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Filmkritik: Der Fall Richard Jewell (2019)

19. Januar 2024
in 3 min lesen

Was fรผr eine Geschichte: Da sorgt ein Sicherheitsbeamter auf einer GroรŸveranstaltung dafรผr, dass nach dem Auffinden eines herrenlosen Gepรคckstรผcks das Gelรคnde gerรคumt wird, und verhindert so ein riesiges Blutbad. Denn das Gepรคckstรผck ist in der Tat eine Bombe, ein Sprengsatz ummantelt mit Nรคgeln, konstruiert, um mรถglichst viele Menschen zu tรถten und zu verstรผmmeln. Die Bombe wird hochgehen, sie wird einen Menschen tรถten und 111 weitere verletzen โ€“ aber ohne die Absperrung und Evakuierung wรคre diese Zahl sicherlich um ein Vielfaches hรถher gewesen.

Der Sicherheitsbeamte ist nun ein Held, auch wenn er typisch amerikanisch versichern wird, dass er โ€žnur seinen Job getanโ€œ hat. Natรผrlich gefรคllt ihm die wohlwollende Aufmerksamkeit. Recht und Ordnung, das ist sein Ding. Vielleicht ist er zu Hรถherem berufen, vielleicht empfiehlt ihn seine Heldentat fรผr den Polizeidienst? Denn da wollte er immer hin…

Doch auf den Rausch folgt das Gewitter: Das FBI รคchzt unter dem Ermittlungsdruck und braucht dringend einen Verdรคchtigen. Und kรถnnte das nicht ausgerechnet dieser Sicherheitsbeamte sein, der nun รผberall als Held herumgereicht wird? Was sind die Fakten: Der Mann ist ein รผbergewichtiger Waffensammler, er lebt alleinstehend bei seiner Mutter, er ist weiรŸ, er hat sich schon im Rahmen vergangener Anstellungen als Wichtigtuer aufgespielt, kurz: Er ist der perfekte Bombenleger.

Dieser Verdacht wird vom FBI an die Presse durchgestochen, und jetzt beginnt die Hetzjagd, jetzt setzt sich die Verleumdungsmaschinerie in Gang, und der Mann, der tags zuvor noch als sympathischer Held galt, wird in den Medien nun als Monster dargestellt.

Die Geschichte ist wahr: Der Bombenanschlag fand am 27. Juli 1996 im Centennial Olympic Park statt, und wenn Richard Jewell in den Wochen darauf den Fernseher anschaltete oder die Zeitung aufschlug, dann erfuhr er dort รผber sich, dass er ein โ€žfetter, gescheiterter ehemaliger Hilfssheriff [sei], der die meiste Zeit als Schรผlerlotse gearbeitet hatte und daran gescheitert war, es zu mehr zu bringenโ€œ. Das FBI nahm ihn in die Mangel und versuchte mit fragwรผrdigen Methoden, ihm ein Gestรคndnis abzuringen. Ein widerwรคrtiger Strom aus Beschuldigungen, Lรผgen und Beleidigungen ergoss sich รผber ihn. Jedes private Detail wurde von einem ekelerregenden Mediensystem vor aller ร–ffentlichkeit genรผsslich ausgebreitet.

Grundrechte. Was ist das? Selbst ein Staat, dessen Verfassung sich auf die Freiheit des Einzelnen stรผtzt, kann im Handumdrehen diesem Einzelnen seine Rechte, seine Freiheit und den Schutz seiner Privatsphรคre nehmen. Begleitet wird dieses โ€žkรคlteste aller kalten Ungeheuerโ€œ dabei vom hyรคnenhaften Medienmob, der 88 Tage lang die Wohnung der Jewells belagerte. Zwischen Richard Jewell und dem Staat steht im Film lediglich der charismatische Anwalt Watson Bryant, der seinem gutglรคubigen und trotz allem obrigkeitshรถrigen Mandanten immer wieder einblรคuen muss, dass er nicht mit jenen kooperieren darf, die ihn bloรŸ fertigmachen wollen.

Mit der leisen Hoffnung auf gute Unterhaltung, aber ansonsten ohne groรŸe Erwartungen, wurde ich von dem Film mehr als positiv รผberrascht. Zunรคchst einmal ist die Geschichte faszinierend, weil sie sich so zugetragen hat. Und genau das macht sie gleichzeitig auch auf eine nachhaltige Art und Weise bedrรผckend. Amerika ist weit weg, dort gibt es wenigstens so etwas wie ein Bewusstsein fรผr die Verfassung und die mit ihr verbrieften Rechte des Einzelnen. Dort konnte ein Anwalt fรผr Jewell in den Ring steigen und sich beherzt gegen das FBI und die Medien werfen. Bei uns geht das nicht, hier gibt es รผberhaupt kein Bewusstsein fรผr das Recht und die Freiheit des einzelnen Bรผrgers. Repetitives Verweisen auf die โ€žFDGOโ€œ โ€“ schon diese behรถrdensprachliche Abkรผrzung spottet jeder Beschreibung โ€“, mehr ist nicht drin fรผr Michel, wenn er das Pech hat und seinen Namen plรถtzlich bei โ€žCorrectivโ€œ oder auf einem Antifa-Steckbrief findet. Grundrechte? Fรผr deren Entzug darf man ja seit Neuestem Unterschriften sammeln. Unter 80 Deutschen findet sich immerhin ein Gesinnungsnazi, der bei diesem Formalakt der Entrechtung und Entmenschlichung mitmacht.

Das ist meiner Meinung nach die ganz groรŸe Botschaft des Films. Neben diesem weiten Bogen, der geschlagen werden kann, ist es die Darstellung von Richard Jewell selbst, die mir gefallen hat. Ein weiรŸer, รผbergewichtiger Typ mit plakativer Vorstellung von Recht und Ordnung, ein bisschen kindhaft und doch das Herz am rechten Fleck tragend. Ein typischer Amerikaner eben, der โ€žnur seinen Job tutโ€œ โ€“ auch so eine typisch amerikanische Floskel. Regisseur Clint Eastwood hat etwas fรผr diese einfachen Leute รผbrig und zeichnete auch schon in vergangenen Filmen diese Archetypen gekonnt nach. Anwalt Watson Bryant passt als einsamer Rรคcher ebenfalls in dieses Bild und erinnert โ€“ gewollt oder ungewollt โ€“ an die frรผhen Filmrollen Eastwoods.

Um zum Ende zu kommen: Schaut Euch den Film an.

ABOS

Bรผcher

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