Ich weiร nicht, irgendwie habe ich das Gefรผhl, dass ein groรer Teil meiner Zeitgenossen aus der bรผrgerlichen Wohlstandswelt ausbrechen mรถchte um ihre โUnlust an der Kulturโ auszuleben. โDie Babyboomer-Generation ist aufgewachsen mit der Angst vor der Apokalypse. Millenials dagegen fรคllt der Ruf nach Waffenlieferungen leicht โ zum Glรผckโ Es ist wieder soweit. Das Kriegsgeheul hebt an. So wie der Schreiber dieses hier verlinkten Artikels, der zwischen den Zeilen auch noch seine Verachtung fรผr diejenigen durchblicken lรคsst, die zu Besonnenheit und Mรครigung aufrufen, dรผrfen sich in den Qualitรคtsmedien jetzt viele austoben. Die erste Frage wรคre, woher dieser Journalist seine Weisheiten nimmt. Meines Wissens gibt es noch keine gesicherten und differenzierten Erkenntnisse zur Einstellung zum Ukrainekrieg bezรผglich der Alterskohorten. Lassen wir es trotzdem erst einmal so stehen.
Lange Zeiten der Ruhe fรผhren dazu, dass uns wieder das Fell juckt. Wobei โunsโ eher die รผblichen Verdรคchtigen aus Medien und Politik meint. Sind tatsรคchlich bereits wieder hinreichend junge Menschen nachgewachsen, bereit, es darauf ankommen zu lassen? Hatte man bisher eher den Eindruck, wir hรคtten es mit einer โGeneration Jammerlappenโ zu tun, muss man nun feststellen, dass uns hier Helden nachgewachsen sind? Ich glaube es einfach nicht.
Ich halte die Erzรคhlung der Propaganda-Medien fรผr frei erfunden, die sich als โletzte Generationโ Bezeichnenden wรคren nun bereit fรผr den finalen Endkampf zwischen Gut und Bรถse. Man kann sich nur wundern โ Generation Y und Z (darf man Z eigentlich noch schreiben?): Angst vor Atomkraftwerken, vor Corona, vor dem Klimawandel, zum groรen Teil auch Angst vor der Arbeit. Life-Time-Balance war bisher das Wichtigste in ihrem Leben, wenig Arbeit, viel Spaร, Anstrengungsbereitschaft hochgradig defizitรคr โ nun plรถtzlich soll alles anders sein, die Angst wie weggeblasen? Atomkrieg? Ja, man muss ihn verhindern, aber wenn es denn gar nicht anders geht: โ…das Leben kehrt irgendwann zurรผck, so wie in Hiroshima und Tschernobylโ, so noch einmal der oben Zitierte. Wie verbrannt und vernebelt kann ein Gehirn nur sein?
Ein kurzer Blick zurรผck kann helfen. Dazu Zitate aus dem Kapitel โDie ersten Stunden des Krieges von 1914โ aus Stefan Zweigs Buch โDie Welt von gesternโ, geschrieben 1941:
โUnd trotz allem Haร und Abscheu gegen den Krieg mรถchte ich die Erinnerung an diese ersten Tage in meinem Leben nicht missen: Wie nie fรผhlten die Tausende und Hunderttausende Menschen, was sie besser im Frieden hรคtten fรผhlen sollen: daร sie zusammengehรถrten. Eine Stadt von zwei Millionen, ein Land von fast fรผnfzig Millionen empfanden in dieser Stunde, daร sie Weltgeschichte, daร sie einen nie wiederkehrenden Augenblick miterlebten und daร jeder aufgerufen war, sein winziges Ich in diese glรผhende Masse zu schleudern, um sich dort von aller Eigensucht zu lรคutern. Alle Unterschiede der Stรคnde, der Sprachen, der Klassen, der Religionen waren รผberflutet fรผr diesen einen Augenblick von dem strรถmenden Gefรผhl der Brรผderlichkeit. Fremde sprachen sich an auf der Straรe, Menschen, die sich jahrelang auswichen, schรผttelten einander die Hรคnde, รผberall sah man belebte Gesichter.โ
Und weiter:
โDie Generation von heute, die nur den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mitangesehen, fragt sich vielleicht: warum haben wir das nicht erlebt? Warum loderten 1939 die Massen nicht mehr in gleicher Begeisterung auf wie 1914? Warum gehorchten sie dem Anruf nur ernst und entschlossen, schweigsam und fatalistisch? Galt es nicht dasselbe, ging es eigentlich nicht noch um mehr, um Heiligeres, um Hรถheres in diesem unseren gegenwรคrtigen Kriege, der ein Krieg der Ideen war und nicht bloร einer um Grenzen und Kolonien?โ
Soweit die Einschรคtzungen eines Zeitzeugen. Einschub: Ein Zeitzeuge ist der natรผrliche Feind des Historikers. Kann doch ein Zeitzeuge, รคhnlich einem Frosch auf der Wiese, bestenfalls nur die Spitzen der Grashalme erkennen โ ein Adler sieht das ganze Bild, sieht alle Frรถsche, wie sie quakend und einander nicht sehend auf der Wiese verteilt sind. So jedenfalls die Lesart in der Historikerzunft. Mir selbst ist es immer erstaunlich, wenn 30jรคhrige Historiker, Absolventen einer linken, westdeutschen Universitรคt mir erklรคren, wie sich das Leben in Ostdeutschland zu Zeiten der Diktatur angefรผhlt haben muss. Es ist schon immer so gewesen, erst wenn der letzte Zeitzeuge gestorben ist, lรคuft die Historikerfraktion zu Hรถchstleistungen auf und erzรคhlt der Welt die Lรผge, auf die sie sich geeinigt haben. Sie nennen es dann Geschichte.
Mir kommt es so vor, als taumelten wir in Europa wieder in einen groรen Krieg weil die Zeit des Friedens zu lang war โ รผber 70 Jahre, รคhnlich wie 1914. Die sogenannte Boomer-Generation, zu der ich mich selbst zรคhle und die der Anfangs verlinkte Schreiber so verรคchtlich macht, hat zwar den Krieg auch nicht erlebt, hat aber wenigstens noch eine schwache Vorstellung davon, wie es war. Einer meiner Groรvรคter war in beiden Kriegen, der andere im Zweiten und in russischer Kriegsgefangenschaft.
Wieder werden wir in einen Krieg hineingelogen. Wieder spielen Zeitungen und Medien mit in der Einstimmung der Massen auf Entbehrungen. Stimmen, die zur Mรครigung, zum Innehalten aufrufen, werden nicht gehรถrt. Intellektuelle unterschreiben die Forderung nach Waffen und weiterer Eskalation. Angeblich kann nur so Frieden herbeigefรผhrt werden. Frieden schaffen mit noch mehr Waffen.
