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Vom alten Eisen

6. Mai 2021
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Den 1. Mai verbrachte ich auf traditionelle Art und Weise, aber nicht im Sinne des Traditionsbegriffes der Tagesschau. Nein, wรคhrend in den bundesrepublikanischen Favelas das arbeitsscheue Gesindel in alter Manier etwas aufmucken durfte, wรคhrend die Staatsmedien dieses Theater routinemรครŸig relativierten, wรคhrend sich die Einen fragten, weshalb der โ€œTag der nationalen Arbeitโ€œ รผberhaupt noch zelebriert werden darf und wรคhrend die Anderen auf die berechtigte Frage auch diesmal keine Antwort gaben, wรคhrenddessen wanderte ich in bester Gesellschaft durch die heimischen Wรคlder.

In den Rucksรคcken klirrten die Bierflaschen, bei unseren zahlreichen Rasten wurden Brotdosen herumgereicht. Das zarte Frรผhlingsgrรผn hatte sich noch nicht in seiner ganzen Pracht entfaltet, denn das Frรผhjahr war bisher nass und kalt – ein untrรผgliches Zeichen fรผr die 2 Grad-Klimaerwรคrmung. Oder so รคhnlich.

Jedenfalls war dieser 1. Mai seit langem ein Tag, von dem ich sagen wรผrde, dass er rundherum schรถn war. Keiner trug Maske, keiner hielt Abstand, das Bier schmeckte. Im Wald war keine Polizei, kein Blockwart, kein โ€œHalte Abstand, bleib gesundโ€œ-Trรคllerer. Man hรถrte nur die Vรถgel und uns.

Etwas alkoholisiert stolperte ich irgendwann รผber einen Gegenstand, der im festgestampften Dreck des Feldwegs kaum auffiel. Es war ein etwa 20 Zentimeter langes Eisenband mit einer Bohrung. Beide Enden schienen abgebrochen, wobei das eine noch die Ansรคtze zweier geschwungener Auslรคufer erahnen lieรŸ. Obwohl stark korrodiert, schloss ich auf eine schmiedeeiserne Bearbeitung.

Natรผrlich nรถtigte ich eine Trรคgerin der Gruppe zur unbedingten Mitnahme dieses rรคtselhaften Gegenstandes, รผber den ich in einer Mischung aus Rausch und kindlicher Neugier allerhand Vermutungen aufstellte.

Ein Schwert vielleicht? Nein. Der Auslรคufer eines Tรผrscharniers? Ja, vielleicht. Es kรถnnte sich auch um den Teil eines Pfluges gehandelt haben. Vielleicht stammt es auch von einem Anhรคnger. Wieso lag es da herum?

Jedenfalls klang der Tag bei Grillgut und Hochprozentigem aus. Das Rรคtsel wurde nicht mehr gelรถst und ich vergaรŸ den rรคtselhaften Gegenstand in den tiefen des Rucksacks.

Einige Tage spรคter hรคndigte mir die Trรคgerin das in Taschentรผcher eingewickelte Eisenstรผck (โ€œWickel es ein, damit es nicht kaputt geht! Und wehe Du wirfst das weg! Wickel es ein! Hallo!โ€œ) wortlos aus. Die Art, wie sie das tat, verriet mir ihre Ignoranz und mangelnde Neugierde ob der rรคtselhaften Dinge, die man auf Wanderwegen entdecken kann.

Wahrscheinlich erwartete sie von mir, dass ich โ€œden alten Schrottโ€œ entsorge, aber ich denke nicht daran. Ich habe ihn ins Regal gelegt – zu den anderen Sachen. Wenn ich in den nรคchsten Tagen, Wochen und Monaten also wieder nur beim obligatorischen Gang zum Bรคcker vor die Tรผr komme, wenn mein einziges Rรคtsel in der Rรผckverfolgung eines DHL-Pakets liegt, dann muss ich nur das alte Eisen betrachten und weiรŸ: Das echte Abenteuer wartet irgendwo da drauรŸen.

ABOS

Bรผcher

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