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Was man im Knast verlernt

15. Juli 2025
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Die wohl eigenartigste Blรผte, die das Dreivierteljahr hinter Gittern bei mir hinterlassen hat, ist, dass ich verlernt habe, mich zu ernรคhren. Damit meine ich nicht, โ€žmich gut zu ernรคhrenโ€œ, denn treue Leser werden wissen, dass das noch nie so wirklich mein Fall war, sondern รผberhaupt. Essen war fรผr mich immer eher etwas, das halt erledigt werden musste, vorzugsweise mit minimalem Zeitaufwand. Was das betrifft, kam mir das Knastleben maximal entgegen: Um elf Uhr kommt die Menage, manchmal mit ekligem Zeug zum Runterwรผrgen (etwa Linsensuppe mit ranzigem Fleisch), um die zweite Tageshรคlfte nicht vom Hunger geplagt zu werden, teils aber auch mit etwas ganz Leckerem, zum Beispiel Schnitzel. Sogar der Zeitrahmen des Essens war vorgegeben: 40 Minuten, danach wurden die Reste eingesammelt.

Das Thema Essen wanderte so aus dem hintersten Winkel meines Kopfes peu ร  peu endgรผltig in den Papierkorb, um Platz fรผr mein Geschreibsel, paranoide Gedankenstrudel und das Aushecken elaborierter Plรคne, es der Justiz noch aus dem Gefรคngnis heraus publicitymรครŸig heimzuzahlen, zu machen. Nach der Entlassung fand ich mich dann in der Situation wieder, neuneinhalb Monate Familienleben nachholen, mein Buch digitalisieren und lektorieren sowie auf einer groรŸen Tour (sowohl physisch durchs Land als auch online) รผber das Geschehene berichten zu โ€žmรผssenโ€œ โ€“ gleichzeitig. Ich nahm in anderthalb Monaten sieben Kilogramm ab, von meinem Normalgewicht von 70 runter auf nun gerade einmal 63.

Das lag vor allem daran, dass ich tagsรผber einfach vergaรŸ, zu essen. Ich nahm nur noch abends eine groรŸe Suppe zu mir. Ein paar Kartoffeln, Ei und Knoblauch in die Sternchensuppe geschmissen, fertig. Fachliteratur zu diesem Thema wie dem โ€žSuppenkasperโ€œ folgend, hรคtte das ja eigentlich genรผgen mรผssen, aber die hatte mich wohl auf den Holzweg gefรผhrt. Das Grundadrenalin der plรถtzlich anstehenden, meist positiv aufregenden Aufgaben sowie das emotionale High der Wiedervereinigung mit meiner Familie hatten mein ohnehin von Natur aus eher zartes Hungergefรผhl zeitgleich so weit betรคubt, dass es unter die Wahrnehmbarkeitsschwelle fiel.

Es ist beeindruckend, wie abhรคngig es einen zurรผcklรคsst, die Verantwortung fรผr einfachste Dinge des Alltags abgenommen zu bekommen. Die Umstrukturierung des Tagesablaufs, sodass er Raum fรผr Zubereitung und Verzehr regelmรครŸiger Mahlzeiten lรคsst, gehรถrt derzeit zu den Aufgaben, die in meinem Leben die meiste Disziplin erfordern. Das im Knast angewรถhnte Kettenrauchen wieder loszuwerden, war vergleichsweise einfach.

Der weichest denkbare Totalitarismus wรผrde so aussehen, dass der Mensch einfach in groteskem MaรŸe von technischen Hilfsmittelchen und staatlicher Assistenz abhรคngig gemacht wird, auf freiwilliger Basis, sodass man im Falle seines Aufmuckens nichts Drakonischeres mehr androhen mรผsste, als aufzuhรถren, ihm das Hemd zu knรถpfen und die Schuhe zu binden. Der Gulag, beziehungsweise der Social-Credit-Score von null, hieรŸe einfach โ€žein groรŸer Junge seinโ€œ. Wenn du Apfelschnitze willst, dann musst du sie dir selber schneiden. Willkommen in der Hรถlle.

Ein bisschen leben wir ja schon so, insbesondere die gesellschaftlich prรคgende Klasse. Sie lรคsst sich im Gros mit dem Verlust von Annehmlichkeiten auf Linie halten, die der normale Mensch gar nicht kennt. Als Kimmich sich nicht impfen lassen wollte, reichte es letztlich aus, ihm den Verlust der ganz groรŸen Bรผhne und das Zurechtstutzen seines sozialen Status anzudrohen. Nach dem Schlimmsten, das man gegen ihn in petto gehabt hรคtte, wรคre er immer noch ein berรผhmter Millionรคr gewesen, lediglich mit weniger Wachstum auf dem Konto und einem ambivalenteren Image.

Im Bereich der die รถffentliche Meinung mitbeeinflussenden Promis funktionieren weich-autoritรคre MaรŸnahmen nach wie vor ziemlich gut, weil diese Leute ihren Selbstwert aus ihrem รถffentlichen Image beziehen, das man jederzeit androhen kann, zugrunde zu richten. Was die ohnehin ausgestoรŸenen รถffentlichen Stimmen angeht, die sich mit ihrer Situation schon lange arrangiert haben, scheint jedoch langsam bis auf unelegantere, offen autoritรคre MaรŸnahmen โ€“ Zensur, BuรŸgeld, Knast โ€“ alles ausgeschรถpft. Wenn diese sich nun selbst diesen richtigen Zรคhnen gegenรผber unempfindlich zeigen und im Gegenteil postwendend mit Hieben unter die Gรผrtellinie der Reputation des Systems antworten, das so lange alles versucht hat, um nur nicht tyrannisch zu wirken, haben sie fertig.

Was ich auch teilweise neu erlernen musste, ist Zeitmanagement an und fรผr sich. Wenn Zeit รผber Nacht von einem totzuschlagenden ร„rgernis zur wertvollsten Ressource รผberhaupt wird, muss man sich erst mal wieder orientieren. Wรคhrend ich mir dort den ganzen Tag lang Parteitage wie den der FDP und der Linken anschauen konnte, um nach den lustigsten Gestalten Ausschau zu halten und Kasper im Anschluss Bericht zu erstatten, besteht die Aufgabe jetzt wieder darin, mรถglichst fix die entscheidenden Schnipsel zu lokalisieren โ€“ etwa im Falle des Chimpouts im Bundestag nach der Nichtwahl von Brosius-Gersdorf.

Eigentlich kรถnnten wir ein paar dauerhaft vor Phoenix festgetackerte Spรคher sogar gut gebrauchen, denn ohne mich in dieser Position hรคtten wir vermutlich von Leckerbissen wie dem Auftritt des aus erwachsenen Mรคnnern, die sich wie Schulmรคdchen kleiden, bestehenden Rap-Kollektivs โ€žDer Nebenwiderspruchโ€œ auf dem Linken-Parteitag gar nicht erfahren.

Die beiden besangen dort unter anderem ihr alle politischen Differenzen transzendierendes sexuelles Interesse an Christian Lindner, wรคhrend Reichinnek und van Aken begeistert klatschten.

ABOS

Bรผcher

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