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Wo bitte gehts lang zur Heimat?

25. Juli 2022
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Heimat, das ist nicht nur ein Begriff mit stupider Definition. Nein. Vielmehr ist es dieses Gefรผhl, welches sich in einem breit macht, wenn man die Region betritt, aus der man alles mitgenommen hat, um die Version seiner selbst zu werden, die man jetzt ist. Wer in seiner Heimat zu Hause ist, der darf sich glรผcklich schรคtzen. Denn er hat das hรถchste MaรŸ aller Dinge erreicht. Der Ort, an dem man sich aufgehoben fรผhlt, mit dem man verwurzelt ist, ist es also, in dem man noch lebt und sein Zuhause hat. Also per se: Heimat kannst du nicht erklรคren. Entweder man hat eine Heimat oder man hat sie eben nicht.

Sie merken, lieber Leser, selbst mir, als absolute Heimat-liebende, fรคllt es schwer, diesen Begriff in Worte zu fassen. Wichtige Dinge lassen sind einfach nicht in ein, zwei Sรคtzen sagen. Also legen wir los.

Ich bin seit einigen Tagen unterwegs. Weit weg von meinem Zuhause, meiner Region, meiner Heimat. Doch der Rรผckweg steht an. Ich durchquere versiffte GroรŸstรคdte, uralte Dรถrfer und fahre vorbei an Feldern und Wiesen. Obwohl das ein oder andere Stรผckchen Natur, รคhnlich der meinen, in der Heimat ist, spรผre ich, dass das hier eben nicht meine Heimat ist. Es ist seltsam. Der Acker sieht genau so aus, wie daheim, aber ich fรผhle mich hier trotzdem nicht heimisch. Klingt verrรผckt, ich weiรŸ. Es ist nun aber so โ€“ fahre ich wieder zurรผck in die Heimat, spรผre ich instinktiv, dass ich hier angekommen bin. Der Acker, der mir vor hundert Kilometern noch so fremd erschien, ist jetzt das genaue Gegenteil davon. Die Sonnenstrahlen fallen auf die Weizenfelder und ein wohliges Gefรผhl, man kรถnnte schon sagen Erleichterung, macht sich breit. Erleichterung, wieder an dem Ort zu sein, den man fรผr sich als Heimat anerkennt, weil man die letzten Jahrzehnte hier unterwegs war. Jeden Baum und jeden Strauch kennt. Man weiรŸ ganz genau, wo die leckersten Kirschen vom Baum zu holen sind. Welcher Bauer die besten Kartoffeln hat und wo der fantastischste Platz im Universum ist, um bei Kerzenschein einem Gewitter zu lauschen.

Jaja klar. Man kann das alles quasi auch รผberall sonst auf diesem netten Planeten tun, ABER das Gefรผhl ist nicht dasselbe. Es ist womรถglich nicht einmal das Gleiche. Nein. Es ist รคhnlich, es erinnert an โ€žzu Hauseโ€œ, besser noch, es erinnert an die eigene Heimat. Etwas in uns signalisiert, dass wir mit dieser Region, spezieller noch mit einem Ort, so stark verwurzelt sind. Wir ziehen diese Eindrรผcke stets und stรคndig, als unterschwellige Referenz in Betracht.

Sich der eigenen Heimat verbunden zu fรผhlen, hat nichts mit mangelnder Kompetenz zu tun, seine Komfortzone zu verlassen. Im Gegenteil. Es beschreibt die Fรคhigkeit eines Menschen auch รผber hunderttausende Kilometer Entfernung eine Verbindung zu seiner Heimat herstellen zu kรถnnen. Es hat auch nichts damit zu tun, dass man es ablehnt Neues zu erfahren, zu sehen, zu lernen oder zu reisen. Ich war auch schon in Norwegen angeln, bin auf den Vesuv gewandert, war am Ngapali Beach in Myanmar schnorcheln, fuhr Ski in den Alpen und war in Bangkok feiern. Das war auch alles ganz wunderbar und ich habe viel erleben dรผrfen. Dies รคndert trotzdem nichts an meiner allgegenwรคrtigen und immer bestehenden Verwurzlung mit meiner Heimat.

Wenn ich hier ankomme, fรผhle ich mich geborgen. Wenn ich dann noch alle Menschen um mich herum habe, die dieses Gefรผhl stรคrken, ist die Welt in Ordnung. Heimat ist der Platz fรผr mich, an dem ich zur Ruhe komme. An dem ich mich aufgehoben fรผhle, ganz gleich, was passiert ist oder passieren wird. Meine Heimat gibt mir Freiheiten, die ich woanders nie hรคtte, weil ich mir dort gar nicht das erlauben kรถnnte, was ich hier unbeschwert tun kann. Was auch daran liegt, dass ich hier nicht damit zu rechnen habe, auf Unverstรคndnis extremen AusmaรŸes zu stoรŸen. Es herrscht keine Angst, was kรถnnte passieren, wenn ich jetzt dieses oder jenes tue?! Um mal wieder etwas gegen die Stadt zu hetzen โ€“ dort kรถnnte ich nicht unangeschnallt und nur im Bikini bei 39ยฐ herumfahren. Was passieren wรผrde, wenn ich dies doch tรคte, kann sich wohl jeder ausmalen. Nun ja, hier kann ich das machen. Es stรถrt niemanden, es provoziert niemanden, es geht mir keiner auf die Nerven und umgekehrt auch nicht.

Um aber zurรผck zum Wesentlichen zu kommen โ€“ deine Heimat ist nicht der Ort, an den du gerade gezogen bist, um dort fรผr ein paar Jahre zu arbeiten. Es ist auch nicht dort, wo du dich so fรผhlst, wie in der Heimat. Vielmehr ist die Heimat eben eine Kombination aus verschiedenen Komponenten. Der Verwurzlung an sich, sich zu etwas zugehรถrig zu fรผhlen, einen Platz in der Welt, den es schon gab, bevor man selbst existierte. In der Heimat fรผhlt man sich geborgen, aufgehoben, sicher, behรผtet, beschรผtzt, frei und verbunden.

Jeder sollte sich dieses Gefรผhl bewahren. Wann immer er kann. Wer befรผrchtet dieses Heimatgefรผhl verloren zu haben, der sollte zurรผck an den Platz gehen, den er seine Heimat nennt. Um dann dort etwas zu tun, dass er unmittelbar mit dieser verbindet. Dazu reicht es manchmal schon, einfach Beeren aus dem Garten der Eltern zu naschen, im grรผnen Gras zu liegen oder barfuรŸ durch den Wald zu laufen. Mรถglich wรคre es auch, auf dem verstaubten Dachboden oder im Baumhaus nach verborgenen Schรคtzen zu suchen. Oder seine Kumpels von frรผher anzurufen, um sich zum Biertrinken und FuรŸballspielen auf dem Bolzplatz zu treffen. Oder man fรคhrt nachts an den See, um nackt baden zu gehen und sich die Sterne anzuschauen.

Egal, was es ist, die Hauptsache bleibt, dass man nie vergisst, wo man herkommt und sein Heimatgefรผhl hegt und pflegt, wie eine alte, innige Freundschaft.

ABOS

Bรผcher

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