Linke Architektur, oder: Warum ich kein Konservativer mehr bin

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Es gab eine Zeit, in der ich dachte, dass früher alles einmal besser gewesen sein muss. Immerhin ist es die Vergangenheit, die unsere Bildung, Kunst, Architektur, Sprache und Kultur hervorgebracht hat und mich vor ihren Werken, Institutionen und Denkmälern andächtig innehalten ließ. Das Narrativ der Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, stammt immerhin schon aus dem 12. Jahrhundert, erstmalig erwähnt vom Philosophen Bernhard von Chartres.

Eines dieser Denkmäler, vor dem ich während meines Philosophiestudiums besonders oft verweilte, war das Alte Rathaus in Bamberg. Obwohl es zwei völlig unterschiedliche Stile vereint (Fachwerk und Rokoko), ist der Anblick ein Genuss und für mich einer der schönsten Flecken auf dieser Erde.

Der Sage nach bauten die Bamberger Bürger ihr Rathaus mitten in der Regnitz (dem Fluss, der durch Bamberg fließt), weil der Fürstbischof im 14. Jahrhundert den Bürgern verkünden ließ, dass auf seinem Grund und Boden kein Rathaus gebaut werden würde. Nachdem es zwischenzeitlich abbrannte (das Pulverlager in den Turm zu integrieren war keine gute Idee), wurde es im 15. Jahrhundert im gotischen Fachwerkstil erbaut.

Mitte des 18. Jahrhunderts war das alte Fachwerk verpönt, und der inzwischen regierende reiche Fürstbischof wollte Bamberg im Sinne seines Zeitgeistes umgestalten. Also wurden an den meisten Gebäuden die Hölzer aufgeraut, damit eine barocke Fassade an den Häusern angebracht werden konnte. Bamberg blieb vom Zweiten Weltkrieg zwar weitestgehend verschont, allerdings führten Brückensprengungen und Artilleriebeschuss dazu, dass einige der Fassaden abbröckelten. In einigen Fällen entschied man sich nun dazu, das Fachwerk wieder freizulegen, im Falle des Rathauses wurde nur die kleinere Hälfte „entbarockisiert“.

In der heutigen Zeit wird nichts mehr mit neuer Architektur überbaut. Warum auch? Abgesehen davon, dass eine Umgestaltung in der heutigen Ästhetik ein Grauen wäre, sind Glas, Stahl und viereckige Behausungen für den Massenmenschen sowieso viel billiger. Nichts spiegelt den kulturellen Wert und den Zeitgeist einer Epoche so gut wider wie die Architektur. Das beweisen antike Tempel genau so gut wie die Plattenbauten des Sozialismus oder die Hunderten Lustschlösser der absolutistischen Könige Europas.

Konservative müssen sich in ihrer heutigen defensiven Haltung allen Ernstes fragen lassen, warum die Schönheit, auf die man in der Vergangenheit Wert legte, in der Architektur und überhaupt auf der Welt noch eine Berechtigung hat (Empfehlung: Roger Scruton: „Why beauty matters“). Dementsprechend verbuchen sie es in Deutschland als klaren Sieg, wenn allzu moderne neue Bauten verhindert werden oder das alte Berliner Stadtschloss wiederaufgebaut wird. Nun ist es mit Sicherheit keine Schande, die Architektur unserer Vorfahren mit mehr Respekt zu behandeln als die hässlichen Bauklötze unserer Zeit.

Das Festklammern am Alten und das passive Hinnehmen alles unschön errichteten Neuen führten jedoch zu der Lage, in der sich die Konservativen heute befinden. Kraftlos wird versucht, das Alte zu erhalten, während die Hässlichkeit so gut wie alle neu geschaffenen Denkmäler unserer Zeit dominiert. Und dabei waren die konservativen Kräfte lange an der Macht. Anstatt etwas verändert zu haben, nutzen sie ihren Zulauf allerdings bis heute, um den neuesten linken Schwachsinn erst einmal zu verteufeln, um ihn dann doch langsam als die neue Realität zu akzeptieren. Der etablierte politische und künstlerische Dualismus aus konservativen und linken Kräften lässt sich besonders gut mit einem Beispiel verdeutlichen.

Einerseits sind die Kultur auflösenden Kräfte für fast alle Neubauten in den Städten verantwortlich, auf der anderen Seite bekommt der Konservative immer mehr Orte der Rückbesinnung, damit er ruhig bleibt. Diese Orte, seien es wiedererbaute Denkmäler oder neu errichtete Museen, die an die alte Zeit erinnern sollen, erfüllen den Wunsch des Konservativen, in ein Verhältnis zu seinen Vorfahren gesetzt zu werden. Der Bezug zu der Zeit der kulturschaffenden Menschen vor ihm ist dem Konservativen enorm wichtig. Dabei vergisst er jedoch oft, selbst tätig zu werden und Neues zu errichten, das für spätere Konservative wieder erhaltenswert sein könnte. Genau aus diesem Grund werden die Museen der Zukunft auch nur noch die Veränderungen Richtung Auflösung von Kultur dokumentieren können.

