Ist „Russophobie“ eine Erfindung Putins?

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Auf einer ganzen Seite ließ die „Süddeutsche Zeitung“ am 11. Juni dem bei nahezu allen deutschen Medien grassierenden Haß auf den „Kriegsverbrecher und Lügner“ Wladimir Putin freien Lauf. Die Dokumentarfilmerin Lena Karbe durfte in einem langen Interview berichten, wie sie heimlich auf Moskaus Straßen gedreht habe, um herauszufinden, wie es Menschen geht, die als „innere Emigranten“ Putins Krieg nicht unterstützen. Karbes Resümee:

„Innere Emigration wird handlungsfähig und politisch wirksam, wenn Parallelstrukturen entstehen, in denen Menschen in Wahrheit leben können. Dabei darf nicht vergessen werden: Im Russland von heute kann das Leben in Wahrheit physische Vernichtung bedeuten, nicht nur sozialen Ausschluss wie etwa in der Breschnew-Ära.“

Unter der Rubrik „Wer Russland kritisiert, ist krank“ zog der 1965 in Rom geborene und in München lehrende Slawist Riccardo Nicolosi, dessen Buch „Putins Kriegsrhetorik“ 2025 erschien, vom Leder: Wer Moskau verurteile, die Repression gegen Oppositionelle kritisiere oder die imperialen Ambitionen des Kreml benenne, sehe sich rasch dem Vorwurf ausgesetzt, nicht aus politischen oder moralischen Gründen zu handeln, sondern von einer „Russophobie“ getrieben zu sein – einer Mischung aus Angst vor Rußlands Macht und Haß auf seine Existenz. Erst durch die „autokratische und illiberale Wende des Putinismus“ nach den Massenprotesten von 2011/12, so Nicolosi, habe der Begriff die politische Bedeutung, die er bis heute habe:

„Damals begann die russische Führung, Russland nicht mehr primär als Nationalstaat, sondern als eigenständige ´Staatszivilisation´ zu definieren – als historisch gewachsene Gemeinschaft mit einer besonderen Kultur, Tradition und Mission. Kritik sowohl im Inneren als auch aus dem Westen erschien nun nicht mehr als politische Meinungsverschiedenheit, sondern als Angriff auf die Existenz dieser Zivilisation selbst. Seitdem hat sich die Russophobie zu einem ideologischen Schlüsselbegriff des Putinismus entwickelt.“

Leider vergaß Nicolosi im gesamten Artikel, darauf hinzuweisen, daß das, was er jetzt als „Putinismus“ bezeichnet, mehr als 100 Jahre alt ist. Der konservative Publizist Iwan Kirejewski führte bereits 1852 eine lange Reihe von Gegensatzpaaren an, um die definitive Unvereinbarkeit der russischen und der europäischen Geisteswelt wie auch der jeweiligen Institutionen (Staat, Wirtschaft, Kirche) und des Volkscharakters zu zeigen: Hier (in Rußland) intuitives Streben nach Ganzheitlichkeit – dort (im Westen) das vernunftgesteuerte Interesse an Abstraktion und Analyse; hier Klöster und kirchliche Seminare zur Erlangung „höheren“ Wissens – dort weltliche Universitäten und Akademien; hier Vorrang von „innerer Gerechtigkeit“ – dort die Herrschaft des Gesetzes zur Wahrung äußerlichen formalen Rechts; hier „Seelengemeinschaft“ des Volkes – dort Revolutionen und Kriege im Interesse des „Fortschritts“; hier Demut, Brüderlichkeit, Gelassenheit – dort Stolz, Ambition, Konkurrenz.

