegram im Umlauf und jetzt von der New York Times verifiziert worden. Es zeige die Hinrichtung eines russischen Soldaten durch ukrainische Kรคmpfer nahe Dmytrivka, einem kleinen Ort nur wenige Kilometer von Butscha entfernt.
In dem Clip ist der New York Times zufolge der russische Soldat mit einer รผber den Kopf gezogenen Jacke zu sehen โ offenkundig verwundet, aber noch atmend. Eine Mรคnnerstime sei zu hรถren, die sagt: โDer lebt noch. Filme diesen Plรผnderer. Schau, der lebt noch. Er schnappt nach Luft.“ Daraufhin schieรe einer der Mรคnner zweimal auf den am Boden liegenden Soldaten. Weil dieser sich noch regt, schieรt er ein drittes Mal. Der Soldat zuckt anschlieรend nicht mehr. Auf dem Video seien drei weitere russische Soldaten zu sehen, in Blutlachen liegend, einer mit einer Kopfwunde und mit auf dem Rรผcken gefesselten Hรคnden.
Die New York Times schreibt, die ukrainischen Soldaten seien anhand ihrer Flaggenaufnรคher und ihrer blauen Armbinden zu identifizieren. Mehrfach sei in dem Video der Ruf โRuhm der Ukraine!โ zu hรถren. Die toten Russen trรผgen die in der Armee รผblichen Tarnuniformen sowie weiรe Armbinden. Laut der Zeitung liegen die Leichen neben einem Infanterie-Kampfwagen vom Typ BMD-2, wie ihn die Luftlandetruppen benutzen. Wenn sich der Vorfall so abgespielt hat, handelt es sich bei der Hinrichtung von gefangenen Soldaten ebenfalls um ein Kriegsverbrechen.
An dieser Stelle soll jetzt nicht eine Untat gegen die andere aufgerechnet werden; schlieรlich weiร man, daร in jedem Krieg das erste Opfer die Wahrheit ist. Auch hat sich die grundsรคtzliche Schuldfrage durch den รberfall auf ein Nachbarland und die vรถlkerrechtswidrige Verletzung seiner Souverรคnitรคt und territorialen Integritรคt von selbst beantwortet. Nein, hier und jetzt geht es darum, ob der oben geschilderte Vorfall verschwiegen wird, um ja keinen Schatten auf die Glorifizierung und Heroisierung des ukrainischen Widerstands fallen zu lassen und die Dรคmonisierung der russischen Aggressoren desto ungestรถrter fortsetzen zu kรถnnen.
Sollte dies der Fall sein, handelt es sich um einen handfesten Skandal, der das ohnehin ramponierte Vertrauen in die neutrale Berichterstattung der รถffentlich-rechtlichen und der privaten โQualitรคtsmedien“ einmal mehr erschรผttern wรผrde. Es wรคre ein weiteres Beispiel fรผr die freiwillige Gleichschaltung, die als Haltungsjournalismus seit dem Beginn des am 4. Oktober 2000 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schrรถder ausgerufenen โKampfes gegen Rechts“ in den meisten Redaktionen praktiziert wird.
Zum Glรผck finden sich zum Ukrainekrieg in den Gazetten hin und wieder Leserbriefe mit dem Appell, dem moralistischen Trommelfeuer endlich Einhalt zu gebieten und zur Besinnung zu kommen. Der zum Helden stilisierte Prรคsident Selenskyj wird von manchen Lesern als โrรผcksichtsloser Egomaneโ kritisiert, der sein Volk fรผr ein vermeintliches Recht auf Selbstbestimmung opfere. Andere weisen darauf hin, daร Gas-Lieferungen in die EU fรผr Kiew auch jetzt noch akzeptabel seien, sofern sie durch ukrainische Pipelines stattfinden und Kiew daran verdient.
Wieder andere erinnern daran, daร vor dem Krieg die Korruption in der Ukraine extrem hoch gewesen sei und die Staatsorgane im Rahmen von Beziehungsgeflechten zur Durchsetzung der Interessen von kriminellen Clans miรbraucht worden seien. An die deutschen Regierungsmitglieder wird daher appelliert, sich nicht zum Erfรผllungsgehilfen ukrainischer Forderungen zu machen, sondern eingedenk des geleisteten Amtseids zum โWohl des deutschen Volkes“ zu handeln.
In diesem Zusammenhang ist interessant, daร die SZ im Rahmen einer Recherche รผber die Luxusvillen und Yachten russischer Oligarchen auch auf Wolodimir Selenskyj gestoรen ist. Der heute auf allen TV-Kanรคlen prรคsente Staatschef soll vor vier Jahren fรผr 4,5 Millionen Euro eine Villa in Forte dei Marmi an der toskanischen Kรผste gekauft haben โ โer war ja frรผher ein erfolgreicher Komiker“, erklรคrte die Sรผddeutsche in ihrem Bericht vom 26. Mรคrz. Ein Schelm, wer Bรถses dabei denkt, mรถchte man hinzufรผgen.
โEuer Kampf ist unser Kampf!“ (Ursula von der Leyen am 8. April in Kiew): Angefeuert vom Westen und vollgepumpt mit Waffen und Geld von den USA (bis heute 1,7 Milliarden Dollar) und der EU (1,5 Milliarden Euro), wird der Krieg auf unabsehbare Zeit verlรคngert. Der Blutzoll steigt, die ukrainischen Stรคdte versinken in Schutt und Asche, die Geberlรคnder โ an vorderster Front Deutschland โ hรคufen riesige Schuldenberge auf. Wie zu Zeiten des 1989/1990 zu Ende gegangenen Ost-West-Konflikts tobt wieder ein Stellvertreterkrieg, doch diesmal vor der eigenen Haustรผr, und niemand weiร, wie und wann er enden wird…

