Von klein auf trichterte mir meine Mutter ein, dass es nichts Schlimmeres gรคbe, als Geschirr, welches nicht zueinander passt, Tassen ohne Untertassen auf den Tisch zu stellen, Brettchen statt Teller zu benutzen, weniger als sechs Teile von jedem Service zu besitzen oder nicht genรผgend Schรผsseln zu haben, um das Essen auf dem Tisch zu platzieren โ Todsรผnden.
Versteht mich nicht falsch. Ich esse nur zu gern Butterstulle und dazu ยดne Fischbรผchse. Fisch, direkt aus der Dose in den Mund. Ohne Teller. Spitzenmรครig. Vermutlich ist das die stille Rebellion gegen die Vorschriften, die sonst am Kรผchentisch meiner Mutter herrschen. Wer weiร.
Wer keine Untertasse benutzt, hat die Kontrolle รผber sein Leben verloren
Ebenso wenig habe ich ein Problem damit, mal keine Untertasse zu bekommen. Und klar kann man jetzt sagen โmir doch Wurscht, wovon ich meine Stulle esseโ – Aber Menschen รผber 20, die keinen anstรคndiges Kรผcheninterieur besitzen, die haben in meinen Augen einfach ganz viel aufzuholen.
Dies mag womรถglich meiner strengen Tischkultur-fixierten-Erziehung geschuldet sein, oder eben der Tatsache, dass ein hรผbsch gedeckter Tisch, ein Gefรผhl von Heimat und Geborgenheit vermittelt. Im Endeffekt ist es mir aber auch gleich, woher diese Rรผhrseligkeit stammt, solange sie mir Freude bereitet.
Jedenfalls geht das so weit, dass ich, wenn ich den Tisch decke, alles genau aufeinander abgestimmt sein muss. Die Servietten passen zu den Untertellern und der Tischdecke, die Blumen auf dem Tisch passen zu den Kerzen, es steht genau fest, welches Getrรคnk in welchem Glas serviert wird und so weiter und sofort.
Alles unter Kontrolle!
Wer jetzt denkt โ die ist doch irre, der hat eventuell recht. An meinem letzten Geburtstag konnte ich meine Zwangsneurose in vollem Umfang ausleben. Schon Wochen vorher dachte ich darรผber nach, wie ich den Tisch decken wรผrde. Ich schrieb die Getrรคnkekarte, รผberlegte mir ein Menรผ und verfasste meterlange Einkaufslisten.
Als der Tag der Tage dann endlich gekommen war, dekorierte ich รผppig mit Blumen und Kerzen und versuchte in meiner (fรผr mich viel zu kleinen) Kรผche ein System zu entwickeln, alles hinzubekommen, was ich mir vorgenommen hatte.
Nach einem opulenten Festmahl aus Schrimps auf Salat mit Granatapfelkernen, Roastbeef an Ofenkartoffeln, Crรชpes mit Frรผchten und Unmengen von Cocktails, war ich kaputt, aber satt und zufrieden. Die Zufriedenheit rรผhrt auch daher, dass mich die Anwesenheit der schier unzรคhlbaren Geschirrservices weitaus entspannter in die Zukunft blicken lรคsst. Sollte ich, weiร Gott warum, einmal auf dem Trockenen sitzen, dann versteigere ich einen Teil einfach auf eBay. Damit sollte ich dann eine Weile รผber die Runden kommen.
Porzellan!
Du glaubst mir nicht? Dann such online nach โVilleroy & Boch Salz- und Pfefferstreuer French Gardenโ. Wenn man dafรผr schon knapp 200 Mรผcken hinlegt, dann muss an der ganzen Geschichte doch was dran sein. Wer nicht weiร, wie er am besten investieren kann, dem rate ich eins: kauf Porzellan-Geschirr.
Was soll ich denn damit? Ich lass mir mein Essen immer liefern! Ich kann nicht kochen! Geschirr besitzen doch nur alte Omas!!
Tja, du Lump! Ich hoffe, dass ich dir diese absurden Gedanken nach den kommenden Zeilen ausgetrieben habe. Hier, fรผr alle Unerfahrenen, einige Vorteile im รberblick:
Punkt 1: es ist nรผtzlich, essen muss man ja immer.
Punkt 2: du kaufst hochwertiges Geschirr und erfreust dich jeden Tag daran, wenn du davon isst.
Punkt 3: deine Frau freut sich noch mehr, weil ihre Kochkรผnste endlich auf der Bรผhne prรคsentiert werden, auf die sie gehรถren.
Punkt 4: es ist eine stabile Wertanlage. Vorausgesetzt, das Geschirr bleibt heil.
Punkt 5: ihr kรถnnt es an eure Kinder und Enkel vererben.
Punkt 6: du beweist einfach Klasse, indem du dir nicht den hรคsslichen Scheiร von IKEA zulegst.
Und noch ein Punkt, der dich zum Kauf beflรผgeln sollte:
Stell dir doch nur mal vor, die zukรผnftigen Schwiegereltern kommen zu Besuch. Lieschen Mรผller backt einen Kuchen und es gibt Tee und Kaffee. Aber dann, oh Schreck, stehen nur die verblassten Werbetassen von Jacobs Krรถnung auf dem Tisch, mit der Plaste-Tischdecke der letzten Silvesterparty, wรคhrend aus allen Schรผben hektisch die drei Kuchengabeln zusammengesucht werden, obwohl man ja eigentlich vier braucht. Zum Glรผck sind noch ein paar Essstรคbchen vom Asia da, das wird schon gehen.
Um dieser Misere zu entgehen, rate ich es, vorbereitet zu sein. Legt euch einen VERNรNFTIGEN Besteckkasten zu. Dazu ein komplettes Geschirrservice, Schรผssel, Unterteller โ den ganzen Firlefanz. Ihr werdet es nicht bereuen.
Und fรผr die Kerle:
Meinst du aber in deiner Junggesellenbude zu wenig Platz fรผr Geschirr zu haben und isst sowieso nur bei Mutti? Dann denk darรผber nach, Aktien einiger namhaften Porzellanmarken zuzulegen. Vorzugsweise deutsche Traditionsunternehmen.
In diesem Sinne โ hoch die Tassen!
