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Ab ins Museum

8. Mai 2024
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Wann warst du zuletzt im Museum? Und warum warst du so lange nicht? Die meisten Antworten auf diese Frage werden wahrscheinlich lauten: โ€žAlte Kunst ist alt, verstaubt und interessiert mich nichtโ€œ, oder: โ€žPostmoderne Kunst ist hรคsslichโ€œ. Auf den ersten Blick sind das zwei valide Punkte: Wenn nicht gerade ein Klimakleber Gemรคlde mit Tomatensuppe vollschรผttet, wรคchst die Staubschicht auf den alten Bildern von Jahr zu Jahr. Bei den modernen Bildern wรผrde man nicht wissen, ob die Tomatensuppe Teil des Kunstwerks ist.

Doch die Grรผnde hรคngen maรŸgeblich miteinander zusammen: Bereits im frรผhen 20. Jahrhundert wollten die italienischen โ€žFuturistenโ€œ, die maรŸgeblich von Nietzsche inspiriert waren, alle bisherigen Kunststile รผberwinden. Sie wollten nur noch fรผr die zukรผnftige Kunst leben, alles Alte einreiรŸen und so mit dem Nihilismus ihrer Zeit brechen. Der Futurismus ist die einzige avantgardistische Kunstbewegung, deren Existenz durch ein Grรผndungsmanifest ins Leben gerufen wurde. Heute wie damals lรคsst sich die futuristische Kunst am besten als โ€žunzeitgemรครŸโ€œ beschreiben, einige Parallelen zur Postmoderne sind aber deutlich erkennbar. So heiรŸt es in den elf Thesen des Manifests: โ€žEin aufheulendes Auto, das auf Kartรคtschen zu laufen scheint, ist schรถner als die Nike von Samothrakeโ€œ, โ€žSchรถnheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk seinโ€œ, oder: โ€žWir wollen den Krieg verherrlichen โ€“ diese einzige Hygiene der Welt โ€“, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schรถnen Ideen, fรผr die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.โ€œ Na gut, den letzten Punkt wรผrden die meisten Kรผnstler vielleicht nicht unterschreiben, was aber nur von ihrer radikalen Antiradikalitรคt zeugt, egal, wie nonkonform sie sich geben.

Mit Aussagen wie diesen ist es nicht verwunderlich, dass die Futuristen mit Begeisterung in den Ersten Weltkrieg zogen. Wie auch in Deutschland ebbte die anfรคngliche Hurra-Stimmung schnell ab. Viele der Avantgarde-Kรผnstler starben, die Politisierung der Kunst in verschiedenen politisch-revolutionรคren Strรถmungen tat ihr รœbriges. Die โ€žFuturistenโ€œ als einheitliche Kรผnstlergruppe lรถsten sich nach dem Krieg auf; sie schlossen sich den Faschisten, den Anarchisten oder den Bolschewisten an. Hauptsache neu, Hauptsache gewaltig und Hauptsache politisch: Die ach so unabhรคngige Postmoderne schaffte das erste Mal eine Persiflage auf die Kunst. Mit eben jenem Kunstbegriff schรผtzten sie ihre innovativen Klecksereien vor Kritik.

Die zentrale Idee des Futurismus, die รœberwindung um jeden Preis, zeigte sich im Zweiten Weltkrieg von ihrer brutalsten Seite. Der Versuch, durch einen radikalen Kulturbruch neue Verhรคltnisse zu schaffen, endete zwar in der Zerstรถrung alter Strukturen, auรŸerhalb dieser Destruktivitรคt hatte der Vulgรคrvitalismus, mit seiner tรถricht blasierten Ignoranz dem Alten gegenรผber, aber wenig zu bieten. Das zeigt auch der zehnte Punkt des futuristischen Manifests: โ€žWir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstรถren (โ€ฆ).โ€œ

Aufgebaut wurde nichts, und รผbrig blieben nur Trรผmmer โ€“ doch das zwanghaft Innovative und die Verachtung des Altehrwรผrdigen wurden durch die Postmoderne รผber die Zeit gerettet. Kaum etwas davon entspricht dem Schรถnheitsempfinden des normalen Bรผrgers, der auch aus diesem Grund Museen lieber meidet. So hat sich auch der Hass auf Museen als Friedhรถfe vergangener Kunstrevolutionen erhalten. Fรผr die meisten Kรผnstler bedeutet ein Werk im Museum, Teil des Establishments oder der Vergangenheit und nicht Teil der Avantgarde zu sein. Mit dem Futurismus wurde die zwanghafte รœberwindung erstmals Programm; die Angst postmoderner Kรผnstler vor den Museen hat sich seitdem gut 100 Jahre gehalten. Wie der Futurismus will moderne Kunst heutzutage nur noch schocken, neu sein und Emotionen auslรถsen. Die immer verlierenden Konservativen dagegen wollen um jeden Preis erhalten und klammern sich an eine zufรคllige Zeit fest.

Wie aber gelingt eine kรผnstlerische Revolution, wenn weder die Moderne noch die Nostalgiker Lรถsungen bieten? Es ist eigentlich ganz einfach. Die Fehler der Futuristen mรผssen gemieden werden, รœberwindung um den Preis der Schรถnheit fรผhrt nur zu noch mehr Nihilismus.

Jede Stilepoche hatte ihre groรŸen Revolutionรคre, die zwar zeit ihres Lebens unverstanden und arm waren, aber meist postum zu Weltruhm gelangten. In unserer Zeit ist das รœberwinden des Hรคsslichen, des Zufรคlligen, Banalen oder Skurrilen besonders leicht. Schlichte Schรถnheit und Stรคrke ist der Dorn im Auge der gesellschaftspolitischen Machthaber. Nicht umsonst streben sie die totale Gleichheit an, in der absolut jeder Kunst produzieren und konsumieren kann. Diese innovative โ€žKunstโ€œ der Postmoderne wird in 100 Jahren lediglich als ein nihilistischer Erguss einer stumpfsinnigen Zeit gelten. Dass jede Art von Avantgarde am Ende im Museum landet, ist dabei vรถllig logisch. Auch die Futuristen traf dieses Schicksal: Das Werk โ€žEinzigartige Formen der Kontinuitรคt im Raumโ€œ des bekannten Futuristen Umberto Boccioni ziert heute ironischerweise die italienische 20-Cent-Mรผnze.

Was fรผr die kommenden Generationen zรคhlt? Der รคsthetische Wert, nicht die Innovation an sich. Es gibt keine grรถรŸere Inspiration als das Bewundern der Werke alter Meister, die den Geist Europas maรŸgeblich geprรคgt haben. Bei ihnen lรคsst sich lernen, wie Schรถnes mit Schรถnem รผberwunden werden kann, wie Revolution und Protest und letztlich auch, wie Integritรคt und Talent funktionieren. Wer die derzeitigen Zustรคnde verkehren will, muss dem Etablierten zum Trotz handeln. Dafรผr ist der Museumsbesuch notwendig, und die neue Kunst darf und soll sich selbstverstรคndlich an schรถnen Kontinuitรคten vergangener Kunststile bedienen. Also keine Ausreden mehr. รœberwinde dich mal wieder, geh ins Museum!

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