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Der arrogante Westen verrennt sich

22. Juli 2022
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โ€žMein lieber Schwan!“ mรถchte man ausrufen, wรคre es nicht so abgeschmackt: Was Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin und Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, am 18. Juli in der Sรผddeutschen Zeitung zu Papier brachte, ist das Beste, was seit langem รผber die erforderliche Neuorientierung der westlichen Demokratien in hiesigen Gazetten zu lesen war.

Die von Kanzler Olaf Scholz am 27. Februar angesichts des russischen รœberfalls auf die Ukraine proklamierte โ€žZeitenwende“, so seine Parteigenossin, erfordere nicht nur eine neue Sicherheits- und Verteidigungspolitik, sondern stelle die gesamte Weltsicht des Westens in Frage. Diese unerlรครŸliche Umorientierung werde gravierende Folgen fรผr die zukรผnftige Politik haben.

Zwar รผbersieht auch Gesine Schwan wie nahezu alle Verfechter โ€žwestlicher Werte“ den Balken im eigenen Auge. Putin wird unterstellt, er habe sich, indem er allein auf militรคrische Stรคrke baue, der Aufkรผndigung einer Weltordnung schuldig gemacht, โ€ždie auf Regeln basiertโ€œ; dieses Verbrechen unterminiere jede verlรครŸliche Kooperation. Nichts anderes jedoch hat der Westen, angefรผhrt von den USA, seit Jahrzehnten auf allen Kontinenten praktiziert. Ob in Lateinamerika, in Afrika, in Asien, selbst in Europa sind miรŸliebige Regierungen gestรผrzt, sind UN-Prinzipien wie die Nichteinmischung in innere Angelegenheiten, die Achtung der nationalen Souverรคnitรคt und der territorialen Integritรคt nach Belieben miรŸachtet worden, was den wackeren Streitern fรผr Demokratie und Menschenrechte seit Jahren den Vorwurf der Heuchelei und der Scheinheiligkeit eingebracht hat.

Gleichwohl muรŸ man Gesine Schwan die Erkenntnis zugute halten, daรŸ es lรคngst an der Zeit sei, wie RuรŸland und China die eigenen Ambitionen etwa in Afrika und Sรผdamerika in strategische Kooperationen einzubetten, statt in jenen Lรคndern wie bisher mit besserwisserischer Politik alte Ressentiments zu festigen oder politische Forderungen zur Bedingung fรผr Hilfe und Zusammenarbeit zu stellen โ€“ wie โ€žGood Governanceโ€œ, Klimaschutz oder eine Wirtschaftspolitik nach den Vorstellungen internationaler Organisationen.

Wir alle, so Gesine Schwans eigentlich selbstverstรคndliche SchluรŸfolgerung, leben in Abhรคngigkeit voneinander: โ€žEine solidarische Kooperation mit dem globalen Sรผden ist keine Frage freiwilliger GroรŸzรผgigkeit des Nordens.โ€œ Der Fortbestand der europรคischen Demokratien sei abhรคngig von den Optionen der Nicht-EU-Lรคnder โ€“ von den USA sowieso, aber auch von den BRICS-Staaten (Brasilien, RuรŸland, Indien, China, Sรผdafrika) und vielen anderen Lรคndern.

Diese Lektion muรŸte jetzt US-Prรคsident Joe Biden auf seiner Reise nach Saudi-Arabien auf รคuรŸerst peinliche Art lernen. Nach dem Gipfeltreffen am 17. Juli in Dschidda mit neun arabischen Staaten stellte der saudische AuรŸenminister Prinz Faisal klar, es gebe nicht โ€žso etwas wie eine arabische NATO“, und man habe auch nicht, wie Biden im Vorfeld in Aussicht stellte, รผber ein mรถgliches Verteidigungsbรผndnis mit Israel diskutiert. Statt dessen erklรคrte der Prinz seinem amerikanischen Gast in schulmeisterlichem Ton: โ€žWir wissen, was wir wollen, und wir wissen, was wir erreichen kรถnnen. Wir warten nicht darauf, daรŸ jemand unsere Bedรผrfnisse erfรผllt.โ€œ

Und auch Kronprinz Mohammed bin Salman verbat sich die รผblichen moralischen Belehrungen aus westlichem Mund. Es sei wichtig zu wissen, daรŸ jedes Land andere Werte habe und respektiert werden mรผsse. Gegenรผber dem Blatt Al Arabyia fรผgte er hinzu: โ€žWenn wir davon ausgehen, daรŸ die USA nur mit Staaten Geschรคfte machen, die hundertprozentig ihre Werte teilen, dann wird es auรŸer der NATO keine Lรคnder geben, die sich darauf einlassen.“ Selbst am Golf haben sich die Zeiten geรคndert.

Gesine Schwans Forderung, die im Zuge des Ukraine-Kriegs ausgerufene โ€žZeitenwende“ mรผsse auch in der AuรŸenpolitik zu einer grundsรคtzlichen Neuorientierung der westlichen Demokratien fรผhren, ist lรคngst รผberfรคllig. Ob ihr Folge geleistet wird und die westliche Arroganz ein Ende findet, dรผrfte sich spรคtestens im Herbst zeigen, wenn in Europa die Wohnungen kalt zu bleiben drohen. Bidens Nahost-Reise, so zieht Stefan Kornelius, Politikchef der Sรผddeutschen Zeitung und รผberzeugter Transatlantiker, seine bittere, aber realistische Bilanz, โ€žillustriert den Verfall der amerikanischen Autoritรคt, sie lรครŸt die Fliehkrรคfte sichtbar werden, die in einer inzwischen mehrpoligen Welt wirken“.

ABOS

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