โMein lieber Schwan!“ mรถchte man ausrufen, wรคre es nicht so abgeschmackt: Was Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin und Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, am 18. Juli in der Sรผddeutschen Zeitung zu Papier brachte, ist das Beste, was seit langem รผber die erforderliche Neuorientierung der westlichen Demokratien in hiesigen Gazetten zu lesen war.
Die von Kanzler Olaf Scholz am 27. Februar angesichts des russischen รberfalls auf die Ukraine proklamierte โZeitenwende“, so seine Parteigenossin, erfordere nicht nur eine neue Sicherheits- und Verteidigungspolitik, sondern stelle die gesamte Weltsicht des Westens in Frage. Diese unerlรครliche Umorientierung werde gravierende Folgen fรผr die zukรผnftige Politik haben.
Zwar รผbersieht auch Gesine Schwan wie nahezu alle Verfechter โwestlicher Werte“ den Balken im eigenen Auge. Putin wird unterstellt, er habe sich, indem er allein auf militรคrische Stรคrke baue, der Aufkรผndigung einer Weltordnung schuldig gemacht, โdie auf Regeln basiertโ; dieses Verbrechen unterminiere jede verlรครliche Kooperation. Nichts anderes jedoch hat der Westen, angefรผhrt von den USA, seit Jahrzehnten auf allen Kontinenten praktiziert. Ob in Lateinamerika, in Afrika, in Asien, selbst in Europa sind miรliebige Regierungen gestรผrzt, sind UN-Prinzipien wie die Nichteinmischung in innere Angelegenheiten, die Achtung der nationalen Souverรคnitรคt und der territorialen Integritรคt nach Belieben miรachtet worden, was den wackeren Streitern fรผr Demokratie und Menschenrechte seit Jahren den Vorwurf der Heuchelei und der Scheinheiligkeit eingebracht hat.
Gleichwohl muร man Gesine Schwan die Erkenntnis zugute halten, daร es lรคngst an der Zeit sei, wie Ruรland und China die eigenen Ambitionen etwa in Afrika und Sรผdamerika in strategische Kooperationen einzubetten, statt in jenen Lรคndern wie bisher mit besserwisserischer Politik alte Ressentiments zu festigen oder politische Forderungen zur Bedingung fรผr Hilfe und Zusammenarbeit zu stellen โ wie โGood Governanceโ, Klimaschutz oder eine Wirtschaftspolitik nach den Vorstellungen internationaler Organisationen.
Wir alle, so Gesine Schwans eigentlich selbstverstรคndliche Schluรfolgerung, leben in Abhรคngigkeit voneinander: โEine solidarische Kooperation mit dem globalen Sรผden ist keine Frage freiwilliger Groรzรผgigkeit des Nordens.โ Der Fortbestand der europรคischen Demokratien sei abhรคngig von den Optionen der Nicht-EU-Lรคnder โ von den USA sowieso, aber auch von den BRICS-Staaten (Brasilien, Ruรland, Indien, China, Sรผdafrika) und vielen anderen Lรคndern.
Diese Lektion muรte jetzt US-Prรคsident Joe Biden auf seiner Reise nach Saudi-Arabien auf รคuรerst peinliche Art lernen. Nach dem Gipfeltreffen am 17. Juli in Dschidda mit neun arabischen Staaten stellte der saudische Auรenminister Prinz Faisal klar, es gebe nicht โso etwas wie eine arabische NATO“, und man habe auch nicht, wie Biden im Vorfeld in Aussicht stellte, รผber ein mรถgliches Verteidigungsbรผndnis mit Israel diskutiert. Statt dessen erklรคrte der Prinz seinem amerikanischen Gast in schulmeisterlichem Ton: โWir wissen, was wir wollen, und wir wissen, was wir erreichen kรถnnen. Wir warten nicht darauf, daร jemand unsere Bedรผrfnisse erfรผllt.โ
Und auch Kronprinz Mohammed bin Salman verbat sich die รผblichen moralischen Belehrungen aus westlichem Mund. Es sei wichtig zu wissen, daร jedes Land andere Werte habe und respektiert werden mรผsse. Gegenรผber dem Blatt Al Arabyia fรผgte er hinzu: โWenn wir davon ausgehen, daร die USA nur mit Staaten Geschรคfte machen, die hundertprozentig ihre Werte teilen, dann wird es auรer der NATO keine Lรคnder geben, die sich darauf einlassen.“ Selbst am Golf haben sich die Zeiten geรคndert.
Gesine Schwans Forderung, die im Zuge des Ukraine-Kriegs ausgerufene โZeitenwende“ mรผsse auch in der Auรenpolitik zu einer grundsรคtzlichen Neuorientierung der westlichen Demokratien fรผhren, ist lรคngst รผberfรคllig. Ob ihr Folge geleistet wird und die westliche Arroganz ein Ende findet, dรผrfte sich spรคtestens im Herbst zeigen, wenn in Europa die Wohnungen kalt zu bleiben drohen. Bidens Nahost-Reise, so zieht Stefan Kornelius, Politikchef der Sรผddeutschen Zeitung und รผberzeugter Transatlantiker, seine bittere, aber realistische Bilanz, โillustriert den Verfall der amerikanischen Autoritรคt, sie lรครt die Fliehkrรคfte sichtbar werden, die in einer inzwischen mehrpoligen Welt wirken“.