Die Linksliberalen haben das Verlangen der Konservativen, mit ihrer Vergangenheit verbunden zu sein, seit jeher verachtet. Sie proklamieren den neuen Menschen, der keine Nationalität und kein Geschlecht hat und allerhöchstens der „Kultur“ (die Anführungszeichen sind Programm) des globalistischen Fortschrittsdenkens entspringt. Die Architekten unserer Zeit errichten ihm seine Tempel, die wie die neuen Menschen selbst auch ohne Ästhetik auskommen. Diese Tempel sehen in allen Städten gleich aus, damit sich die größer werdende Anzahl an Kosmopoliten auch überall zu Hause fühlen kann. „Zu Hause“ meint in diesem Kontext explizit nicht Heimat. Diese ist nämlich nicht austauschbar und beliebig, sondern das Zusammenspiel aus Kultur, Natur, Tradition und Ästhetik, welche Gott sei Dank noch nicht überall auf der Welt dieselbe ist.

Das ästhetische Empfinden spielt als schaffender Wert die herausragendste Rolle, da es bestimmt, welche Dinge Teil der Kultur und schließlich Tradition werden. Die Natur hat auf die Lebensweise in der Heimat zwar auch einen viel besungenen Einfluss, allerdings lässt sich dieser ohne die gewaltsame Vertreibung der Menschen schlecht dekonstruieren. Deshalb war es vor allen anderen Institutionen auch zuerst die Schönheit, welche die Feinde alles kulturell Gewachsenen als rein subjektives Empfinden „entlarven“ wollten. Ihr Erfolg, auch wenn es prominente Gegensprecher gibt (siehe Scruton), lässt sich leider an jedem Stadtbild messen.

Als ehemalig Konservativer musste ich mir also die Frage stellen: Welche Institutionen, Bräuche oder Architektur genau will ich aus den fast 30 Jahren meiner Existenz und der Zeit davor eigentlich konservieren? Ich musste feststellen, dass es nichts von dem ist, was mir die Postmoderne zu bieten hat. Einer starken Epoche wäre die Schönheit nicht egal, und sie würde diese mit den Mitteln ihrer Zeit, die dafür durchaus geeignet sind, umsetzen wollen. Wenn dafür alte Bauten unserer Vorfahren in ein neues, ebenso prächtiges Gewand gehüllt werden müssen, dann sei dem so. Im Falle des Alten Rathauses in Bamberg will man als konservativer Bewahrer des ehrwürdigen Alten ja auch sowohl das alte Fachwerk als auch die barocken Elemente erhalten.

„Er sprach: So ist man recht gesinnt! Wer überwindet, der gewinnt“, heißt es in Goethes „Faust“. Wer ewig das Alte anbetet und voller Trauer an etwas Vergangenes seine Zeit in Museen verbringt, der wird schlussendlich weder etwas Altes überwinden noch etwas Neues erschaffen. Neues wird es trotzdem geben, und es ist an der Zeit, dabei ein Wörtchen mitzureden, wenn wir nicht wollen, dass die Hässlichkeit Teil unserer daran sterbenden Kultur wird. Etwas zu erschaffen, ist immer ein künstlerischer Akt, und genau da muss der Anfang gemacht werden – sei es in der Architektur, der Malerei oder Schriftstellerei. Es reicht nicht mehr, nur „konservieren“ zu wollen in einer Zeit, in der alles Beständige von offizieller Seite – der Regierung, den Unis und den meisten Medien – dekonstruiert wird.

Das Alte Rathaus in Bamberg ist ein gutes Beispiel, wie die alte Schönheit des Fachwerks überwunden wurde und im Sinne des barocken Zeitgeistes mit einer neuen, ebenso schönen Fassade überzogen wurde. Das Neue kann sich bei der Überwindung also ohne Probleme am Alten orientieren, wofür das Bamberger Rathaus ein Musterbeispiel ist. Was wir Europäer brauchen, ist nicht weniger als eine neue Art Schönheit (die sich innerhalb Europas selbstverständlich unterscheiden soll). Diese muss dann auch konsequent vertreten werden, anstatt sich doch dem Billigen und Hässlichen hinzugeben oder dem alten Schönen nachzutrauern. Überzeugen wir mit kulturell-ästhetisch anspruchsvollen Taten und Werken, folgt der Rest, und die Mehrheit wird sich wieder daran erinnern, dass die kulturell-ästhetische Kontemplation einen viel tieferen Sinn stiften kann, als es der Weltbürger in seinen Tempeln aus Stahl und Glas mit seinen austauschbaren und nichtssagenden „Kunst“werken jemals könnte. Diese Erkenntnis wird sich anschließend ohne Zweifel auch politisch widerspiegeln.

Wir sind nun mal keine Zwergen auf den Schultern von Riesen, sondern sind ein Teil des Riesen, der durchaus wieder tätig werden kann. In die Zukunft müssen wir schauen! Den Blick nach hinten können die Zwerge auf unseren Schultern für uns übernehmen. Eine ironische Schlussbemerkung, die meine Kritik am Konservatismus noch einmal zusammenfassen wird: Das Alte Rathaus in Bamberg beherbergt heutzutage ein Museum. Einen Besuch ist es trotzdem wert, auch wenn man an der größten privaten Porzellansammlung Europas nicht interessiert ist.

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