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Haben wir einen, der Golf spielt?

8. November 2024
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Von Karl-Heinz Stiegler

Die Ampel leuchtet nicht mehr, die Medien rasen drauflos. Welcher Moment hรคtte die 1066ย Tage des farbenfrohen Triumvirats besser bilanzieren kรถnnen als ein grauer, nebliger, kalter Novembertag? Wenn sich erfรผllt, was man gehofft, woran man aber nie geglaubt hat, dann sind Schadenfreude, Erleichterung und Hรคme groรŸ. In der Aufmerksamkeitsรถkonomie schwamm das kindergerecht formulierte Szenario des โ€žAmpel-Ausโ€œ immer wieder oben auf. Doch nun muss sich der Dopaminspiegel wieder senken. Wer sich im Freudentaumel als Erster besinnt, hat die Nase vorn.

Auch wenn wir mit โ€žNewsโ€œ รผberhรคuft werden, wissen wir eigentlich noch nicht viel. Nur: Die FDP macht mal wieder FDP-Sachen und zieht den Kopf aus der Schlinge, bevor Teer und Federn sie zu offensichtlich als Mittรคterpartei kennzeichnen. Damit bleibt genug Zeit, sich vor dem nรคchsten Wahltheater in ein neues, staatsmรคnnisches und kritisches Kostรผm zu kleiden.

Wann das sein wird, weiรŸ indes niemand. (Noch-)Bundeskanzler Scholz hat zwar fรผr den 15. Januar 2025 die Vertrauensfrage angekรผndigt, aber erstens bleibt abzuwarten, ob er sich nach dem Jahreswechsel โ€žnoch daran erinnernโ€œ kann; zweitens erscheinen ab dem Moment der Vertrauensfrage zwei Optionen realistisch, die ohne Neuwahlen auskommen:

1.) Scholz findet eine Mehrheit unter den โ€žAfD-Verhinderernโ€œ. Dann hรคtte er zwar keinen neuen Koalitionspartner, kรถnnte aber eine rot-grรผne Minderheitenregierung mit wechselnden Mehrheiten testen. Minderheitenregierungen sind bisher fรผr den bundesdeutschen Parlamentarismus untypisch. Angesichts der erstarkenden Alternative kรถnnte das Modell aber zeitnah fรผr die Kartellparteien interessant werden. Ein knappes Jahr Testlauf, bis im September 2025 ohnehin planmรครŸig neu gewรคhlt wird, kommt da gelegen.

2.) Scholz verliert zwar die Vertrauensfrage, aber es kommt nicht zu Neuwahlen. Ob neu gewรคhlt wird, entscheidet schlieรŸlich der Bundesprรคsident. Und ob Steinmeier, Scholzens ehemaliger Genosse, der seine SPD-Mitgliedschaft lediglich fรผr seine Amtszeit als Bundesprรคsident ruhen lassen muss, wirklich von seinem Auflรถsungsrecht Gebrauch macht, darf bezweifelt werden. Zwar kam es in der Geschichte der BRD schon dreimal zu vorgezogenen Neuwahlen; der Unterschied zur Situation heute ist jedoch, dass die damaligen Bundeskanzler Brandt, Kohl und Schrรถder jeweils das Scheitern der Vertrauensfrage selbst wollten. Davon kann bei Scholz nicht die Rede sein. In diesem Fall ist es wahrscheinlich, dass sich der Bundestag einen neuen Kanzler wรคhlt und aus eigener Kraft eine neue Regierung bildet. Warum nicht mit Merz an der Spitze?

Warten wir also ab, ob es wirklich schon im Mรคrz zu Neuwahlen kommt. Eine Sache bleibt derweil besonders wichtig: Wie sollte sich eine wahrhaft oppositionelle Partei in dieser chaotischen Situation verhalten? Drei Szenarien, absteigend sortiert:

1.) Der Idealfall fรผr Deutschland unter allen realistischen Mรถglichkeiten wรคre paradoxerweise zunรคchst eine Koalition aus CDU, Grรผnen und mรถglichst vielen anderen roten Parteien. Dieses โ€“ zugegeben akzelerationistische โ€“ Szenario einer โ€žAfD-Verhinderungskoalitionโ€œ brรคchte zwar vorerst keine Verbesserung fรผr Deutschland, dafรผr aber die Selbstzerstรถrung der CDU mit sich. Und das ist die erste Voraussetzung fรผr den wirklichen Erfolg der Alternative bei der รผbernรคchsten Wahl. Fรผr die AfD bedeutet das: weiter das Overton-Fenster nach rechts verschieben und dadurch die Brandmauer der CDU aufrechterhalten.

2.) Alles hรคngt an der CDU. Weniger gut fรผr Deutschland wรคre es, wenn diese nicht auf linksextreme Koalitionspartner angewiesen wรคre, sondern es erneut fรผr eine GroKo oder โ€žDeutschland-Koalitionโ€œ mit der FDP reichen wรผrde. In diesem leider wahrscheinlichsten Szenario wรผrde der โ€žMythos der Mitteโ€œ aufrechterhalten und die dann schwarz-gefรผhrte Regierung wรคre vermutlich stabil. Das โ€žweiter so!โ€œ wรผrde das weitere Dahinsiechen und die weitere Agonie Deutschlands bedeuten. Dieser Lethargie kann sich die AfD nicht erwehren, die dann weiter wie bisher von den Fehlern der anderen abhรคngig bliebe, die sie immer besser ausschlachtet und โ€žinstrumentalisiertโ€œ.

3.) Das Horrorszenario wรคre allerdings eine weitere linke Regierung, wahlweise aus Grรผnen, SPD, BSW und mรถglicherweise FDP. Die Folgen wรคren nicht nur fรผr das Land verheerend, sondern auch fรผr die Chancen einer Alternative. Die Situation wรคre sozusagen ein โ€žHyperakzelerationismusโ€œ, der jede Substanz des Widerstands verschleiรŸt. Neben den inhaltlichen politischen Gefahren bestรผnde das Problem, dass sich CDU und AfD vermutlich weiter angleichen wรผrden; unter inhaltlichem und prozentualem Verlust der AfD und dem Aufbauschen der Unionsparteien. Vor dem Hintergrund des politischen Schreckensgeschehens kรถnnten sich beide genรถtigt fรผhlen, es doch miteinander zu versuchen. Zum Glรผck erscheint dieses Szenario, in dem die AfD alles dafรผr tun mรผsste, glaubhaft weiter ihr Profil zu schรคrfen, am unwahrscheinlichsten.

Bis dahin kann jede Opposition das politische Chaos, das die Ampel angerichtet hat, fรผr sich nutzen. Merz zum Beispiel hat es direkt verstanden, sich als Stabilitรคtsgarant und Elder Statesman aufzuspielen. Daran kann die AfD noch lernen. Wie cool wรคre es jetzt bitte, wenn eine Alice Weidel sich als kรผnftige Kanzlerin gibt und schonmal einen vorsorglichen Besuch beim vorletzten und nรคchsten US-Prรคsidenten abhรคlt? Nicht, weil die รคuรŸerst einseitige transatlantische โ€žLiebschaftโ€œ so wรผnschenswert wรคre, sondern weil man aus den gegebenen Umstรคnden das Beste machen muss? Oder wรผrde Hรถcke zu Gast bei Trump fรผr mehr Empรถrung unter den Einheitsmedien sorgen? Wer wรผrde neben Trump in Mar-a-Lago ein besseres Bild machen? Krah? Kann er Golfen?

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Bรผcher

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