โWorauf es ankommt, sind nicht die Jahre in deinem Leben, sondern es ist das Leben in deinen Jahrenโ. Denkt man รผber diesen vordergrรผndig ermutigenden Spruch etwas genauer nach, gerรคt man schnell in Konflikt mit dem eigenen Weltbild. Zu leicht vergisst man am Abend in geselliger Runde die Konsequenzen, die der genau genommen schon dritte รผber den Durst genossene Schoppen Wein am nรคchsten Morgen zeitigen wird, wenn die Pflicht wieder ruft.
So ist das eben mit diesen Sprรผchen. Ihre Interpretation ist situationsbedingt. Grundsรคtzlich ist das kein Problem, denn es liegt in der Natur des Menschen, sich Dinge schรถn zu reden und Entscheidungen vor sich selbst zu rechtfertigen. Gefรคhrlich wird es erst dann, wenn man beginnt, die Kontrolle รผber das eigene Leben zu verlieren, weil man die meisten seiner Handlungen von solchen Bonmots abhรคngig macht – nicht selten, ohne es zu bemerken. Um das etwas genauer darzulegen, sei ein Beispiel erlaubt: der Alltag. Wie lรคuft er in der Regel ab? Aufstehen, Frรผhstรผcken, Geld verdienen, Feierabend. Wรคhrend dieses Ablaufs werden wir permanent mit Werbesprรผchen bombardiert und verwenden Gegenstรคnde, die wir kรคuflich erworben haben. Sei es die Zahnpastatube, das T-Shirt, das wir tragen, das Auto und nicht zuletzt das Mobiltelefon, unser liebster stรคndiger Begleiter. Irgendetwas hat uns bei jeder der Anschaffungen dazu veranlasst, genau dieses Produkt zu kaufen.
Halten wir kurz inne und รผberlegen, was der genaue Auslรถser war: Preis, Qualitรคt, Lage im Supermarktregal, Verfรผgbarkeit? Wahrscheinlich spielt all das eine gewisse Rolle. Ist man jedoch ehrlich zu sich selbst, muss man sich eingestehen, dass sehr sehr hรคufig irgendein Werbespruch uns die Entscheidung aufgedrรคngt hat. โEs gibt sie noch, die guten Dingeโ – wer damit wirbt, hat in mir zum Beispiel einen potenziellen Kunden gefunden. โPower to Youโ verfรผhrt vielleicht einen anderen, genau diesen Internetanbieter zu wรคhlen. โWeils Spaร macht und schmecktโ lรคsst einem Dritten das Wasser im Mund zusammenlaufen.ย
Die Beispiele lieรen sich beliebig fortsetzen. Sie durchzuziehen unser Leben, seit Menschen Handel treiben, ja, wahrscheinlich schon viel lรคnger, denn es geht um nichts anderes als uns davon zu รผberzeugen, wir hรคtten einen Vorteil davon, wenn wir uns fรผr das Angebot eines bestimmten Anbieters entscheiden und nicht fรผr das eines anderen. Jede persรถnliche Entscheidung wird davon geleitet: Partnerwahl, der Beruf, bei welcher politischen Partei wir unser Kreuzchen machen. Wir sind manipulativ und lassen uns manipulieren.
Aber, wir wissen es, die Zeiten haben sich geรคndert. Es fand ein Wandel statt – auch in der Art und Weise, wie man uns manipuliert. Ging es bis vor wenigen Jahren noch darum, mรถgliche Interessenten fรผr ein Produkt zu gewinnen oder zu einer bestimmten Entscheidung zu รผberreden, werden heute in der alle Lebensbereiche umfassenden Werbung Narrative bedient, die geschickt miteinander verwoben und hochgradig politisiert sind. Dabei geht es nicht mehr darum, jemanden vom Vorteil zu รผberzeugen, sondern vielmehr darum, die eigene Grundeinstellung und das Weltbild zu formen. Dabei spielen Kriterien wie Langlebigkeit oder die Verbesserung der eigenen Lebensqualitรคt eine bestenfalls untergeordnete Rolle. โKaufe mein Produkt, dann bist du ein besserer Menschโ oder โWรคhle diese Partei, und die Welt wird bunterโ steht heute hinter all den Phrasen, die uns bewegen sollen, eine Entscheidung zu treffen. Der Ursprung des Gegenstands der Wahl ist dabei vollkommen zweitrangig, die Waren, Parteien, Universitรคten, Firmen, Stromanbieter sind austauschbar. Wenigstens solange sie dem vorgegebenen Mantra folgen. Wagt es doch einmal ein Dissident auszuscheren, wird er schnell in seine Schranken verwiesen. Ein Hollywoodfilm ohne Diversity? Viel Glรผck. Ein Computerspiel, das im Mittelalter angesiedelt ist und ganz ohne LGBTQ+ auskommt? Ein Teufelswerk. Eine wissenschaftliche Masterarbeit, die den Menschen gemachten Klimawandel hinterfragt? Abgelehnt.
Nein, es geht heute nicht mehr darum, sich als der beste zur Wahl stehende Kandidat zu prรคsentieren, um den Wรคhlenden fรผr sich zu gewinnen. Wir haben schlicht und ergreifend keine Wahl mehr. Man versucht, uns gleichzuschalten, Konkurrenz war gestern. Da hilft es auch nichts, wenn wir uns spรคter versuchen, einzureden, wir hรคtten uns richtig entschieden, indem wir uns eines netten Kalenderspruchs bedienen. Es mag am Ende das Leben in unseren Jahren und nicht die Jahre unseres Lebens zรคhlen, aber nur dann, wenn es auch unser Leben war, in dem wir wรคhlen konnten und das wir selbst bestimmt haben.ย