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Für Konstantin Leontjew, Schriftsteller und Religionsphilosoph, der 1891 im Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad starb, gab es für seine Heimat nur eine Bestimmung:

„Rußland muß sich vollständig von europäischen Gleisen lösen, einen völlig neuen Weg einschlagen und sich an die Spitze des intellektuellen und gesellschaftlichen Lebens der Menschheit stellen.“

Fjodor Dostojewski, neben Leo Tolstoi der bis heute berühmteste russische Schriftsteller, vertiefte 1880 anläßlich der Einweihung des Puschkin-Denkmals in Moskau jene angeblich heilsgeschichtliche Bestimmung:

„Ein wirklicher Russe, ganz Russe sein, heißt vielleicht nur, ein Bruder aller Menschen sein, ein Allmensch, wenn man so will…. Ich spreche von der Verbrüderung der Völker und davon, daß die russische Seele zu einer derartigen allmenschlichen Brudergemeinschaft vielleicht mehr als die Herzen aller anderen Völker vorbestimmt ist.“

Diese Zitate stammen aus der Zeit des erbitterten Streits zwischen Slawophilen und Slawophoben, den sogenannten „Westlern“. Die Bewegung der Slawophilie entstand in den 1830er Jahren. Ausgangspunkt war der „Erste Philosophische Brief“, den der 1794 noch im Zarenreich geborene Autor Pjotr Tschaadajew 1829 auf Französisch verfaßte und 1836 in der Zeitschrift „Teleskop“ erschien. Noch nie zuvor hatte jemand Rußlands Schwächen so deutlich angeprangert und das Land als rückschrittlich bezeichnet:

„Einsam stehen wir da in der Welt, haben ihr nichts gegeben, haben sie nichts gelehrt; wir haben keine einzige Idee zur Gesamtheit der menschlichen Ideen beigetragen; wir haben nichts zum Fortschritt des menschlichen Geistes beigesteuert, und alles, was von diesem Fortschritt zu uns kam, haben wir entstellt.“

Nach Veröffentlichung dieses Textes ließ Zar Nikolaus I. Tschaadajew für verrückt erklären und verbot ihm weitere Publikationen. Doch Tschaadajew arbeitete weiter und veröffentlichte noch im gleichen Jahr die „Apologie eines Wahnsinnigen“. Darin entwickelte er Thesen, die letztlich zu den Auseinandersetzungen zwischen Slawophilen und Westlern führten.

Die ersten Slawophilen, die Ukrainer und Weißrussen als Teil der „großen russischen Nation“ einstuften, hielten Europa, das durch Katholizismus und Protestantismus geprägt war, für moralisch korrupt. Westliche politische und wirtschaftliche Institutionen wie Verfassungen und Kapitalismus waren in ihren Augen Auswüchse einer morbiden Gesellschaft. Ihr Ideal war der russisch-orthodoxe Glaube, dem die Mehrheit des riesigen Zarenreiches angehörte und der das Volk zu einer christlichen Gemeinschaft schmiedete. Die russische Dorfgemeinschaft, organisiert als „Mir“, galt als ideale Verkörperung dieser Vorstellung. Eine autokratische Regierungsform war ihnen zufolge für ein geistig-religiös verbundenes Volk angemessen. Zar Peter der Große habe Rußland durch westlich orientierte Reformen jedoch ebenso korrumpiert wie Katharina die Große. Die Slawophilen wiederum forderten die Abschaffung der Leibeigenschaft, die schließlich 1861 erfolgte.

In der Außenpolitik hielten es die Slawophilen für ihre Pflicht, dem Westen zu raten, Rationalismus, Materialismus und Individualismus durch die in Rußland traditionell überlieferten Werte zu ersetzen. Demgegenüber traten die Westler für einen engen Anschluß Rußlands an die westeuropäische Kultur und für deren Übernahme ein. Zu ihren bedeutendsten Vertretern zählen der Autor und Philosoph Alexander Herzen sowie der Schriftsteller Iwan Turgenjew (1818-1883), der ab 1855 mit nur kurzen Unterbrechungen im Ausland, vornehmlich in Deutschland und Frankreich, lebte. Sein Roman „Väter und Söhne“ zählt nach wie vor zur Weltliteratur.


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